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Aus: Ausgabe vom 23.11.2022, Seite 15 / Antifa
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Bremer Landesarchäologin legt Abschlussbericht zu Ausgrabungen auf »Russenfriedhof« vor
Von Sönke Hundt, Bremen
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Bei den bisherigen Funden soll es bleiben: Mitarbeiter der Bremer Landesarchäologie auf der Ausgrabungsstätte (1.11.2021)

Einen Monat nach dem unvermittelt verkündeten Abschluss der Ausgrabungen auf dem sogenannten Russenfriedhof in Bremen-Oslebshausen hat die Landesarchäologin Uta Halle nun ihren »Bericht zum Abschluss der Feldarbeit« auf dem Gelände vorgelegt. Seine Bezeichnung erhielt das Areal wegen der dort begrabenen Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter, die von den Nazis zur Ausbeutung durch die Bremer Rüstungsindustrie dorthin verschleppt worden waren. Unter ihnen waren etliche sowjetische Kriegsgefangene.

Auf 18 eng bedruckten Seiten plus Anhang werden akribisch Anlass, Methodik und Ergebnisse der Untersuchungen geschildert. Die Grabungen waren von den Behörden mit dem Ziel angeordnet worden, den Weg für eine Bebauung des 20.000 Quadratmeter umfassenden Areals mit einer großen Bahnwerkstatt des Unternehmens Alstom freizumachen. Man ging davon aus, dass im Jahre 1948 alle auf der Reitbrake bestatteten Toten exhumiert und auf dem Friedhof in Bremen-Osterholz in einem Massengrab beigesetzt worden seien. Angenommen wurde ebenso, dass der »Russenfriedhof« mit Abschluss der Exhumierungen seine Eigenschaft als Kriegsgräberstätte verloren hätte.

Die Ausgrabungen verliefen mit großer Dramatik. Zuerst waren einige Knochenreste gefunden worden, dann ein Schädel. Die Funde galten zunächst als irrelevant. Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) hatte erklärt, erst mit dem Fund eines vollständigen Skelettes würde sich die Einschätzung grundsätzlich ändern. In ihrem Abschlussbericht listet die Landesarchäologin nun auf, dass insgesamt 14.000 Knochen und Knochenteile, rund 200 Erkennungsmarken, eine ungenannte Zahl von Schädeln und schließlich in den vergangenen Wochen noch vier Massengräber mit insgesamt 65 vollständigen Skeletten gefunden wurden. Es sei gelungen, »die vollständige chronologische Abfolge der Friedhofsbelegung zwischen November 1941 und Frühjahr 1945 anhand der Erkennungsmarken zu verfolgen«. Die Bremer Landesarchäologie gehe deshalb davon aus, dass sich »keine weiteren Gräber mehr finden lassen werden«.

Dies wird von der »Bürgerinitiative Bremen-Oslebshausen und umzu« und dem Bremer Friedensforum e. V. vehement bestritten. In einem offenen Brief vom Freitag an die Abgeordneten des Petitionsausschusses und der Kulturdeputation fassen sie die Ergebnisse ihrer umfangreichen Recherchen zusammen und machen auf aus ihrer Sicht gravierende Lücken im Abschlussbericht aufmerksam. »Nach menschlichem Ermessen wurden bis heute nicht alle Leichname des sogenannten Russenfriedhofs aufgefunden«, heißt es in dem Schreiben. Das Friedensforum und die Initiative vermuten, dass noch mehr menschliche Überreste in der Erde an der Reitbrake liegen. Die geplante Bebauung für den Alstom-Konzern sei daher »mehr als fragwürdig«.

Die Untersuchung des Geländes dürfe nicht »vorzeitig abgebrochen« und »in wesentlichen Teilen wieder unvollständig« bleiben, fordert der Brief. Die Frage nach den »300 vermissten Leichen der NS-Opfer« bleibe weiter unbeantwortet. Der Abschlussbericht gehe auf die detaillierten Einwände nicht ein, sondern erkläre nur: »Diskrepanzen zwischen den Angaben in verschiedenen Schriftquellen und den heutigen Grabungsbefunden lassen sich leider nicht mehr in allen Fällen eindeutig erklären und ausräumen.«

Die Behörden und Hafenunternehmen hatten geplant – und planen weiterhin –, das archäologisch untersuchte Gelände entweder an den internationalen Bahn- und Ausrüstungskonzern Alstom zu verkaufen oder in Erbpacht zu übertragen. Schließlich handelt es sich um ein für Bremen überaus attraktives Projekt von mehreren hundert Millionen Euro und mehr als 100 von Alstom in Aussicht gestellten Arbeitsplätzen. Zu vermuten ist, dass das Unternehmen Druck ausübt, damit endlich mit dem Baugenehmigungsverfahren begonnen werden kann.

Der Abschlussbericht der Landesarchäologin geht als nächstes an die parlamentarischen Gremien zur Bewertung und weiteren Beschlussfassung. Die Kulturdeputation sollte sich am Dienstag nach jW-Redaktionsschluss mit dem Bericht befassen.

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