15.01.2018 / Feuilleton / Seite 10

Wohin, Britannia?

Dusan Deak

Die neuesten Zahlen aus dem britischen Parlament verheißen nichts Gutes. Seit der Neuwahl des Unterhauses im Juni sind nur noch 24.473 Versuche registriert worden, an Rechnern des Parlaments Websites mit pornographischem Inhalt aufzurufen. Im Jahr 2016 soll es 113.000 entsprechende Zugriffe gegeben haben, 2015 waren es noch stolze 213.000 Klicks. Die Rate sinkt also dramatisch. Wenn es so weitergeht, gibt es seitens britischer Politiker bald überhaupt keine Zugriffe mehr auf Pornoseiten. Eine beängstigende Entwicklung im Land des guten Benehmens und verfeinerten Geschmacks.

Sexskandale gehören zur britischen Tradition wie die Königsfamilie. Anfang der 60er unterhielt Kriegsminister Profumo Verbindungen zu einem Prostitutionsring, BBC-Moderatorenlegende Jimmy Savile war einer der größten Kinderschänder der Geschichte, am massenhaften Missbrauch in Rotherham war die gesamte Stadtverwaltung beteiligt … Wo kommen wir hin, wenn dieser Pfeiler britischer Leitkultur ins Wanken kommt?! Als mögliche Ursachen gelten Brexit-Frust, Sabotage der Euro-Befürworter, aus Bewegungsdefiziten resultierende Muskel- und Koordinationsschwäche.

Letztere gibt es auch bei deutschen Politikern. Dem AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier rutschte neulich – wie manchem Parteikollegen zuvor – aus Überarbeitung und Übermüdung die Maus weg, was zu einer vollrassistischen Tirade über »Halbneger« führte. Überlegt wird nun, Volksvertretern nach wiederholter »sprachlicher Entgleisung« eine Ruhepause staatlich zu verordnen.

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