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Spürbare Entgeltstagnation
Verdi NRW erzielt Pilotabschluss in der bundesweiten Tarifrunde Einzelhandel
Rund 3,4 Millionen Beschäftigte zählt der Einzelhandel in der BRD. Ihre Tarifbindung ist seit Jahren rückläufig, lag 2024 laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei 23 Prozent – gegenüber 49 Prozent in der Gesamtwirtschaft. 60 Prozent der Einzelhandelskauffrauen und -männer würden ihren Beruf dem Portal Lohnspiegel.de der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge nicht weiterempfehlen: »Familienunfreundliche Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung und unangenehme Erfahrungen mit unwirschen oder überheblichen Kunden« machten ihn madig. Und doch sei er »systemrelevant«. Unzufriedene und schlecht entlohnte Proleten, die ihren Beruf gern gern hätten, an neuralgischen Punkten in der ganzen BRD: beste Voraussetzungen für eine kämpferische Tarifrunde, möchte man meinen. In Nordrhein-Westfalen (NRW) liegt ein erstes Ergebnis vor.
»Durchbruch bei Tarifverhandlungen« titelte der Handelsverband Deutschland (HDE) am späten Mittwoch abend, nachdem er sich mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Tarifgebiet NRW »nach komplizierten und schwierigen Verhandlungen« auf den ersten Tarifabschluss »geeinigt« hatte. Es sei »ein schmerzhafter Kompromiss, der viele Unternehmen im Einzelhandel an die absolute Grenze des wirtschaftlich noch Verkraftbaren bringt«, aber immerhin ein »positives Signal der Handlungsfähigkeit«, stimmte HDE-Tarifgeschäftsführer Steven Haarke die übliche Leier an. Schmerzen dürften die drei vergangenen Nullmonate allerdings vor allem den Beschäftigten bereiten – und das Plus von drei Prozent ab dem 1. August sowie von weiteren zwei Prozent ab Mai 2027 nur bedingt Abhilfe schaffen, zumal die Laufzeit 25 Monate beträgt. Bezeichnend für das Kräfteverhältnis von Kapital und Arbeit ist folgender Hinweis des Verbands: »Untere Entgeltgruppen wurden infolge des gesetzlichen Mindestlohns und vereinbarter Untergrenzen teilweise stärker angehoben.« Das soll »Signalwirkung für die übrigen Tarifgebiete« haben.
Betragen werde der »tarifliche Mindeststundenlohn« fortan 14,20 Euro und ab nächstem Mai 14,90 Euro, schlüsselte Verdi dann am Donnerstag auf. Das sind jeweils 30 Cent mehr, als der gesetzliche Mindestlohn vorsieht. Dass einige Fachkräfte nach zweijähriger Ausbildung mit diesem abgespeist werden, bemängelt die Gewerkschaft seit langem. Nun hat sie eine Verbesserung erwirkt, die sich brutto auf 50 uro pro Monat beläuft. »Wir haben in harten Verhandlungen ein Ergebnis erreicht, das den Beschäftigten spürbare Entgeltsteigerungen bringt«, kommentierte Henrike Eickholt, Landesfachbereichsleiterin und Verhandlungsführerin für den Einzelhandel in NRW, den Abschluss für die rund 700.000 Beschäftigten des größten Tarifgebiets. Gefordert hatte man ursprünglich aber sieben Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Dieser sei »nur möglich« gewesen, weil die Beschäftigten für ihre Forderungen gekämpft und so »die seit Mai andauernde Blockadehaltung der Arbeitgeber – insbesondere gegen ein tarifliches Mindeststundenentgelt – durchbrochen« hätten.
An dieser Untergrenze waren am Dienstag die Verhandlungen in Hessen gescheitert. »Der Knackpunkt waren die Erhöhungen in den unteren Entgeltgruppen, mit denen wir einen tariflichen Mindestlohn von 14,90 Euro pro Stunde nicht erreicht hätten«, zitierte die Lebensmittelzeitung den dortigen Verdi-Landesbezirksfachbereichsleiter Handel, Marcel Schäuble, am Mittwoch. Der HDE habe demnach dagegen gehalten, dass in der Branche bei Berücksichtigung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld sehr wohl mehr als Mindestlohn gezahlt würde. Den Abschluss aus dem Groß- und Außenhandel zu übernehmen wäre den deutschen Einzelhändlern schlicht zu kostspielig gewesen. Das erklärt womöglich die Blockade in den anderen Bundesländern: »In den Tarifgebieten Niedersachsen-Bremen, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Hamburg, Saarland, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin-Brandenburg haben die Arbeitgeber bereits vereinbarte Termine abgesagt«, teilte Verdi am Donnerstag mit.
In Hessen soll die Gewerkschaft allerdings vergessen haben, den tariflichen Mindestlohn unmissverständlich in den Tarifforderungen zu verankern, erfuhr junge Welt aus Gewerkschaftskreisen. Solche Schnitzer seien angesichts der zersplitterten Tariflandschaft auch der Bundesfachgruppe anzulasten. Ferner sorgen sie dafür, dass stets die Gretchenfrage offenbleibt, ob nicht mehr dringewesen wäre.
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