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13.05.202610 Leserbriefe
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Politische Baumängel
Berlin: Die Grünen liebäugeln mit dem Gedanken, Menschen zu sanktionieren, die das Russische Haus besuchen. Eindrücke von einer »Diskussion«
Die Berliner Grünen wollen das als Russisches Haus bekannte Veranstaltungszentrum unbedingt schließen, sollte ihre Partei erneut Regierungsverantwortung in der Hauptstadt übernehmen. Das erklärte die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, Bettina Jarasch, am Montag abend im polnischen Pilecki-Institut am Pariser Platz. Unter dem Titel »Russisches Haus: Wie können die EU-Sanktionen umgesetzt werden?« hatten die AG Ukraine und die LAG Europa des Grünen-Landesverbandes zu einer »Podiumsdiskussion« eingeladen. Auf dem Podium wurde allerdings lediglich eine Meinung vertreten, nämlich die, dass das Russische Haus geschlossen werden muss.
Grundlage für den Betrieb des Hauses ist ein Staatsvertrag, weshalb die Regierung trotz erheblichen Drängens interessierter Akteure bislang davon abgesehen hat, diese russische Institution zu schließen. Denn mit einer Schließung dürfte auch die Schließung des Goethe-Institutes in Russland einhergehen. Das interessiert allerdings die Berliner Grünen und ihr Umfeld wenig. Am Montag war nur die Frage relevant, welche Möglichkeiten es gibt, um das Haus zu schließen.
Eine Idee für einen Vorwand: In Russland habe man die Grundlage für die Verträge missachtet, weil man Zensur und Repression betreibe. Auch der Vorwurf, die Bundesregierung zahle die Grundsteuer für das Gebäude, das dem deutschen Staat auch gehört, wurde wiederholt. Der per Video zugeschaltete Anwalt Patrick Heinemann dozierte darüber, wie man »kreativ« werden und zum Beispiel die Brandschutzmaßnahmen prüfen oder auch das Bauamt einschalten könne, um untersuchen zu lassen, ob Mängel festzustellen seien, die zur Schließung führen könnten. Die Vorsitzende des ukrainischen nationalistischen Vereins Vitsche, Iryna Shulikina, beschwerte sich, dass die Russen sich jährlich um den 8. Mai inszenierten, »als wären sie die Befreier von Berlin gewesen«, und schlug vor, aus dem Russischen Haus ein »Haus für die von Russland angegriffenen und getöteten Völker« zu machen.
Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Grünen-Bundestagsabgeordneten Robin Wagener, Stephan Bischoff, stellte die Überlegung anheim, dass jemand, der eine Karte für den Besuch einer Veranstaltung im Russischen Haus erwirbt, im Grunde gegen das Sanktionsregime verstoße, nämlich gegen das »Bereitstellungsverbot«. Strafen dafür reichen von drei Monaten bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug, Geldbußen oder Einziehung von Vermögenswerten.
Die Direktorin des Ukrainischen Instituts, Kateryna Rietz-Rakul, ging den anwesenden BSW-Abgeordneten Alexander King, einen Kritiker der Kampagne gegen das Russische Haus, minutenlang persönlich an, ohne dass jemand sie unterbrach. Dabei wurde das BSW mit der AfD gleichgesetzt. King, der sich das ruhig anhörte, erklärte anschließend gegenüber jW, dass es wichtig sei, »dass das Russische Haus seine kulturpolitische und wissenschaftliche Arbeit fortsetzen kann«. Russland werde »immer unser großer europäischer Nachbar sein, und es ist irrsinnig, alle zivilgesellschaftlichen Kontakte abzubrechen«.
