17.02.2016 / Feuilleton / Seite 11

Herzerweichend freudianisch

Benjamin Moldenhauer

Maggie ist Single und plant ein Kind. Ihre Beziehungen würden eh nicht länger als sechs Monate halten, erzählt sie ihrem Exfreund, warum also die Mühe? Ein Samenspender ist auch schon gefunden. Greta Gerwig spielt in Rebecca Millers Komödie »Maggie’s Plan« (im Panorama) eine weitere Variation ihrer Rolle aus Noah Baumbachs »Frances Ha«, eine junge, sozial leicht desorientierte Frau, die versucht, glücklich zu werden. Auch Millers Film könnte an keinem anderen Ort spielen als in New York, der Stadt, die Woody Allen als das Weltzentrum der beziehungsgestörten, alles in allem aber gutartigen Intellektuellen in der Filmgeschichte verankert hat.

Maggies Drama ist der unablässige Versuch, das Glück herbeizuplanen. Der Zuschauer ahnt nach spätestens drei Minuten: Das wird nichts. Maggie verliebt sich in den jungen Unidozenten John (Ethan Hawke), es treffen sich zwei, die sich finden mussten: Sie befreit ihn aus den Fängen seiner sehr neurotischen Ehefrau (Juliane Moore in ihrer komischsten Rolle bislang), er hat endlich jemanden, der sich für seinen immer weiter ausufernden Text, der einmal sein erster Roman werden soll, interessiert. Eine Tochter wird geboren, und der Film braucht nur einen Schnitt und einen kleinen Zeitsprung, um Maggies Verdacht zu bestätigen, dass keine Liebe ewig hält. Sie versucht, John zurück zu seiner Exfrau zu lotsen, die beiden nähern sich einander wieder an, wie das Akademiker eben so machen (»Keiner erklärt den Warenfetisch so schön wie du«).

Auch wenn Rebecca Miller ihre Erzählung auf der Soundspur programmatisch mit einem vergnügt-beschwingten Offbeat beginnen lässt und diesen Ton auch hält, ist das hier mehr als nur eine weitere Stadtneurotikerkomödie (aber das gilt natürlich für alle gelungenen Stadtneurotikerkomödien). Sehr schön, wie genau und unaufgeregt die Details in »Maggie’s Plan« gesetzt werden. Ein beiläufiger Satz, eine Geste – alles fügt sich zu einer Geschichte, die von ihren Volten lebt, aber immer auf der präzisen Charakterisierung der Hauptfiguren fußt. Die Wege der hier durchgespielten Beziehungskonstellationen sind freudianisch angelegt. Das meiste, was Maggie als Ergebnis ihrer Bemühungen bekommt, gab es in ihrem Leben schon einmal. Dass hier bei allem Witz der Wiederholungszwang die Geschicke kontrolliert, bekommt man eher nebenbei in einer Schlüsselszene erzählt, die man in ihrer Beiläufigkeit zuerst gar nicht als Schlüsselszene erkennt. »Maggie’s Plan« ist als Komödie sehr gelungen, seine Hauptfigur ist in ihren wurstigen Versuchen, sich und andere glücklich zu machen, immer wieder herzerweichend. Als analytischer Beziehungsfilm brillant.

»Maggie’s Plan«, Regie: Rebecca Miller, USA 2015, 99 min, heute, 21.2.

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