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Aus: Ausgabe vom 06.12.2022, Seite 11 / Feuilleton
Körperdiskurs

Dick, na und?

Die mutige Stefanie Reinsperger schreibt »Ganz schön wütend«
Von Eileen Heerdegen
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Große blonde Frau mit Dutt: Stefanie Reinsperger als Buhlschaft und Tobias Moretti als Jedermann (»Jedermann«, Salzburger Festspiele, 2018)

Da ist so viel Wut in uns. Wut, weil wir als Mädchen nicht Ministrantin werden durften. Wut, weil wir »lieb« sein sollten. Wut, weil unser Aussehen, unser Körper begafft und beurteilt wurde, seit wir zu jungen Frauen heranwuchsen. Wut, weil dieses Aussehen ein Leben lang wichtiger sein soll als alles, was wir sind. Wut, weil wir beleidigt werden, sobald wir nicht einer – von wem auch immer festgelegten – Norm entsprechen.

Statt uns zu wehren, fühlen wir Scham und Mitschuld. Sind wir nicht tatsächlich zu fett, zu knochig, zu flach-, zu hängebrüstig, zu alt? Sei lieb und lächle statt zu schreien.

Stefanie Reinsperger schreit. Schon immer. Sie war dieser auf dem Boden vor dem Supermarktregal tobende Zwerg. Sie brüllte ihren Frust hinaus, hatte aber Glück mit vernünftigen Eltern und einem Arzt, der sie nicht pharmazeutisch anpasste, sondern eine Kindertheatergruppe zur Kanalisation der Gefühle empfahl.

Hohn und Spott

Möglicherweise ist dieses Sich-nicht-fügen-Müssen Grundlage ihrer großen und vielfach ausgezeichneten Schauspielkunst, die sie neben diversen Fernsehrollen vor allem an renommierte Theater führte, u. a. die Wiener Burg und aktuell das Berliner Ensemble.

Die 1988 geborene Reins­pergerin (so ihr Instagram-Account) ist eine hübsche Frau mit langen blonden Haaren, aber: Sie ist dick. Weder auffällig noch besonders, und weder Prominenz noch Erfolg schützen sie vor Hohn und Spott bis zu anonymen Gewaltandrohungen, als sie 2017 und 2018 die Buhlschaft in der Salzburger »Jedermann«-Aufführung spielt. Im Lokal ruft man ihr nach, sie solle sich schämen, dass sie diese Rolle angenommen habe.

Reinsperger schämt sich nicht. »Ganz schön wütend« heißt ihr Buch, sie macht Zumutungen und Verletzungen öffentlich. Wie auf der Bühne gibt sie alles, gibt viel von sich preis. Enttäuschungen, wenn sie beim Shoppen mit Teenie-Freundinnen in der einzig passenden Hose wie eine Presswurst aussieht, wenn im Theaterfundus nur Size Zero vorrätig ist, wenn die angebotenen Rollen schon auf »dick«, »sehr breit« oder »wuchtig« festgelegt sind.

Sie schreibt ehrlich, ich sehe sie förmlich rot anlaufen (Wut; nicht Scham), wenn sie der aufdringliche Fan im Schwimmbad wegen des »Jedermann«-Kleides beleidigt und dafür nach allen Regeln der Kunst abgekanzelt wird: »Sollen wir in Zukunft abstimmen, welche Kostüme beim männlichen Zuschauer gut ankommen? Ich möchte dann auch mit abstimmen, wo Sie Ihre Badehose kaufen und in welcher Größe, okay?«

Sie schreibt über Gewalt gegen Mädchen und Frauen, über Corona und ambivalente Gefühle zwischen Angst und Wut, und über die Traurigkeit, die eine »Alleinstehende« (der Begriff ist ihr wichtig) gelegentlich kalt erwischt.

Wut und Mut

Am schockierendsten für mich war, zu lesen, dass ihr von Zuschauern abgesprochen wurde, ein Vergewaltigungsopfer zu spielen, »weil niemand auf der Welt so eine dicke Frau vergewaltigen würde«. Diese unerträgliche Niedertracht offenbart aber auch, dass es – analog zu einer Vergewaltigung – überhaupt nicht um vorhandene oder mangelnde Attraktivität geht, sondern nur darum, zu demütigen, sich auf fremde Kosten besser zu fühlen. Deshalb erging es auch der sehr schlanken Verena Altenberger, Salzburger Buhlschaft 2021–2022, nicht viel besser. Bei ihr war es (shocking!) ein ziemlich kurzer Kurzhaarschnitt.

»Wir müssen anfangen, diesen Menschen und Medien die Macht zu entziehen«, so die große blonde Frau mit Dutt, als die sich die Reinspergerin gern selbst beschreibt. Wut und Mut hat sie genug, Ruhe findet sie im Ausmalen von Mandalas, sagt, sie brauche die Sicherheit der vorgegebenen Linien. Dieser Rahmen fehlt dem Buch ein bisschen, aber es ist wahrscheinlich genau deshalb 100 Prozent Stefanie Reinsperger, und das ist auch gut so.

Stefanie Reinsperger: Ganz schön wütend. Molden-Verlag, Wien 2022, 176 Seiten, 25 Euro

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