Er verwies auf die derzeit im Russischen Haus laufende Ausstellung über den Absturz einer sowjetischen Militärmaschine in den Spandauer Stößensee. Der Kurator der Ausstellung berichtete, er habe versucht, vom RBB die Lizenz für einen historischen Sendungsausschnitt zu erhalten, in dem sich Willy Brandt zu dem Unglück und dem Verhalten der Flugzeugbesatzung äußert. Die stellvertretende RBB-Chefredakteurin Stephanie Pieper habe dies jedoch mit Verweis auf die EU-Sanktionen abgelehnt. In ihrer Antwort, die jW vorliegt, hieß es, der RBB wolle »eine vom Russischen Haus und somit seinen jetzigen Betreibern beauftragte Ausstellung nicht durch die Lizenzierung und Nutzung von Material aus dem RBB-Archiv unterstützen«. King zeigte sich irritiert, denn sowohl das Landesarchiv als auch das Bundesarchiv hätten mit der Ausstellung kooperiert. »Um so unverständlicher ist es für mich, dass der RBB sich anmaßt, hier seine eigene Politik zu machen. Das steht ihm nicht zu«, sagte er.
jW wollte von Bettina Jarasch, die das Russische Haus als »pain in the ass« bezeichnete, wissen, ob die Grünen auch die USA sanktionieren und US-Kultureinrichtungen schließen wollen, mit Verweis auf den US‑Angriff auf den Iran, die Entführung des Präsidenten von Venezuela sowie die Strangulierung der Wirtschaft Kubas. Jarasch antwortete darauf nicht direkt. Sie erklärte lediglich, die Grünen seien »keine Fans von Donald Trump«, aber in diesem Fall gebe es keine EU-Sanktionen. Gleichzeitig brachte sie in diesem Zusammenhang eine Schließung des Iran-Hauses ins Gespräch – also einer Einrichtung des angegriffenen Landes. Auch auf die Frage, ob sie persönlich Sanktionen gegen die USA oder Israel unterstützen würde, antwortete Jarasch nicht konkret. Irritiert erklärte sie, sie mache »nur Landespolitik«, und beschimpfte die jW-Autorin als »Aktivistin«.
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Thomas Walter aus Berlin 17. Mai 2026 um 22:55 UhrOffenbar fasziniert von den Möglichkeiten einer modernen Reichsacht in Form von EU-Sanktionen, wünschen sich Mitglieder der Grünen so eine Behandlung für Besucher des Russischen Hauses an den Hals. Die Grünen zeigen damit wieder einmal ihre spießbürgerliche Gehässigkeit. Der Gegner muss fertiggemacht werden, diplomatische Rücksichtnahmen sind da nur hinderlich. Vor diesen Grünen graut es mir.
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Reinhard Hopp aus Berlin 15. Mai 2026 um 10:20 UhrWehe uns, wenn diese gehässige und fanatische Kriegstreiberbande mit in der nächsten Berliner Regierung sitzen sollte. Dann dürfte wahrscheinlich sogar der Vertrieb oder der Verzehr von russischem Wodka unter Strafe gestellt werden. Was muss in deren Erziehung bereits im frühen Kindesalter alles schiefgelaufen sein, um derart gehässig und bösartig zu werden? (RH)
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Raimon Brete aus Chemnitz 14. Mai 2026 um 16:34 UhrDie im Beitrag genannten Fakten belegen eindeutig, eine sogenannte demokratische Partei (B 90/Die Grünen) und sowie der öffentliche Sender (rbb) nutzen gnadenlos und ohne Skrupel ihre Möglichkeiten für die Einschränkung der Meinungsfreiheit. Unverhohlen führen sie einen unerbittlichen Kampf gegen Andersdenkende zum Schutze ihrer gesellschaftlichen Machtansprüche. Keine Lüge und kein Vorwand ist ihnen zu gering, um sich sogar gegen staatliche Abkommen und Zusagen zu stellen. Damit treten sie das Vermächtnis des Kampfes gegen den Faschismus mit Füßen und diskreditieren deren Opfer. Unverfroren und zynisch stellen sie sich damit gegen vielfältige Bestrebungen für ein friedliches Europa unter Einschluss Russlands. Sie beschreiten einen Weg der aktiven Kriegsbeteiligung in Jugoslawien und Befürwortung der Kriegsertüchtigung mit unheilvollem Ausgang fort.
