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Aus: Ausgabe vom 26.01.2023, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Börsenspekulation

Ärger mit den Leerverkäufern

Tesla-Chef Elon Musk steht in den USA wegen Kursmanipulation vor Gericht. Seine Verteidigungslinien könnten sich als zu dünn erweisen
Von Sebastian Edinger
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Tweets »aus Sorge abgesetzt«: Elon Musk am 19. Januar in Cape Canaveral, Florida

In diesen Tagen hat Elon Musk wenig Gelegenheit, den von ihm für 44 Milliarden US-Dollar übernommenen Messengerdienst Twitter weiter mit dramatischen Fehlentscheidungen Richtung Ruin zu treiben. Schließlich hat der mittlerweile nur noch zweitreichste Mann der Welt auch andere Probleme. Einen Betrugsprozess in San Francisco etwa, der auf das Jahr 2018 zurückgeht und wegen dem er Anfang der Woche sehr viele Stunden im Zeugenstand verbringen musste. Es kann teuer werden.

Schließlich haben sich zahlreiche Spekulanten gegen Musk zusammengeschlossen, um via Sammelklage Schadensersatzansprüche geltend zu machen. Sie werfen dem Gründer und Boss des Automobilkonzerns Tesla Investorenbetrug vor, weil dieser im August 2018 – noch als einfacher Nutzer – via Twitter verlautbarte, das Unternehmen für einen Preis von 420 US-Dollar pro Aktie von der Börse nehmen zu wollen. Die Finanzierung für dieses Vorhaben sei »gesichert«. War sie aber nicht, wie sich später herausstellte. Musk vollzog einen wenig eleganten Rückzieher und die Wertpapiere werden bis heute auf dem Börsenparkett gehandelt.

Der Preis war in Musks Tweet sehr hoch angesetzt und die Ankündigung hat den Kurs mächtig ins Schwanken gebracht. Damals gingen die Meinungen, wie es mit Tesla weitergehe, deutlich auseinander. Viele Spekulanten sahen den Elektroautobauer längst auf dem absteigenden Ast und wetteten mit Leerverkäufen auf sinkende Kurse. Ihnen machte Musk mit dem Tweet einen Strich durch die Rechnung – statt der erhofften Profite gab es herbe Verluste.

Dass mit dem Tweet Falschinformationen verbreitet wurden, ist bereits rechtsverbindlich geklärt. So hatte die US-Börsenaufsichtsbehörde »United States Securities and Exchange Commission« (SEC) Musk und Tesla deshalb im vergangenen Jahr jeweils zu einer Strafzahlung von 20 Millionen US-Dollar verdonnert. Zudem musste der Boss den Vorsitz im Tesla-Verwaltungsrat abgeben und sich verpflichten, vermeintlich kursrelevante Tweets vorab von den hauseigenen Juristen absegnen zu lassen. Auf die SEC-Entscheidung wurden die Geschworenen in San Francisco hingewiesen; sie ist eine Grundlage des Verfahrens.

Die entscheidende Frage ist nun jedoch: Hat Musk die Falschinformationen bewusst verbreitet, um den Aktienkurs seines Unternehmens zu manipulieren? Nach seiner eigenen Aussage im Zeugenstand sind derartige Anschuldigungen »skandalös«, er habe »niemals« Investoren täuschen wollen. In dem fraglichen Tweet habe er lediglich seine damalige persönliche Überzeugung zum Ausdruck gebracht, nach der die Finanzierung für das Vorhaben stand. Dass dies »ein Fakt« sei, lasse sich dem Tweet nicht entnehmen.

Bereits während der Befragung am Montag hatte Musk argumentiert, er sei tatsächlich überzeugt gewesen, das Geld für die Tesla-Übernahme zusammenzubekommen. Ein staatlicher Investitionsfonds aus Saudi-Arabien sei an Bord gewesen und er selbst habe auch ein bisschen was auf der hohen Kante gehabt – er hätte etwa die eigenen Anteile an der von ihm geschaffenen Weltraumfirma Space Exploration Technologies Corporation (bekannt als »SpaceX«) verhökern können.

Allerdings musste Musk vor Gericht auch eingestehen, dass der saudi-arabische Staatsfonds den vorgeschlagenen Preis von 420 Euro pro Aktie erst durch den Tweet erfahren habe und zunächst schriftlich mehr Details zu den Plänen für den Börsenabschied bekommen wollte. Anderenfalls könne man nicht über eine Beteiligung entscheiden. Aus Sicht Musks handelt es sich bei diesem Vorgehen um ein »Zurückrudern« gegenüber früheren Zusagen. Weitere Investoren, mit denen fest zu rechnen war, gab es offenkundig auch nicht.

Und auch eine zweite Verteidigungslinie, die der Angeklagte während der Befragung aufgemacht hat, könnte sich als zu dünn erweisen. So behauptete er, den Tweet aus Sorge abgesetzt zu haben, die Financial Times könne den beabsichtigten Deal am Folgetag enthüllen. Welche Informationen dem Blatt vorlagen, wusste Musk allerdings nicht. In der fraglichen Ausgabe war lediglich zu erfahren, dass der saudi-arabische Fonds bei Tesla einsteigen wolle. Von einem geplanten Rückzug von der Börse war nichts zu lesen.

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  • Leserbrief von Ronald Prang aus Berlin (25. Januar 2023 um 21:46 Uhr)
    Schon wieder in den Schlagzeilen dieser clevere Egomane, Elon Musk. Was hat er dieses Mal wieder angestellt, fragt man sich wie bei einem kleinen Kind. Er selbst wird sich das sicher auch fragen, er hat doch nur das getan, was er immer tut. Er hat sich nach jeder kapitalistischen Logik doch richtig verhalten. Er hat seine Gier nach Geld mit allen Mitteln verfolgt, das ist doch Grundlage kapitalistischer Wirtschaft. Na ja, einen kleinen Fehler hat er schon gemacht, bei dieser Aktion hat der Milliardär Musk Millionäre abgezockt. Wenn er das mit seinen Angestellten oder mit der Brandenburger Regierung macht, dann ist alles gut. Wenn er sich seiner Steuerpflicht entzieht und die Umwelt zerstört, das wird vom System akzeptiert. Aber Betrüger betrügen, da ist er wohl zu weit gegangen. Wie soll der kleine Elon das verstehen, nach seiner und der kapitalistischen Logik hat er doch alles richtig gemacht. Das ist die Logik der Gesellschaft, in der wir leben, betrügen darf man nur die Gesellschaft, niemals die Profiteure des Systems. Wie soll ein egoistischer Egomane das verstehen?

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