Soviel Hübsches
Eine Ausstellung im Ringelnatz-Geburtshaus Wurzen über Reklameverse des Dichters für die Bademodenmarke »Venus«
Bertolt Brecht, Erich Kästner und Erich Maria Remarque haben es auch getan. Angesichts des wendungsreichen Lebens von Joachim Ringelnatz wird es kaum überraschend, dass nun eine bislang weniger bekannte Facette seines Schaffens bekannt wird: Der am 7. August 1883 im sächsischen Wurzen als Hans Gustav Bötticher geborene Poet hat Reklameverse für renommierte Marken gedichtet. Geradezu Legendenstatus genießt seine kombinierte Kreation für die Sektmarke Geldermann und den Champagner von Deutz: »Hast du einmal viel Leid und Kreuz, dann trinke Geldermann und Deutz. Und ist dir wieder besser dann, dann trinke Deutz und Geldermann.«
Die weitaus meisten Werbegedichte verfasste Ringelnatz allerdings in den 1930er Jahren für die Bademodenmarke »Venus« des Chemnitzer Textilunternehmens Sigmund Goeritz AG. Am vergangenen Sonnabend fand in Wurzen die Vernissage zu der von Jürgen Nitsche kuratierten Sonderausstellung »Zwischen hübschen Streifen« im Ringelnatz-Haus statt. Der Historiker aus Mittweida begab sich dafür über mehrere Jahre hinweg auf die Suche in Archiven, wälzte vergilbte Zeitungen und präsentiert nun seine Funde in einem kulturgeschichtlichen Kontext. Die Ausstellung ist eingebunden in »Tacheles 2026«, das Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen, sowie in den diesjährigen »Ringelnatz-Sommer«. In den 1930er Jahren war Chemnitz das Zentrum der deutschen Textilindustrie. Besonders reizvoll ist es vor diesem Hintergrund, sich mit der Geschichte der jüdischen Unternehmerfamilie Goeritz und ihrer Verbindung zu Joachim Ringelnatz zu beschäftigen.
Auch bei werbehistorisch Interessierten weckt die Werkschau Interesse. Während heutzutage angesichts der Dominanz der Bildkommunikation, der Informationsflut und immer kürzerer Aufmerksamkeitsspannen Werbebotschaften meist grell, laut und überlebensgroß präsentiert werden, damit sie um jeden Preis auffallen, standen Bild und Text bei den Werbeanzeigen mit Ringelnatz-Versen in paritätischem Verhältnis. Für Ringelnatz-Anhänger bietet die Schau die Chance, eine wenig bekannte Seite seiner Dichtkunst zu entdecken. Die Werbegedichte zeigen seinen Pointenreichtum, seinen feinen Humor und seine leichte Frivolität: »Wenn es soviel Hübsches gibt, zwischen hübschen Streifen, und sich jemand dann verliebt, kann man das begreifen?«
Wurzen ist Ringelnatz-Stadt – vor allem während des alljährlichen »Ringelnatz-Sommers«, welcher in diesem Jahr in der bereits 25. Auflage vom 1. bis 10. August stattfindet und für den der Joachim-Ringelnatz-Verein Aufführungen, Lesungen, Konzerte und Schauspielevents organisiert.
→ »Zwischen hübschen Streifen«, Ringelnatz-Geburtshaus, Wurzen, bis 20.12.2026, donnerstags, freitags und sonntags zwischen 14 und 17 Uhr
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