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Onlineabonnent*in Andreas E. aus S. 12. Mai 2026 um 21:19 UhrWelch eine Chuzpe. Die Grünen und ihr ostdeutsches Anhängsel Bündnis 90, genau diejenigen, die einmal für Meinungsvielfalt und Redefreiheit eintraten, wollen diese kulturell so wertvolle, und eben seit den völkerrechtswidrigen Sanktionen gegen Russland, nahezu einmalige Institution schließen lassen. Ich habe das »Sputnik-Verbot« in der DDR miterlebt, gegen das genau diese Kräfte bzw. deren Vorfahren protestierten. Und jetzt? Menschen, die das kulturelle Angebot dieses Hauses nutzen sollen EU-weit sanktioniert werden, sollen unter massive Repressionen des Staates BRD gestellt werden. Aber eigentlich ist es ja konsequent von den Grünen, denn schon Adenauer hat ja festgestellt, dass die BRD der Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches ist. Wenn Grünes welkt, wird es – braun … Danke an den konsequenten Alexander King.
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Jürgen Fleißner aus Seeheim - Jugernheim 17. Mai 2026 um 12:56 UhrHerr Andreas E aus S. Sie schreiben von dem völkerrechtwidrigen Sanktionen gegen Russland. Warum nicht über den völkerrechtswidrigen Krieg, den der Verbrecher Putin gegen die Ukraine führt? Immer schön der Reihe nach Situationen oder Maßnahmen beurteilen . Friedliche Grüße J.Fleißner
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B.S. aus Ammerland 13. Mai 2026 um 14:18 UhrEine sehr präzise Formulierung … aus NATO-Olivgrün wird schnödes »Kack-Braun« !
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Roland Weinert 12. Mai 2026 um 21:02 UhrDass Bündnis 90/Die Grünen, nach meiner Einschätzung eine der übelsten postfaschistoiden, revanchistischen Kriegstreiberparteien im deutschsprachigen Raum nach 1945, derlei fordern, wundert mich nicht. Sind sie doch ebenfalls eine der übelsten Gesinnungsterrorparteien der Neuzeit.
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Hans Hermann Kindervater aus Bergisch Gladbach 13. Mai 2026 um 12:22 Uhr… und Russland halten Sie offenbar für einen Hort der Freiheit.
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Kathrin K. 13. Mai 2026 um 14:27 UhrWas ist denn für Sie überhaupt ein »Hort der Freiheit«? Befragt man KI werden dazu etwa die EU, die NATO oder Berlin gezählt. Das zeigt auf, wie substanziell entleert und politisch vereinnahmt die Wortgruppe längst ist. Aber genau Orte, Einrichtungen oder Institutionen, die sich nach Eigendefinition diesen »Horten der Freiheit« zugehörig fühlen, sollten wohl Orte wie ein »Russisches Haus« ertragen können. Nur das nämlich ist deren Auftrag: Die Verteidigung von (Meinungs-)Freiheit und Selbstbestimmung.
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Onlineabonnent*in Torsten Andreas S. aus B. 13. Mai 2026 um 19:19 UhrHallo, Frau K.! Es ist eine ungesunde Vorstellung, einen wesentlichen Platz russischer Kultur abzumelden. Verblüffend, wie leicht das bald geht. Verhackerweise gibt es Millionen Menschen, die in diesem Land Russisch können. Ob die alle zur Hirnlöschung bereit sind? Wann genau muß ich Originalzeugs von Dostojewski, Tschaikowski, Puschkin, Okutschawa usw. zum Verbrennen abgeben? Was ist mit unserem Klavier? Russistisch missbraucht? - Die letzten Wörter Puschkins im Gedicht W Sibir: I na oblomkach samowlastja napischut naschi imena. - Was dieser Kleingeist Selenskij seit Kindertagen kennt. Stellt sich die Frage: Was gegen die Russischen spätestens seit 2014 in der Ukraine im Osten, im Süden, in Kiew, im Parlament an Gewalttaten stattfand, war Teil des Plans? Nochmals: Victoria Nuland, Staatssekretärin der USA : »Wir haben bis zum Maidan 2014 5,5 Milliarden Dollar in die Ukraine investiert.« - Zwölf Jahre später: Kein Geld reicht aus, die zur antirussischen plus antichinesischen Kriegsmaschinerie Kiew hervorgebrachten Pseudoelite zu bremsen. Denn niemand Marke ASOW entwickelt Drohnen, sondern das Know-how stammt von hier um die Ecke. Wie blöde, dass alle das wissen. Wird sich bald negativ auswirken, oder? Oder was war zu erwarten?
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
