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Aus: Ausgabe vom 25.11.2022, Seite 16 / Sport
Fußball-WM

Diese kalte Nacht

Ein Spiel für die Ewigkeit. Die Gruppe B im Prophetendiskurs
Von Ken Merten
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Grund zur Freude: Der englische Fußballspieler Jack Grealish beim haushoch gewonnenen Match gegen Iran (Doha, 21.11.2022)

Freitag, 11 Uhr, Wales – Iran

Freitag, 20 Uhr, England – USA

Anstoß im Al-Bayt-Stadion in Al-Khor. England will die Zwangswiedervereinigung, wieder Schluss mit Sonnenuntergang im Empire. Jude Bellingham, einen Dortmunder Salzkuchen im Publikum erspähend, kriegt einen Leistungsrappel. »Endlich weg da!« denkt er, während er von der Mittellinie wie bei einem FIFA-24-Glitch einnickend den Reigen eröffnet (8. Minute). Als müsste er noch irgendwem irgendwas beweisen.

Stars and Stripes sind überrumpelt, denn das wirft ihre Strategie übern Haufen: Nachdem Kellyn Acosta am Montag den Waliser Gareth Bale in der Nachspielzeit mit der Mutter aller taktischen Fouls davon abgehalten ­hatte, den Ball ins leere Tor zu schießen, übte das US-Team die Regelwidrigkeit bis zum Erbrechen. Ziel: Wenn sie eine Tormöglichkeit von Kane und Co. wittern, dann wird vorher abgefoult. Wohlproportioniert darf man das samt Einwechslern 16mal pro Partie, also genauso viele verhinderte Gegentore wie Gelbe Karten. Ihre Wette haben die US-Boys aber ohne die gemeinen, geheimen Pläne des Schiedsrichter­gespanns gemacht …

Plötzlich morpht sich der Ball aber ins englische Tor (41.). Torschütze: Fragezeichen. Offiziell wird das Tor dem in der US-Verfassung verankerten »Streben nach Glück«, gespielt von Will »Maulschellen« Smith, zugeschrieben. Wie schon gegen Iran (6:2) fressen die Engländer Gegentreffer ohne angegriffen zu werden. Wird ihnen bei Mannschaften mit Stürmern spätestens in der K.-o.-Phase zum Verhängnis werden.

Aber dann die englische ­Reconquista: Englands Drachenlord, das Mobbingopfer Harry Maguire, hat nach seiner Torvorlage in der vergangenen Partie eine High-Speed-Umschulung zum Strafraumzielspieler bekommen. Er macht das Ding direkt nach Wiederanpfiff – 2:1. Allerdings wird ­Maguire – wie schon am Montag nach einem Absprachefehler mit Kollegen John Stones und dem daraus entspringenden ersten von zwei Toren der Iraner – danach blümerant, und er muss runter. Gut, dass Coach Southgate halb ­ManCity als Reservearmee dabei hat. Good Guy Grealish kommt und trifft kurz vor Ende der regulären Spielzeit (89.). Er hat der vernachlässigten Hochkultur versprochen, er würde nach Torerfolg aus Shakespeares »Lear« in die Kamera rezitierten, und das tut er auch: »Diese kalte Nacht wird uns alle zu Narren und Tollen machen.« (Man sieht das Literarische daran, dass es natürlich nicht wirklich kalt ist, eher so emotional.)

Um zu beweisen, dass es in Katar gar keinen vorzeitigen Fanabgang gibt, wird der Trend der ewigen Nachspielzeiten auf die Spitze getrieben: Während für immer nicht abgepfiffen wird, sind die Zuschauerinnen und Zuschauer – einen Trick der »Letzten Generation« anwendend – auf den Sitzschalen festgeklebt, nur unfreiwillig. »Sir, der Referee will einfach nicht abpfeifen, Sir!« Und das auch noch beim alkoholfreiesten Bier aller Zeiten.

»Ich sah Betrunkne / Im Scherz mehr tun als dies«, hört man Grealish beim nächsten Torerfolg japsen, dem die auswendig gelernten Stellen nicht auszugehen scheinen. Alle Achtung! Oh, gleich ein Doppelpack: »Ich kann den Karrn nicht ziehn noch Hafer essen; / Doch ist es Menschenarbeit, will ichs tun.« Ein paar Gastbauarbeiter müssen grinsen. Sie sind eh nicht im Stadion und also auch nicht festgeklebt.

England und USA spielen bis in alle Ewigkeit, England dabei aber stets zwei Tore vorneweg, grafisch das Torkonto der USA also eine schiefe Asymptote und das der Engländer eine Polynomfunktion höchsten, ersten Grades. Immer weiter geht so die Partie. Sie ist bisweilen munter.

Wales – Iran 1:1

England – USA ∞+2:∞

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