3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Dienstag, 31. Januar 2023, Nr. 26
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 02.12.2022, Seite 16 / Sport
Fußball-WM

Der Doppeladler kreist

Fäuste und Barhocker. Die Gruppe G im Prophetendiskurs
Von Frederic Schnatterer
imago1015622299h (1).jpg

Freitag, 20 Uhr, Serbien – Schweiz

Freitag, 20 Uhr, Kamerun – Brasilien

Die Fäuste fliegen. Endlich was los bei der Weltmeisterschaft in Katar, möchte man juchzen. Doch das gehört sich nicht. Der serbische Torhüter Vanja Milinkovic-Savic tauscht seine Handschuhe gegen zum Boxen geeignete aus und verteilt Schellen. Der Topspieler der Serben, Pavlovic Strahinja, nimmt einen Kickstiefel zur Hilfe, der ihm vom Fuß gerutscht ist. Wumms – zuerst bekommt Xherdan Shaquiri eins auf den Schädel. Doppelwumms, auch Granit Xhakas Birne macht dem Vornamen ihres Träger keine Ehre. Über dem »Stadium 947« in Doha kreist ein Greifvogel, majestätisch zieht er seine Kreise. Wer genauer hinschaut, erkennt zwei Köpfe, krächzende Rufe heizen die Keilerei an.

Die »politischste Weltmeisterschaft der Geschichte« enttäuscht. Die Diskussionen über Menschenrechte und Liebe, Flüssigerdgasdeals und Bauchschmerzen waren an Halbherzigkeit nicht zu überbieten. Selbst als am Dienstag der Iran gegen die USA antreten musste – »ein Spiel von außerordentlicher politischer Brisanz« –, blieb es ruhig. Ein Graus. Um etwas Action zu erleben, war ein Ausflug auf die spanische Kanareninsel Teneriffa vonnöten. Dort flogen im Vorfeld des Duells Wales gegen England Fäuste und Barhocker. Anders als im Nachgang ähnlicher Vorkommnisse in Belgien nach eine Niederlage gegen Marokko kam es deswegen jedoch nicht zu einer rassistischen Scheindebatte über Integration.

Zum Glück kann sich der auf Krawall gebürstete Fußballiebhaber auf die FIFA verlassen. Wie beim vergangenen WM-Turnier 2018 hat der Weltverband dafür gesorgt, dass die serbische auf die Schweizer Nationalmannschaft treffen würde. Emotionen sind verwertbar, geldtechnisch. Auch auf nationalistische Sentimentalitäten und Eitelkeiten, die bisweilen in Gewalt umschlagen, kann sich der Fan verlassen. Das gilt um so mehr bei einem Turnier, dessen Existenz nur durch die Existenz von Nationalstaaten zu rechtfertigen ist. Hier kochen die Emotionen hoch. Gut so.

Schon in der russischen Exklave Kaliningrad war es 2018 hoch hergegangen. Die Serben waren früh mit eins zu null in Führung gegangen – schönes Ding von Aleksandar Mitrovic –, hatten durchaus Chancen gehabt, auf zwei zu null zu erhöhen. In der zweiten Halbzeit kam es anders: Xhaka machte in der 52. Minute den Ausgleich, am Ende schoss Shaqiri die Schweizer zum Sieg. Nach den eidgenössischen Treffern gestikulierten die Torschützen. Hände vor der Brust, Außenfläche nach vorn, Daumen ineinander verschränkt, die übrigen Finger gespreizt. Im Anschluss als »einfache Jubelgeste einfacher Bengel« gerechtfertigt, von anderen – den Serben zum Beispiel – als großalbanische Provokation gelesen.

Der Doppeladler, er kreist auch diesen Freitag »über allem«, schreibt der Tagesanzeiger. Zweiköpfig, majestätisch, aggressiv. Nach dem Tumult der Spielabbruch. K. o. in der 67. Spielminute. Das Spiel wird für die Serben gewertet – drei zu null. Die Prophezeiung vom erstmaligen Achtelfinaleinzug des alleinigen Rechtsnachfolgers der Bundesrepublik Jugoslawien wird wahr. Auf den Straßen Belgrads ist kein Halten mehr. In Doha prügeln sich derweil die Anhänger auf der Tribüne weiter, das ZDF zeigt eine verschollen geglaubte Folge der »Hitparade«. Perfekte Begleitmusik.

Serbien – Schweiz 3:0

Kamerun – Brasilien 1:2

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Mehr aus: Sport

Startseite Probeabo