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Aus: Ausgabe vom 10.12.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Internationale Solidarität

»Partnerschaft nicht opportunistisch angelegt«

Über bilaterale Zusammenarbeit und Parallelen zur Kuba-Krise. Ein Gespräch mit Andrej Guskow, Botschafter Russlands in Havanna
Von Annuschka Eckhardt
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Geste der Wertschätzung: Im November wurde in Moskau eine Fidel-Castro-Statue enthüllt (22.11.2022)

Eine Katastrophe folgt der nächsten: Zusätzlich zu den Folgen der Coronapandemie und dem verheerenden Brand in einem Öllager in Matanzas wurde Kuba Ende September auch noch vom Hurrikan Ian heimgesucht. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

All diese Ereignisse haben sich natürlich äußerst negativ auf die ohnehin schon schwierige sozioökonomische Lage auf der Insel ausgewirkt, die durch die Folgen der Covid-19-Pandemie und die noch nie dagewesene Verschärfung der US-Blockade weiter erschwert wurde. Russland leistet der kubanischen Bevölkerung je nach Sachlage notwendige Hilfe. Allein im vergangenen Jahr und zu Beginn des laufenden Jahres wurden mit neun Flügen von Moskau nach Havanna 253 Tonnen Lebensmittel, Medikamente und medizinische Ausrüstung geliefert. Darüber hinaus werden durch gezielte Beiträge der Russischen Föderation auf die Fonds des UN-Welternährungsprogramms, des UN-Entwicklungsprogramms und der UN-Organisation für industrielle Entwicklung humanitäre Hilfsgüter wie Sonnenblumenöl, Weizen, Erbsen und anderes gekauft und nach Kuba geliefert. Jetzt hat die UNO einen speziellen Aktionsplan entwickelt, um die internationalen Bemühungen zur Linderung der Folgen des Hurrikans Ian im September zu koordinieren. Wir prüfen, ob wir uns an seiner Umsetzung beteiligen können.

Laut dem stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten Dmitri Tschernyschenko hat Havanna die russische Regierung um regelmäßige Lieferungen von Erdöl und Erdölprodukten, Düngemitteln und Weizen gebeten. Verfügt Russland derzeit über Kapazitäten für solche Lieferungen?

Trotz der ungünstigen Konjunktur, die durch die unverantwortliche Sanktionspolitik der westlichen Länder verursacht wurde, ist und bleibt Russland ein zuverlässiger und berechenbarer Partner für alle Länder, die an einer langfristigen und für beide Seiten vorteilhaften Zusammenarbeit interessiert sind. Kuba, mit dem wir seit langem strategische Beziehungen unterhalten, nimmt in dieser Liste sicherlich einen der vordersten Plätze ein. Gemeinsam mit Havanna arbeiten wir an Schritten für weitere Zusammenarbeit, die sich an den Bedürfnissen der Kubaner sowie an der kommerziellen Komponente orientiert.

Einige Medien vergleichen die aktuelle Situation zwischen den NATO-Staaten und ihren Gegnern mit der sogenannten Kuba-Krise, die sich in diesem Jahr zum 60. Mal jährte. Würden Sie diesem Vergleich zustimmen?

Es gibt definitiv Ähnlichkeiten. Genau wie vor 60 Jahren ist die Krise heute aufgrund ernsthafter Bedrohungen für die Sicherheit der beteiligten Parteien entstanden. Wir haben den USA und der NATO wiederholt gesagt: Sie können Ihre Sicherheit nicht auf Kosten der Sicherheit anderer Staaten stärken. Die Hauptstädte des Westens sollten sich auch der Gefahr einer unkontrollierten Eskalation der internationalen Spannungen vor dem Hintergrund der Ereignisse in der Ukraine bewusst sein, einschließlich des Einsatzes nuklearer Rhetorik zu diesem Zweck.

Vor 60 Jahren, als die Welt am Rande des Abgrunds stand und in einen nuklearen Konflikt abzurutschen drohte, besaßen die beiden Weltmächte die Weisheit und den politischen Willen, einen geopolitischen Kompromiss auszuarbeiten. Dies war ein Beispiel dafür, dass selbst in der scheinbar ausweglosesten Situation eine für beide Seiten akzeptable Lösung im Namen der Erhaltung des Lebens auf unserem Planeten gefunden werden kann.

