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Aus: Ausgabe vom 04.01.2024, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

»Ich halte ihnen den Unfug vor«

Reise nach »Humi«: Zum 85. Geburtstag des Künstlers und Dichters Pit Morell
Von Helmut Donat
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Eine Art Traumaverarbeitung: Pit Morell mit eigenen Werken

Der Maler und Poet Pit Morell, der heute seinen 85. Geburtstag begeht, lebt seit fast 60 Jahren mit seiner Frau Rosmarie in Worpswede. Seine dem Phantastischen Realismus zuzuordnenden Bilder, Zeichnungen, Erzählungen und Gedichte wirken wie aus einer anderen Welt – und doch ist er mitten in unserer.

Morell wurde 1939 in Kassel geboren, sein Vater war für die Firma Siemens tätig und malte gern kleine Aquarelle. Die Kindheitsjahre sind für den Jungen »Zeiten des Glücks, der Zufriedenheit, der Liebe« – bis der Krieg alles zerstörte. Im Herbst 1943 verheerten Bomben und Feuersbrünste Kassel. Noch heute, wenn Sirenen heulen, »richten sich«, sagt er, »meine Nackenhaare auf, und im Kopf beginnt es zu schmerzen, die Rückerinnerung setzt sich in Gang«.

Der Verlust der Kindheit, des vertrauten Lebensraumes, wurde zum Trauma, jede spätere Erfahrung von Gewalt oder Unglück verbindet er mit dem frühkindlichen Schock. Die Familie findet Obdach bei Verwandten im nahe gelegenen Reinhardswald, und hier, im alten Dorf Gottsbüren, beginnt für Pit, wie er selbst schreibt, »ein neues und schönes Kapitel. HUMI.« Aber noch ist er sich dessen nicht bewusst.

1946 ein weiterer Schicksalsschlag: der Tod der Mutter. Fortan, so sein exzellenter Biograph Bernd Küster, »stellt sich die Frage der eigenen Identität dem Heranwachsenden nie in einer gewöhnlichen Weise«. Nichts mehr ist normal, alles verläuft ohne erkennbaren Sinn, ist neu zu ordnen, zu erschaffen und zu erfahren. Rückhalt geben der Vater und dessen Familie. Nach einer kaufmännischen Lehre und dem Graphikstudium in Kassel lebt Morell 1960 bis 1963 in Bremen, danach als Künstler in Worpswede.

Auf welchem Terrain auch immer Pit Morell sich über Jahrzehnte hinweg als Maler, Grafiker, Radierer, Zeichner, Illustrator, Bildhauer, Lyriker oder Erzähler bewegt hat, er ist stets bei sich geblieben – ungeachtet aller Erfolge. Rückblickend sagt er, dass sein künstlerisches Werk auf die eigenen Grenzerfahrungen zurückgeht. Der realen Apokalypse setzt er eine imaginäre und artifizielle Welt entgegen: »Ich erlebte die Schrecknisse, den Unsinn des Krieges, den Wahnsinn und das Chaos der Irren, der sogenannten Zivilisation. Und daraus resultiert mein Werk, mit Hinweisen und Möglichkeiten der Besserung, hin zu Träumen, die einmal Wirklichkeit werden könnten, oder mit Hinweisen auf neues Schreckliches mit Mahnungen und Warnungen ›Haltet ein!‹ Ich halte ihnen den Unfug vor. Als Spiegel. Eine traumatisierungsbedingte Verarbeitung. Es sind auch Aufzeichnungen aus dem Unterbewussten.«

Morell geht Wichtigtuern aus dem Weg. Dem Worpsweder Kunstbetrieb steht er nicht abweisend gegenüber, mischt sich aber nicht ein. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten interessiert ihn nicht. Seinen 80. Geburtstag vor fünf Jahren haben die Worpsweder Museen »verschlafen«, ihm nicht einmal gratuliert.

Pit Morell gehört zu den herausragenden Erscheinungen der norddeutschen Kunst des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist in jeder Hinsicht eine Ausnahme. Es beruht auf einer großen erzählerischen und zeichnerischen Begabung und lässt sich, so Küster, »partiell dem Surrealismus zuordnen«. Doch sei es »weitgehend eigenständig und beispiellos geblieben (…). Heute überragt es als ein aus literarischen und zeichnerischen Ambitionen gleichermaßen entstandener Monolith die deutsche Kulturlandschaft.«

Ab 1951 lebte Morell in Hümme im Kreis Hofgeismar. Hier lernte er den Bildhauer und Künstler Wilhelm Hugues kennen, der ihm zum frühen Vorbild wurde und dem er zeitlebens verbunden blieb. Wie Hugues verzichtet er auf jede Art von Anschauungsvorlage, will sich nicht von der Unmittelbarkeit des Linienverlaufs ablenken oder unterbrechen lassen. In seinem »Book of Humi« erweist sich Morell als großer Virtuose mit dem Zeichenstift und eigenwilliger Dichter. Inzwischen liegen fast 100 Bände vor, enthaltend weit mehr als 250 Zeichnungen, Collagen und freie Blätter. Insgesamt beläuft sich das Werk auf 22.000 Einzelseiten. Die Phantasiestücke erinnern in der Tat an den Surrealismus der 1920er Jahre, doch nichts davon ist schwelgend. Sie sind eine geschlossene und unentdeckte Dokumentation des Phantastischen, die ihresgleichen sucht. »Humi« ist überall dort, »wo sich das Große im Kleinen zu erkennen gibt«.

Pit Morell ist ein heiterer, dem Leben zugewandter und hilfsbereiter Mensch. Er legt Wert auf Qualität, Aussagekraft und Wahrhaftigkeit. Jüngst hat er das neue Buch »Puppenquäler – Skurrile Geschichten« von Christian Hannig illustriert. Es ist eine Mischung aus »Gothic Novel«, »Horror Vacui«, Psychothriller und Science Fiction, die an Edgar Allan Poe erinnert. Morell, ein großer Freund der schwarzen Linie, hat aus seinem »Humi«, in dem Pittoreskes, Bizarres und Wundersames sich die Hand reichen, 40 Zeichnungen beigesteuert, die den skurrilen Erzählungen Flügel verleihen. Möge »Humi« noch lange leben!

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