02.01.2021 / Feuilleton / Seite 10

Lasst uns alle reich sein!

Das Elend mit dem Klassismus: Die linke Debatte über Armut und Diskriminierung

David Pape

Die Diskussion über Klassismus ist zurück. Nach dem kürzlich erschienenen Sammelband von Francis Seeck und den von Christian Baron sowie Sahra Wagenknecht angestoßenen Diskussionen über den Zusammenhang von Gendersternchen und Klasse, diskutiert die halbe (Internet-)Linke darüber, was mit dem Begriff der Klassendiskriminierung anzufangen sei. Selbst die Jusos haben sich auf ihrer Bundeskonferenz mit dem Thema beschäftigt. In einem dämlichen Antrag des Landesverbands Sachsen-Anhalt heißt es: »Die SPD soll sich dafür stark machen, dass die ›soziale Herkunft‹ als eigenständiges Diskriminierungsmerkmal ergänzend in den ersten Abschnitt des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) aufgenommen wird, damit klassistische Diskriminierung auf juristischen Weg effektiv bekämpft werden kann.« Ganz nebenbei veranschaulichen die Jusos damit das, was marxistische Kritiker seit Beginn der Debatte in Deutschland am Klassismusbegriff kritisieren: Skandalisiert wird nämlich meistens nicht, dass Menschen in Armut leben, sondern dass mit diesen Menschen anders (bzw. schlechter) umgegangen wird.

Diese Wendung zur Antidiskriminierung ist auch Ausdruck einer Verbürgerlichung linker Politik, die – statt Armut in einen systematischen Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Klassenteilung zu bringen – lieber versucht, gemäß den Prinzipien der Leistungsgerechtigkeit das Recht auf Teilhabe einzuklagen. Durch die fehlende Thematisierung der Ursachen wird die Ohnmacht aber für jene naturalisiert, die am unteren Ende der Gesellschaft aufwachsen. Ihre Armut taucht nur noch in den Menschen, aber nicht mehr in den Verhältnissen als systematische Bedingung auf.

Funktionale Armut

Der US-amerikanische Musiker Phil Ochs sang in seinem Song »Love Me, I’m a Liberal«, das liberale Bürgertum imitierend: »I hope every colored boy becomes a star / But don’t talk about revolution / That’s going a little bit too far«. Und genau wie die Kulturindustrie nicht vorsieht, alle (und noch weniger alle Schwarzen) zu Prominenten zu machen, genauso wenig können alle Armen reich werden. Die Armut ist für den Kapitalismus nicht einfach Makel, sondern funktional und notwendig. Im arbeitsteiligen Kapitalismus wird nicht nur über Qualifikation und Tätigkeit der soziale Status begründet, die Armut der vielen ist notwendig, damit die vielen über ihre Arbeit den wenigen einen unverschämten Reichtum bescheren können. Der Klassismusvorwurf fungiert dabei jedoch nicht nur als Ausdruck der Empörung. Er ist der Versuch einzelner, mittels moralischer Vorwürfe an seinen/ihren Fair Share zu kommen: Man bemüht die eigene familiäre Prekarität, um in die Spitzenfunktionen dieser Gesellschaft aufsteigen zu können – mit Hilfe der Tränendrüse.

Der müde Hinweis, dass es sich bei Klasse um eine Kategorie der politischen Ökonomie handelt, mit der auf dem Modus der Reichtumsproduktion mittels Ausbeutung hingewiesen werden soll und es nicht um die Diskriminierung eines bestimmten Milieus geht, läuft allerdings auch ins Leere. Denn soziologische Milieus sind nicht das Gegenteil von Klassen, sondern wie der kürzlich verstorbene Ulf Kadritzke schreibt: »Die differenzierte Klassenstruktur der industrialisierten Dienstleistungsgesellschaft erschließt sich nach wie vor über die kapitalistischen Produktionsverhältnisse.« Die Klassengesellschaft strukturiert auch innerhalb der Arbeiterklasse hierarchisch deren Zusammensetzung: Es wird ein Machtverhältnis geschaffen, das diejenigen Lohnabhängigen mit Macht und Geld ausstattet, die durch ihren Beruf näher am Interesse des Kapitals sind. Dadurch taucht das Klassenverhältnis innerhalb der Klasse als Gewalt von Vor- über Hilfsarbeiter oder im Verhältnis zwischen Hand- und Kopfarbeit wieder auf.

Klassismus übernimmt in der kapitalistischen Gesellschaft dabei zwei Funktionen: Klassismus soll die bürgerliche Gesellschaft absichern, indem das Scheitern in dieser Gesellschaft als kulturelle Eigenheit der Armen dargestellt wird, um damit zu überspielen, dass dieses Scheitern systematisch angelegt ist. Dies ist als Mechanismus jedoch nicht auf das Verhältnis zwischen den beiden Klassen beschränkt, sondern erhält auch die hierarchische Arbeitsteilung, die sich soziologisch in Milieus abbildet.

Soziale Abschottung

Die andere Funktion ist die der Reproduktion der herrschenden Klasse durch soziale Abschottung. Über die Eintrittshürden, die (kulturell und formal) zur höheren Gesellschaft geschaffen werden, wird die Reproduktion einer bestimmten Klasse durch sich selbst sichergestellt. Das ist zwar nicht unbedingt notwendig zur Sicherstellung der Klassengesellschaft, sichert aber trotzdem den Herrschaftsanspruch der empirischen Klasse. Ziel ist es, das eigene Milieu vor allzugroßer Konkurrenz durch die unteren Klassen zu verschonen.

Dass der Kampf um Teilhabe und die Abschaffung der Klassenprivilegien mit dem Versuch der Abschaffung der Klassengesellschaft verwechselt wird bzw. ihn teilweise ersetzt hat, macht diesen Kampf nicht weniger notwendig. Die Abwertung der Arbeiter deckt sich mit dem materiellen Interesse des Bürgertums und ist Teil eines Klassenkampfs von oben. Durch diese Abwertung wird sowohl ihre Stellung nach unten hin abgesichert als auch das Scheitern an der Gesellschaft den Armen selbst angelastet.

Dabei verschafft einem jedoch weder das stetige Jammern darüber, in der Gesellschaft zu kurz gekommen zu sein, noch das weinerliche Bemühen um Anerkennung (als Klasse) mehr Privilegien oder Reichtum. Diese werden einem nämlich nicht aus Mitleid gegeben oder weil man mit moralischem Zeigefinger versucht, die bürgerliche Gesellschaft anhand ihrer eigenen Ansprüche zu blamieren. Die Einsicht, dass man als Arbeiterkind von dieser Gesellschaft nichts zu erwarten hat als den ständigen Verweis darauf, wo man eigentlich hingehört, führt einem nicht nur die Notwendigkeit kollektiver Organisierung vor Augen, sondern kann einem auch einiges an Enttäuschungen ersparen.

https://www.jungewelt.de/artikel/393632.theorie-lasst-uns-alle-reich-sein.html