Ich möchte daran erinnern, dass die Überwindung der Krise in der Karibik ohne Übertreibung einen Wendepunkt auf dem Weg der Welt zu einer Politik der Entspannung, der Rüstungsbegrenzung und der Schaffung von Regeln zur Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen darstellte, die über Jahrzehnte hinweg Faktoren der internationalen Stabilität waren. Ich würde gerne glauben, dass dies im Westen nicht vergessen wurde.

»Wir unterstützen Kuba politisch und wirtschaftlich und werden dies auch weiterhin tun«, sagten Sie im Winter 2019. Was haben Sie sich darunter vorgestellt?

Die strategische Partnerschaft zwischen der Russischen Föderation und Kuba ist langfristig angelegt, nicht opportunistisch und basiert auf einer soliden Grundlage von Freundschaft und Solidarität. Moskau lehnt illegitime Eindämmungsmaßnahmen entschieden ab und verurteilt kategorisch die mehr als 60 Jahre alte Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade, die die USA gegen die Insel verhängt haben. Wir unterstützen Havanna sowohl auf bilateraler Ebene als auch bei verschiedenen internationalen Plattformen. Zwischen unseren Ländern wird ein vertraulicher politischer Dialog auf höchster Ebene sowie über die Regierungen, Parlamente und Außenministerien geführt. Der Präsident der Republik Kuba, Miguel Díaz-Canel, war Ende November in Russland, wo er mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin zusammentraf und an der gemeinsamen Einweihung eines Denkmals für den historischen Anführer der kubanischen Revolution, Fidel Castro, teilnahm.

Moskau und Havanna haben eine breit angelegte wirtschaftliche Agenda. Das wichtigste Instrument der Zusammenarbeit ist die zwischenstaatliche Kommission für Handel, Wirtschaft und wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit zwischen Russland und Kuba. Beide Seiten sind bestrebt, den bilateralen Handel zu diversifizieren. Praktische Studien sind im Gange, und in einigen Fällen werden bereits gemeinsame Projekte in den Bereichen Energie, Metallurgie, Verkehr, Telekommunikation, Weltraumforschung, Bekämpfung des Klimawandels, Biotechnologie, Gesundheitswesen und Pharmazeutika durchgeführt. Russische Unternehmen beteiligen sich weiterhin an der Lösung der Aufgaben, die im Plan für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Republik Kuba bis 2030 vorgesehen sind.

Dann kam die Coronapandemie. Wie hat das Virus die bilaterale Zusammenarbeit verändert?

Die Coronapandemie hat zweifellos zu Anpassungen im üblichen Zeitplan der Beziehungen zwischen unseren Ländern geführt. Viele gemeinsame Projekte in den Bereichen Wirtschaft, Kultur und Bildung wurden auf »Pause« gesetzt. Das hat die vielseitige Agenda der bilateralen Beziehungen zwar verlangsamt, aber keineswegs aufgehoben. Der intensive Dialog über Schlüsselbereiche der Interaktion wurde fortgesetzt, wobei er weitgehend in eine virtuelle Dimension überging. Trotz der vorübergehenden Abwesenheit des Luftverkehrs und des Ozeans, der uns objektiv voneinander trennt, haben wir in dieser Zeit keine Distanz zueinander gespürt.

Die WHO erkennt viele Impfstoffe nicht an, darunter auch solche, die von Russland und Kuba entwickelt wurden. Mit welchem Impfstoff sind Sie geimpft worden, mit dem kubanischen Soberana oder Abdala oder dem russischen Sputnik? Welcher Impfstoff ist Ihrer Meinung nach besser?

Ich wurde mit dem russischen Impfstoff Sputnik V geimpft. Seine Sicherheit und Wirksamkeit wurden in zahlreichen Studien nachgewiesen, er ist in 71 Ländern zugelassen, und es wurden weltweit mehr als 400 Millionen Dosen verabreicht.

Auch die kubanischen Impfstoffe, derzeit gibt es fünf, haben ihre Wirksamkeit gegen Coronavirusinfektionen in klinischen Studien und in der Praxis bewiesen. Geimpft wird hier nicht nur die erwachsene Bevölkerung, sondern auch Kinder im Alter von zwei bis 18 Jahren. Der Einsatz der auf nationaler Ebene hergestellten Medikamente gilt als erfolgreich, da die Zahl der Fälle seit Januar 2022 deutlich zurückgegangen ist.

