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Aus: Ausgabe vom 25.11.2022, Seite 6 / Ausland
Israel/Palästina

Gewaltspirale dreht sich weiter

Erneut Verletzter in Israel. Urheber von Anschlägen in Jerusalem weiter unklar
Von Gerrit Hoekman
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Bushaltestelle in Jerusalem, an der am Mittwoch eine der Explosionen erfolgte

Gewalt, und kein Ende in Sicht. Am Donnerstag morgen ist in der südisraelischen Stadt Beerscheba ein 18jähriger Student von einem Auto angefahren und verletzt worden. Wie Augenzeugen berichteten und auch Aufnahmen von Überwachungskameras nahelegen, soll der Fahrer den jungen Mann absichtlich gerammt haben. Die Polizei verhaftete einen 39jährigen unweit des Tatorts. Er soll aus der israelischen Beduinenstadt Rahat stammen, berichtete die Onlinezeitung Times of Israel. Das Motiv ist laut Polizei noch unklar.

Bereits am Mittwoch waren bei zwei Bombenanschlägen an Bushaltestellen im Großraum Jerusalem mehr als 20 Personen verletzt worden, einige schwer, ein 16jähriger starb. Bis zum Donnerstag hatte sich noch niemand zu den Anschlägen bekannt. Die islamistische Hamas lobte sie jedoch der Nachrichtenagentur dpa zufolge in einer Erklärung als »heldenhafte Operation« sowie als »Ergebnis der anhaltenden Verbrechen der Besatzung und der Siedler gegen die Palästinenser«.

Es kann nur spekuliert werden, ob die ferngezündeten Nagelbomben im Zusammenhang mit dem Tod eines 16jährigen Palästinensers stehen, der nur wenige Stunden zuvor in Nablus auf der Westbank von Mitgliedern der israelischen Streitkräfte erschossen worden war. Bereits am Montag war laut palästinensischem Gesundheitsministerium in Dschenin ein 18 Jahre alter Student auf dem Weg zur Hochschule von Soldaten tödlich getroffen worden, als er in eine Razzia geriet. Seit Anfang des Jahres wurden im Westjordanland, im Gazastreifen sowie im besetzten Ostjerusalem mindestens 200 Palästinenser von israelischen Einsatzkräften getötet, darunter mehr als 50 Kinder und Jugendliche. Es ist die höchste Zahl an Todesopfern seit 2006. Im selben Zeitraum kamen rund 25 Israelis bei von Palästinensern durchgeführten Attacken ums Leben.

Die für das israelische Armeeradio arbeitende Journalistin Hadas Shtaif vermutete auf Twitter, die Bombenanschläge in Jerusalem könnten die Folge einer Aussage des Chefs der extrem rechten Partei Jüdische Macht, Itamar Ben-Gvir, sein. Der hatte angekündigt, auch als Minister weiterhin den Tempelberg in Jerusalem zu besuchen, was eine Provokation für muslimische Gläubige darstellt. Ben-Gvir ist als Sicherheitsminister im Kabinett von Benjamin Netanjahu im Gespräch. Dann wäre er auch für die Polizei zuständig.

Das Armeeradio zog Shtaif nach ihrem Kommentar auf Twitter von der Berichterstattung über die Bombenanschläge ab, berichtete Times of Israel am Donnerstag. Ben-Gvir antwortete ebenfalls auf dem Kurznachrichtendienst, die Journalistin »benutzte das Mikrofon, das ihr das Armeeradio zur Verfügung stellt, um Terrorismus zu unterstützen und gegen mich zu hetzen.« Ben-Gvir selbst ist in Israel bereits wegen Aufwiegelung zum Hass verurteilt.

Unterdessen gab der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Bet am Donnerstag laut dpa bekannt, er habe einen Sprengstoffanschlag auf einen Bus im Süden des Landes vereitelt. Eine Bombe sei sichergestellt und der mutmaßliche Attentäter bereits vor vier Wochen festgenommen worden. Er stamme aus dem Gazastreifen, besitze eine Arbeitsgenehmigung für Israel und sei vom »Islamischen Dschihad« angeworben und ausgebildet worden. Die Bauteile für die Bombe habe er sich in Israel besorgt.

»Der Versuch der Terrororganisationen, die Beschäftigung von Arbeitern in Israel für Anschläge auszunutzen, gefährdet die Lebensgrundlage Hunderttausender Bewohner des Gazastreifens«, twitterte am Donnerstag der israelische Verteidigungsminister Benjamin Gantz. Nachdem die Regierung die Zahl der Arbeitserlaubnisse im vergangenen Jahr deutlich erhöht hatte, sind aktuell rund 17.000 Arbeiterinnen und Arbeiter aus Gaza in Israel beschäftigt. Im Gazastreifen herrscht eine enorm hohe Erwerbslosigkeit, rund die Hälfte der 2,2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner hat keinen Job. Sollte sich in Zukunft herausstellen, dass noch mehr Beschäftigte aus Gaza Mitglieder des »Islamischen Dschihads« oder anderer militanter Gruppen sind, werde Israel alle Arbeitsgenehmigungen überprüfen, so Gantz.

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