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Aus: Ausgabe vom 28.11.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Ökologische Krise

Kein Systemwechsel

»Zukunftsfähiger Kapitalismus«: Ein Sammelband liefert mäßig überzeugende Einblicke in Debatten über »Degrowth-Kommunismus« und Ökokeynesianismus
Von Christian Stache
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Ökologie und gesellschaftliche Reproduktion: Fischen im Smog (Wuhan, 15.6.2012)

Die Anthologie ist das Endprodukt einer Veranstaltungsreihe an der Universität Hamburg aus dem Jahr 2021, deren Titel auch für das Buch übernommen wurde. Sechs der insgesamt 13 Aufsätze haben die Herausgeber zudem »aus der aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskussion« ergänzt. Dazu zählen auch einige für die linke Ökologiediskussion nicht unbedeutende Beiträge, die hier erstmals auf deutsch erscheinen, etwa die Essays von Nancy Fraser, US-Professorin für Politikwissenschaft und Philosophie, und des japanischen Philosophieprofessors Kohei Saito.

Im ersten der drei Abschnitte des Buchs sind die gesellschaftstheoretisch angelegten und auch anregendsten Artikel versammelt, die den Herausgebern zufolge »den Kapitalismus in sich als ökologisches Problem identifizieren«. Allerdings ließe sich an ihnen vortrefflich darüber streiten, was den Kapitalismus ausmacht und inwiefern die Autoren der vier Abhandlungen seine Kritik leisten. Der Soziologe Jason W. Moore skizziert eher einige Grundlinien seines Weltökologieansatzes, der zu ungleichen Teilen eine ökologisierte Weltsystemanalyse und postmodernen Konstruktivismus kombiniert, Kapitalismus aber machttheoretisch vereinseitigt interpretiert. Positiv fällt bei dem Transkript seines Vortrags auf, dass er seine Beanstandung des Anthropozäns als sozialwissenschaftliche Kategorie unterfüttert und dass er »das Projekt der Nachhaltigkeit« als ein ideelles Integrationsangebot mit Massenanhang entlarvt.

Auch Kohei Saito geht es weniger um Kapitalismuskritik als vielmehr darum, einen »Sozialismus ohne Wachstum« zu begründen. Dafür argumentiert er, dass Marx’ Verständnis des anzustrebenden gesellschaftlichen Reichtums nicht identisch mit einer bedingungslosen Entwicklung der technologischen Produktivkräfte und Produkte sei. Vielmehr habe er die bürgerliche Engführung des sozialen Reichtums auf eine ungeheure Warensammlung aufheben und durch »genossenschaftlichen Reichtum« ersetzen wollen. Dieser sei demokratisch organisiert und gemäß der Fähigkeiten der Individuen sowie unter Berücksichtigung natürlicher Knappheiten produziert. So weit, so richtig. Gleichwohl folgt daraus nicht automatisch ein Plädoyer für »Degrowth-Kommunismus«. Zumal Saito es unterlässt, genau zu bestimmen, was er mit »Wachstum« meint.

Nancy Fraser kritisiert unbarmherzig den Kapitalismus als »institutionalisierte Sozialordnung« für dessen »ökologischen Widerspruch«. Sie liefert auch gleich eine Phasenheuristik »sozialökologischer Akkumulationsregime«, mit denen sie die historischen Formen der Naturausbeutung im Kapitalismus seit dem späten 15. Jahrhundert umreißt. Das Problem mit Frasers Ansatz: Sie konzipiert das gesellschaftliche Naturverhältnis polanyiesk als Herrschaftsverhältnis zwischen Ökonomie und Natur, sie modernisiert die intersektionale Kapitalismustheorie, wenn auch hochgradig elaboriert, und ihre Historiographie des Kapitalismus ist zirkulationistisch. Ihre Kritik ökologischer Bewegungen gleich welcher Schattierung sollten allerdings nicht nur, aber gerade auch ihre deutschen Fans ernst nehmen.

Der zweite Teil des Buchs handelt von »der Rolle staatlicher Institutionen im Verhältnis zur Privatwirtschaft und zum ökologischen Wandel«. Die Taz-Wirtschaftsredakteurin Ulrike Herrmann liefert eine Apologie des bürgerlichen Staates, den sie als Alternative zum »Markt« abfeiert, um die Klimakrise zu lösen. Mariana Mazzucato, Professorin für Innovationswissenschaften und Public Value, und Sighard Neckel, Hamburger Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel, vertreten postfordistisch und ökologisch modernisierte Keynesianismen. Mazzucato wirbt dafür, dass der Staat analog zur US-Mondmission in den 1960er Jahren alle seine Ressourcen »auf ganzheitliche Weise« dafür einsetzen müsse, um ein »nachhaltiges und inklusives Wachstum« in einem »zukunftsfähigen Kapitalismus« generieren zu können. Neckel spricht sich für einen »Infrastruktursozialismus« aus, der die »Allmacht der Märkte« begrenzen möge, anstatt »unrealistische Forderungen nach einem kompletten ›Systemwechsel‹ zu erheben«. Beide Visionen sehen auch eine Kooperation zwischen Staat und »willigen« Kapitalfraktionen vor.

Im dritten Abschnitt des Buchs werden Ideen zu »Transformationspfaden« formuliert. Hier finden sich unter anderem zwei nützliche Aufsätze der Soziologen Philipp Degens und Sarah Lenz. Degens ungenaues Verständnis von »Eigentum« und seine schwachbrüstigen Einwände gegen das bürgerliche Privateigentum an Produktionsmitteln hindern ihn nicht daran, dessen verschiedene Funktionen für Übergänge zu einer anderen Gesellschaft lehrreich zu durchdenken. Bei Lenz verhält es sich ähnlich, nur dass sie die Rolle der digitalen Produktivkräfte für mögliche sozialökologische Entwicklungswege (ökologische Modernisierung, Transformation und Autoritarisierung des Kapitalismus) auslotet.

Sighard Neckel, Philipp Degens, Sarah Lenz (Hrsg.): Kapitalismus und Nachhaltigkeit. Campus, Frankfurt am Main 2022, 288 Seiten, 26 Euro

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