Derzeit laufen Verhandlungen zwischen der föderalen staatlichen Haushaltseinrichtung »Nationales Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie«, benannt nach Nikolai Gamaleja, des russischen Gesundheitsministeriums und der biotechnologischen und pharmazeutischen Unternehmensgruppe »Bio Cuba Pharma« über gemeinsame klinische Studien der Impfstoffe Sputnik V, Soberana 2 und Abdala. Wir konkurrieren also nicht darum, welcher Impfstoff besser ist, sondern wir sind von der hohen Qualität der Impfstoffe überzeugt und streben eine Zusammenarbeit im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie an.

Nach dem verheerenden Brand in Matanzas zwischen dem 5. und 10. August 2022 hat Russland sofort geholfen. Welche Hilfe wurde geleistet?

Wie üblich haben wir die schwerwiegenden Folgen des Brandes in einem Öllager in der Provinz Matanzas nicht tatenlos hingenommen. Unser Außenministerium und die zuständigen Dienststellen standen in ständigem Kontakt mit unseren kubanischen Kollegen, um die notwendige Hilfe zu leisten. Gegenwärtig wird die Frage der Bereitstellung zusätzlicher Hilfe für unsere kubanischen Freunde durch den russischen Beitrag zur Internationalen Zivilschutzorganisation über diese Profilstruktur ausgearbeitet.

Die erste Gruppe russischer Touristen kam im Oktober auf der Insel an, nachdem die Direktflüge aus beiden Ländern zu den kubanischen Ferienorten Varadero und Cayo Coco wieder aufgenommen worden waren. Wie steht es um den sozialen und kulturellen Austausch zwischen Kuba und Russland?

Trotz der beispiellosen Verschärfung der unrechtmäßigen Sanktionen durch die westlichen Länder haben wir nach einer sechsmonatigen Unterbrechung eine Möglichkeit gefunden, den Flugverkehr zwischen unseren Ländern seit dem 4. Oktober 2022 wieder aufzunehmen. Der kulturelle und humanitäre Sektor bleibt einer der vorrangigen Bereiche der russisch-kubanischen Zusammenarbeit. In Kuba besteht nach wie vor ein großes Interesse an der russischen Kultur, Literatur und Wissenschaft sowie an den Möglichkeiten, die russische Sprache zu erlernen.

Die Zusammenarbeit im Bildungsbereich umfasst die Bereitstellung von kostenlosen, staatlich finanzierten Studienplätzen für kubanische Studenten im Rahmen des 100-Stipendien-Programms durch Russland. Unser Land leistet einen bedeutenden Beitrag zur Ausbildung von Hochqualifizierten für Kuba, zum Beispiel für das Russischstudium an der Fakultät für Fremdsprachen der Universität von Havanna.

Ich bin überzeugt, dass sich die russisch-kubanische Zusammenarbeit in diesem und anderen Bereichen weiter entwickeln und neue Ergebnisse zum Nutzen der Völker beider Länder erzielen wird.

Andrej Guskow ist Botschafter der Russischen Föderation in Kuba

Hintergrund: Russisch-kubanische Beziehung

Das besondere Verhältnis zwischen Russland und Kuba geht auf eine Freundschaft zurück, die der damals 21jährige Raúl Castro im Mai 1953 auf der Überfahrt nach einer Jugendkonferenz in Wien mit dem späteren stellvertretenden KGB-Direktor Nikolai Leonow knüpfte. Drei Jahre später unterstützte Leonow als sowjetischer Diplomat in Mexiko die dort von Raúls Bruder Fidel Castro und Che Guevara aufgebaute Guerillatruppe »Movimiento 26-7«.

Nach dem Sieg der Rebellenarmee nahm Havanna am 8. Mai 1960, dem Jahrestag der Befreiung vom deutschen Faschismus, die unter Diktator Fulgencio Batista abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zu Moskau wieder auf. Während die USA nach der im April 1961 missglückten Invasion von CIA-Söldnern in der Schweinebucht mit der Blockade Kubas begannen, half die Sowjetunion der Insel bereits mit einem Kredit in Höhe von 100 Millionen US-Dollar zu überleben.

Als die USA im Jahr 1962 einen neuen Überfall planten, schlug Moskau vor, zum Schutz Kubas sowjetische Mittelstreckenraketen auf der Insel zu stationieren. Die Raketenkrise wurde damals diplomatisch gelöst. Später revanchierte sich Kuba für die Hilfe, unter anderem mit der Aufnahme und Behandlung von über 26.000 strahlengeschädigten Kindern und anderen ukrainischen Opfern des Reaktorunfalls von Tschernobyl im April 1986. (vh)

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