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Aus: Ausgabe vom 30.11.2022, Seite 8 / Ausland
Fußball und Gewalt

»Paramilitärische Polizei hat in Stadien nichts zu suchen«

Massenpaniken mit Toten als Folge von Polizeiübergriffen. Ein Gespräch mit Phil Scraton
Interview: Dieter Reinisch
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Indonesische Polizisten in Aktion bei einem Erstligaspiel zwischen Arema FC und Persebaya FC (Malang, 1.10.2022)

Sie haben über die Tragödie in Hillsborough geforscht, wo im April 1989 bei einem Fußballspiel 96 Liverpool-Fans starben. Und kurz bevor sie eine Untersuchung über die Vorfälle im Rahmen des Champions-League-Finales in Paris im Mai 2022 veröffentlicht haben, starben Anfang Oktober bei einem Fußballspiel in Indonesien 131 Menschen. Wieso kommt es immer wieder zu solchen Katastrophen?

Was in Indonesien geschah, ist ziemlich eindeutig. Es gab ein Spiel zwischen zwei rivalisierenden Teams, und die Heimmannschaft hat verloren. Daher sind dann Zuschauer auf das Spielfeld gestürmt, um ihren Unmut zu äußern. Die Polizei hat sie wieder zurückgedrängt. Was aber dann passierte, ist entscheidend. Anstatt einfach die Leute zurück auf die Tribüne zu drängen, hat sie die Polizei in Gänge und Treppenhäuser getrieben und dort mit Tränengas beschossen. Als die Menschen dadurch in Panik geraten sind und über die Treppen aus dem Stadion laufen wollten, sind sie aufgrund des Tränengases zusammengebrochen, gefallen und erdrückt worden. Wenn man in so einer Situation fällt, hat man ohne Luft drei bis vier Minuten Zeit zu überleben, nicht mehr. Die Leute lagen also übereinander und bekamen keine Luft.

Welche grundsätzliche Lehre ziehen Sie aus solchen Vorkommnissen?

Dass paramilitärische Polizei nichts in Stadien zu suchen hat. Wir sehen das bei allen Veranstaltungen, nicht nur im Fußball: Sobald die Polizei Mengen auseinanderzutreiben beginnt, entsteht Panik. Wenn Panik entsteht, fallen Menschen, sie kollabieren übereinander, und sie sterben. Es gab solche Vorfälle bei Rockkonzerten und religiösen Massenveranstaltungen, und immer war es eine direkte Konsequenz von Polizeiaktionen. Tränengas in geschlossenen Bereichen anzuwenden ist illegal, doch genau das wurde in Indonesien gemacht und führte zu der Katastrophe.

Wie können solche Katastrophen in Zukunft verhindert werden?

Der Fußballverein Liverpool FC ist ein gutes Beispiel, wie es gemacht werden soll. Ich gebe ein Beispiel: Das Champions-League-Match an der Anfield Road gegen Napoli war ein großes Spiel. In Liverpool gibt es im Bereich des Stadions kaum Polizei, und es gibt keine Einheiten in Kampfmontur. Die Abwicklung wird ausschließlich von eigens ausgebildeten Ordnern durchgeführt, die vom Verein angestellt werden und nicht von externen Privatfirmen.

Wenn das geschieht, dann gibt es keine Aggression vor oder im Stadion. Ganz im Gegenteil, die Napoli-Fans und eine Woche später die Leeds-Fans legten sogar Kränze für die Opfer von Hillsborough nieder. Wir sehen eine starke Veränderung zu der Situation vor 30 Jahren, denn der Verein hat gemerkt, dass aggressive Polizei wiederum zu Aggressionen der Besucher führt.

Ist Liverpool hier ein Einzelfall, oder sehen Sie ein generelles Umdenken in Großbritannien?

Bei jedem Fußballspiel war es früher so, dass die paramilitärische Polizei in Kampfmontur kam und die Menschen mit Schlagstöcken die Straße hinuntertrieb. Die Polizei sah in Fans automatisch eine Bedrohung. Doch dieses Verständnis änderte sich zum Glück in England und Schottland, da viele Vereine verstanden haben, dass es einen anderen Weg gibt.

Noch eine persönliche Frage. Schauen Sie sich die WM in Katar an?

Meine Mannschaft ist Irland, und die ist sowieso nicht dort vertreten. Mich interessiert die Veranstaltung wenig. Sie wird von einem sehr unterdrückerischen Regime veranstaltet, und meine Menschenrechtsprinzipien überlagern mein Fußballinteresse. Ich schaue mir die Spielergebnisse an, aber ich verfolge das alles nicht mit einem Enthusiasmus, wie ich es bei anderen Fußballspielen mache. Wir als Fußballfans müssen aufstehen und deutlich machen, dass das nicht akzeptabel ist. Wir können nicht feiern an Orten, wo Arbeiter brutal misshandelt wurden und viele von ihnen gestorben sind. In einem Land, in dem Migranten keine Rechte haben, Homosexualität verboten ist und Frauen unterdrückt werden, darf so eine Veranstaltung nicht durchgeführt werden.

Phil Scraton ist Professor für Kriminologie an der Queens University Belfast und Autor einer Studie zum Tod von 96 Liverpool-Fans im April 1989

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