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Aus: Ausgabe vom 20.01.2023, Seite 15 / Feminismus
Würdigung

Leben und schreiben

Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Drewitz: Ausgezeichnete Beobachterin und Autorin, die Vielfachbelastung von Frauen ins Zentrum gerückt hat
Von Christiana Puschak
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Kurz vor ihrem Tod: Ingeborg Drewitz im Mai 1986 mit ihrem letzten Buch »Eingeschlossen«

Bereits als Kind entdeckt Ingeborg Drewitz das Schreiben als eine »Welt, die man gestalten kann«. Es wird für sie Notwendigkeit und eine Möglichkeit zur »Emanzipation des eigenen schöpferischen Ichs.« Gegen den Willen ihres Vaters studiert die am 10. Januar 1923 in Berlin-Moabit als Ingeborg Neubert geborene Germanistik, Geschichte und Philosophie und beschließt nach ihrer Promotion, das Schreiben zu ihrem Beruf zu machen. 1946 heiratet sie und lässt sich auch mit Kindern nicht von ihrem Ziel abbringen. Lange Zeit hat sie keinen Erfolg: »Zu schreiben und wenig zu verdienen, das war hart«. Oft stellt sie sich in Frage und kämpft täglich um Freiräume, obwohl ihr Mann sie im Haushalt und bei der Kindererziehung unterstützt.

Nach dem Tod ihrer Mutter – einer Frau, die sich »einsam trotzig den Nazis widersetzte« – werden Faschismus, Krieg, Widerstand sowie Nachkriegsgeschichte Deutschlands für Drewitz zu ihren Lebensthemen: »Wer den Faschismus begreifen will, muss den Alltag begreifen (...) Wir haben (...) die Pflicht, davon zu sprechen, wie einmal der Faschismus in dieser Brutalität überhaupt tragfähig geworden ist und damit aufmerksam zu machen, für die immerwährende Gefährdung, dass sich so etwas wiederholen könnte.« Daraus entwickelt sie ihr Anliegen: »Ich will aufklären, will empfindlich machen«. Drewitz ist die erste, die sich in ihrem Stück »Alle Tore waren bewacht« (1951), das in einem KZ spielt, auf einer Theaterbühne mit dem Holocaust auseinandersetzt. Als »Nestbeschmutzerin« beschimpft, vertritt sie die Ansicht, Vergangenheit könne man nicht bewältigen, sondern man müsse sich immer wieder mit ihr persönlich sowie kollektiv auseinandersetzen.

Auf die Benachteiligung der Frauen in der Gesellschaft weist sie beständig hin: »Unsere Gesellschaftsordnung hat die Emanzipation noch immer nicht (...) mitvollzogen«. So sind es denn auch Frauenfiguren, die im Mittelpunkt ihrer autobiographisch gefärbten Romane »Oktoberlicht« (1969), »Wer verteidigt Katrin Lambert« (1974) und »Eis auf der Elbe« (1982) stehen. Es sind Frauen, die Familie, Beruf und soziales Engagement zu verbinden suchen.

In ihrem Zeitroman »Gestern war Heute« (1978), der eine Berliner Arbeiterfamilie über mehrere Generationen hinweg begleitet, erweist sich Drewitz nicht nur als ausgezeichnete Beobachterin, »die Menschen mit ihren ersten paar Worten lebendig macht, unverwechselbar« (Carl Zuckmayer), sondern auch als eine Autorin, die zeigt, wie Geschichte in den weiblichen Alltag eingreift und wie Frauen nach Selbstverwirklichung streben. Wieder und wieder thematisiert Drewitz die Vielfachbelastung und kritisiert, dass »jede Frau auch immer die mit den ausgebreiteten Armen« sein müsse. »Gegen das Vorgefundene« zu rebellieren ist ihre Devise. Dabei ist ihr Bettina von Arnim Vorbild: »Bettine, Schwester, Freundin, anderes Ich (…) bleib du mir nahe mit Deinem Mut!«. Von dem männlich dominierten Literaturbetrieb, der Kritik der Redakteure und Lektoren, lässt sie sich nicht entmutigen, sie schreibt Erzählungen, Dramen, Hörspiele, die eine Lanze brechen für sozial Benachteiligte.

Als ihre Töchter älter sind, engagiert sich Drewitz berufspolitisch, versteht sie doch Kulturpolitik als Sozialpolitik: Sie beteiligt sich an der Gründung der VG Wort (Rechteverwertung von Autoren), ist von 1961 bis 1964 Vorsitzende der »Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen«, gehört dem PEN-Zentrum der BRD an, ist Gründungsmitglied des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (heute VS in Verdi). Beispiellos ist ihr politischer Einsatz: Sie setzt sich gegen Berufsverbote, gegen Neonazismus, gegen Verjährung von Naziverbrechen und gegen den Viet­namkrieg ein, unterstützt Initiativen zu Menschenrechtsverletzungen in Argentinien und Chile, engagiert sich in der Friedensbewegung und ist Jurorin im dritten Russell-Tribunal zur Lage der Menschenrechte in der BRD. Neben ihrem literarischen Werk und ihrer politischen Arbeit liegt ihr jedoch besonders am Herzen, dass Frauen schreiben und an die Öffentlichkeit gehen – Sinnbild dafür ist die von Drewitz organisierte Tagung »Schreib das auf, Frau!«. Im Alter von 63 Jahren stirbt Drewitz 1986.

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