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Aus: Ausgabe vom 25.11.2022, Seite 16 / Sport
Fußball-WM

Wenn Er mal im Flow ist

Mehr Blutkörperchen als Lance Armstrong: Die Gruppe A im Prophetendiskurs
Von Gabriele Damtew
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Du auch hier? Gott braucht Geld

Freitag, 14 Uhr,

Katar – Senegal

Freitag, 17 Uhr,

Niederlande – Ecuador

Au fein, die Eröffnungsfeier der besten WM aller Zeiten ist schon ein paar Tage her, aber wie könnte man sie, die noch besser war als die letzte beste, je vergessen. Kurz stockte der Menschheit der Atem, als plötzlich Gott erschien. Ja, Gott ist nicht weiß, was für einige Zuschauer ein Schock gewesen sein muss. Und er ähnelt ein bisschen Morgan Freeman. Auf Telegram kam sofort die direkte Bestätigung durch den User Michelangelo: Die Geste des ausgestreckten Fingers sei echt. Gott ist groß, besonders im Vergleich mit einem behinderten Jugendlichen.

Fingerspitzengefühl verbreitete die FIFAFüM auch im Umgang mit den Medien. Gianni Infantino, dieser Tausendsassa unter den Brückenbauern (auch wenn böse Zungen behaupten, die Brücken seien mit Scheinen gepflastert) erstaunte mit seiner Pressekonferenz selbst meine Therapeutin. Seine Ich-Sätze sprächen zwar für eine multiple Persönlichkeitsstörung, einen Schaden im frontalen Kortex, der Empathie eigentlich verhindere. Aber finde Gianni einmal seinen Flow, lösten sich Probleme und Unterschiede der Welt in Wohlgefallen auf. Er ist die FIFAFüM und braucht inzwischen keinen Vergleich mit Gott zu scheuen.

Manche behaupten, Gott sei eine Frau, wieder so eine neue feministische Theorie. In der Praxis haben katarische Frauen unendliche Macht. Als es im Eröffnungsspiel auf 20 Uhr zuging, demonstrierten sie ihre weibliche Überlegenheit in einer als abgesprochen zu interpretierenden Aktion über ihr geheimes Sprachrohr, Smartphones der Generation XYZ. Die südostasiatischen Halbsklavinnen (für ihre Kochkunst bekannt) hätten gerade das Abendessen auf den Tisch gestellt. Im Nu verließen treue Ehemänner, Brüder, Cousins, Neffen, Söhne und Großväter gehorsam das Stadion, wo doch gerade ihr Team zum ersten Mal auf der Weltbühne auftrat. Ein tragischer Akt männlicher Unterwerfung vor laufenden Kameras im sich leerenden Beduinenzelt »Al-Bait«. Katar verlor.

Und was soll das ganze Gerede über »One Love«? Da war die Kommune 1 vor 55 Jahren schon weiter, viele Lieben für alle. Ausgerechnet die deutsche »Mannschaft« unterstützte die perfide Kampagne der katarischen Frauen: »Nicht gesehen werden, nicht gehört werden, nichts zu sagen haben!« Was für eine Täuschung.

Aber zurück in die Todesgruppe A. Ecuador war vor der WM vor allem für seinen Äquator und hohe Berge bekannt, vielleicht noch für das unbürokratische Ausstellen von Geburtsurkunden – nur falls jemand dringend eine braucht. Was keiner weiß: Im Hochland versteckt, befindet sich seit Jahren ein geheimes Trainingscamp, wo man massiv Blut aufwerte, wie ein ­Whistleblower der katarischen »Expire Academy« enthüllte. Aus reiner Nächstenliebe habe der gutgläubige Emir mit schwerverdienten Gas-Dollars das angeblich bettelarme Land und dessen Jugendakademie unterstützt. »La Tri« habe das dem Gastgeber auf grausame Art gedankt (2:0). Die Ecuadorianer sollen mehr rote Blutkörperchen in sich haben als alle kenianischen Marathonläufer und Lance Armstrong zusammen. Für die Oranjes aus dem Flachland sehe ich schwarz. Oder für die internationale Leserschaft: Orange is the new black.

Fair Play, diese von Sepp Blatter initiierte und von Infantino weitergedachte Vision, wird wohl ein ewiger Traum bleiben. Aber wie sonst kann sich das Team des kleinen sympathischen Wüstenstaats Katar gegen den übermächtigen Afrikameister Senegal zur Wehr setzen? Führen Gebete zu nichts, hülfe vielleicht ein Zauberspruch mit Sesam.

Katar – Senegal 1:3

Niederlande – Ecuador 1:2

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