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Arbeitskampf in Ostdeutschland

Kelvion-Beschäftigte erzwingen Sozialtarifvertrag

Arbeiter bringen Konzern nach fast vier Streikwochen zum Einlenken. Hoffnungen auf Werksrettung durch externen Investor

Foto: IG Metall
Kelvion-Arbeiter sitzen während des Streiks in einem Veranstaltungszelt zusammen (Wilchwitz)

Fast vier Wochen waren die Beschäftigten des Wärmetechnikherstellers Kelvion am Standort Wilchwitz in Ostthüringen im Erzwingungsstreik, nun haben sie dem Konzern einen Sozialtarifvertrag abgerungen. Am Sonnabend hatten über 80 Prozent der in der Industriegewerkschaft Metall (IGM) organisierten Arbeiter für den angebotenen Sozialtarifvertrag gestimmt, teilte die Geschäftsstelle Gera und Jena-Saalfeld am Wochenende mit. »Wir haben mit dem ersten unbefristeten Streik in Ostthüringen seit 35 Jahren einen historischen gewerkschaftlichen Erfolg erzielt«, zeigte sich Gewerkschaftssekretär Tom Knedlhanz zufrieden.

Der Kelvion-Konzern hatte Ende 2025 überraschend angekündigt, das Werk in Wilchwitz mit seinen gut 250 Beschäftigten schließen zu wollen. Nachdem Verhandlungen um einen Sozialtarifvertrag ohne Ergebnis geblieben waren, stimmten die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter am 3. August einstimmig für einen unbefristeten Erzwingungsstreik, der am folgenden Tag begann. Bereits vor etwa anderthalb Wochen hatte Gewerkschaftssekretär Knedlhanz jW mitgeteilt, die Entscheidung für die Werksschließung sei für die Belegschaft »völlig überraschend« gekommen und sei angesichts der gefüllten Auftragsbücher nicht nachvollziehbar.

Der ausgehandelte Sozialtarifvertrag sieht laut IGM-Pressemitteilung einen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis Ende 2026, ferner die Einrichtung einer Transfergesellschaft mit Budget für die Weiterqualifizierung der Angestellten vor. Beschäftigte bis zu einem Alter von 59 Jahren sollen Abfindungen mit einem Faktor von 1,5 – also das anderthalbfache des Produkts aus Betriebszugehörigkeitsjahren und Entgelt – erhalten, ab 60 Jahren soll die Abfindungshöhe linear sinken. Damit sei ein außergewöhnlich gutes Ergebnis für die Beschäftigten erzielt worden, hob Knedlhanz gegenüber jW hervor. Wie viele der Arbeiter am Standort von den jeweiligen Zugeständnissen des Konzerns schlussendlich Gebrauch machen werden, ist noch offen. Die Gewerkschaft hofft ihrerseits auf eine Werksrettung durch einen externen Investor.

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»Es ist uns mit Entschlossenheit und Geschlossenheit gelungen, ein Management zu zwingen, Verantwortung für eine mehr als fragwürdige Werksschließung zu übernehmen«, sagte Knedlhanz zur erzielten Einigung. Die Standhaftigkeit der Kollegen während des wochenlangen Arbeitsausstandes zeige die Kraft der Belegschaft, die den Standort über Jahrzehnte aufgebaut habe. »Hier zeigt sich unsere Arbeitermacht. Unsere Botschaft lautet: Kämpfen lohnt sich!«

Für eine mögliche Übernahme ist derweil das sachsen-anhaltinische Unternehmen Thermowave, ebenfalls ein Produzent von Wärmetechnik, im Gespräch. Für eine mögliche Übernahme fanden vergangene Woche erneut Verhandlungsgespräche statt, wobei es allerdings noch keine belastbaren Ergebnisse gegeben hatte, wie die IGM mitteilte. »Maschinen und Produkte will man behalten, die Beschäftigten sollen beim Investor ohne Betriebsrat, Tarifbindung und mit neuen Arbeitsverträgen ins Ungewisse geschickt werden«, hatte Knedlhanz die Situation noch am Mittwoch zusammengefasst.

Das Angebot seitens Kelvion für einen Sozialtarifvertrag sei nach Verhandlungen am Freitag, die sich bis in die späten Abendstunden gezogen hätten, erzielt worden, hieß es seitens der IGM. Mit der Annahme durch die Belegschaft sei der Weg für eine Übernahme durch einen Investor frei. Gemeint ist: Die Verhandlungen zwischen Kelvion und Thermowave können ohne den Produktionsstopp und die akuten Unsicherheiten um die Zukunft der Belegschaft im Hintergrund weitergehen, so Knedlhanz im jW-Gespräch.

Was nun anstehe, sei dabei – anders, als von der Gewerkschaft gefordert – kein Betriebsübergang, sagte der Gewerkschafter jW weiter. Dies sei an der Preisfrage gescheitert: Kelvion wollte das Werk möglichst gewinnbringend abstoßen; das durch die Übernahme von Angestellten, Tarifvertrag und dergleichen entstehende unternehmerische Risiko auf seiten des Investors hätte hier aber die zu holenden Summen geschmälert. Nichtsdestoweniger zeigte er sich angesichts der errungenen Zugeständnisse auf Unternehmensseite zufrieden: »Für die Beschäftigten war der Streik eine Lebenserfahrung. Wir haben gezeigt: Solidarität funktioniert!«

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.09.2026, Seite 5, Inland

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