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Aus: Ausgabe vom 23.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Sachbuch

Hört die Maschinen reden

In seinem Buch gegen die Technik hastet Gavin Mueller von einem Kurzschluss zum nächsten
Von Peter Schadt
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Macht kaputt, was euch kaputtmacht: Ludditen steigern das Bruttosozialprodukt

Gavin Mueller versteht sich als Marxist. Mit seinem Buch will er Marxisten für den Luddismus, die Maschinenstürmerei, gewinnen und umgekehrt bei den Ludditen für den Marxismus werben. Auf den ersten Seiten formuliert er seine Leitlinie: »Das Problem mit der Technik ist ihre Rolle im Kapitalismus (…). Sie zwingt uns, mehr zu arbeiten, sie schränkt unsere Autonomie ein, und wenn wir uns zum Widerstand organisieren, bremst sie uns aus und spaltet uns. Ein erfolgreicher Klassenkampf muss sich daher zwangsläufig gegen die bestehenden Maschinen richten, und ich dokumentiere Fälle, in denen er genau das getan hat« (16f.). In der Frage, ob nun die »Rolle« der Technik, also ihre kapitalistische Nutzung, oder die Technik selbst zu kritisieren sei, positioniert sich Mueller in Abgrenzung gegen andere Marxisten eindeutig: »Für viele von ihnen ist Technik im schlimmsten Fall neutral: Es geht nicht um die Technik an sich, sondern darum, wer sie kontrolliert« (13).

Entsprechend führt der Autor durch die Geschichte des Luddismus, von den Weber­aufständen (19) über die Sabotage gegen den Taylorismus (47) und den Kampf gegen die Automatisierung (81) bis hin zum »Hightechluddismus« (127). Dabei will der quellenreiche Band nachweisen, dass Marx sich geirrt hat, wenn er lediglich die politökonomische Nutzung der Technik kritisierte (122).

Muellers zahllose Beispiel ersetzen eine stringente Argumentation und taugen zugleich nie für ihren Beweiszweck. So schreibt er etwa über Hacker: »Diese sind weit davon entfernt, die Technologie zu feiern, sondern gehören vielmehr oft zu ihren kritischsten Nutzer*innen. Regelmäßig setzten sie ihre Fähigkeiten dazu ein, die Maßnahmen zu unterlaufen, mit denen Unternehmen das Verhalten der User*innen zu rationalisieren und kontrollieren versuchen. Sie sind oft durch und durch luddistisch« (143). Anders allerdings, als der Autor meint, sind gerade Hacker ein Beispiel für Aktivismus, der eine Technik, die kommerziell genutzt wird, konträr einsetzt. Wenn Mueller dann noch das »Teilen und Kopieren von Codes« (143) bei den frühen Softwareentwicklern lobend anführt und selbst erläutert, dass erst ein Urteil des Obersten Gerichtshof der USA diese Praxis unterbunden hat, indem die Richter Computercodes zu Eigentum erklärten (144), wiederholt er selbst alle zentralen Argumente von Marx: Es ist eben nicht der Code an sich, sondern es sind seine politisch hergestellte Form als Privateigentum sowie seine Nutzung als Mittel des Kapitals, die Mueller als schädlich zitiert. Im Anschluss daran schreibt er: »Freie Software ist ein Beispiel für eine luddistische Technologie« (145). Und drückt unfreiwillig seinen eigenen Widersinn aus: Maschinenstürmermaschinen.

Im selben Geist zitiert er den Soziologen Craig Lambert: »Wenn neue Technologien Stellen weg-›automatisieren‹, werden zu erledigende Aufgaben oft auf die verbleibenden Arbeiter*innen abgewälzt« (157 – als wäre es in der Maschine angelegt, dass Arbeiter entlassen werden müssen, wenn die Produktivität steigt, als liege hier keine ökonomische Kalkulation vor).

Es ließe sich fortfahren – beinahe jede Seite dieses Buchs enthält als Beispiele deklarierte Fehlleistungen. Auf den falschen Begriff bringt es das Zitat des Medienwissenschaftlers Ian Bogost. Der schreibt, dass »die Technik zu einer Kraft (wird), die den Menschen umgibt, die sich mit ihm überschneidet, sich seiner bedient – aber nicht unbedingt im Dienste des Menschen steht« (162). Einem Marxisten wie Mueller hätte hier einmal die Abstraktion »Mensch« auffallen können. Die Abstraktion sieht ab von allen Klassenunterschieden, wonach die einen mit ihrer Privatmacht über die gesellschaftliche Produktivkraft, über die Arbeits- und damit Lebenszeit der anderen Menschen herrschen.

Vermittelt ist diese unpersönliche Herrschaft durch die Maschinen: »Es ist ein Alptraum, diese ganzen Maschinen, die dir sagen, dass deine Quote zu niedrig ist« (169). Aber es ist eben nicht die Maschine, welche die Arbeiter »verwarnt«, sondern der ökonomische Zweck, auf den die Eigentümer sie programmiert haben. Am Ende ist es eben doch ein Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen, das sich nur über die Technik vermittelt: Das weiß Mueller an dieser Stelle selbst, wenn er schreibt, dass »sich die Vorgesetzten hinter der Technik verstecken« (169). Schade, dass auch Mueller sie nicht konsequent hinter den Maschinen hervorgezerrt hat.

Gavin Mueller: Maschinenstürmer. Autonomie und Sabotage. Aus dem Englischen von Josefine Haubold. Edition Nautilus (Flugschrift), Hamburg 2022, 232 Seiten, 20 Euro

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  • Leserbrief von Robert Martschinke aus 48155 Münster (23. November 2022 um 19:42 Uhr)
    Auch Dietmar Dath gab sich – wenn ich mich recht erinnere – in »Maschinenwinter« (2008) noch maschinenstürmerisch, relativierte allerdings sechs Jahre später (in »Klassenkampf im Dunkeln«): »Zerstört die Maschinen, aber behaltet die Baupläne!« – Begreift man die Maschine nicht nur als konkretes Ding, sondern (auch) als Idee, ist die luddistische Tat also eh letztendlich immer nur eine spontane, gegenwartsbezogene Aktion. Als solche mag sie taugen, auf lange – systemverändernde – Sicht ist der Luddismus als Quasiideologie aber zweifelsohne unbrauchbar. Eine Waffe für den Grabenkampf, aber kein Weg aus dem Krieg. Technischer Rückschritt als Bedingung des gesellschaftlichen Fortschritts ist schlicht dummes Zeug.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (22. November 2022 um 21:38 Uhr)
    Vielen Dank für die Rezension! Die gesparten zwanzig Euro gehen als Spende an die RLK 28. Das Problem mit Leuten wie dem Herrn Mueller ist halt, dass die offensichtlich noch keinen Betrieb von innen gesehen haben. Dort werden nämlich – auch heutzutage noch – so Fragen wie »make or buy« oder »ist die Maschine oder die Handarbeit billiger« gestellt. Wenn der Kabelbaum aus ukrainischer Fertigung billiger als ein CAN-Bus mit Sensoren und Aktoren ist, dann nimmt man halt den. Es muss ja nicht jeder einen AMG 63 fahren. Wegautomatisiert wird auch nichts, es wird wegrationalisiert. Da isses wurscht, ob das konkrete Ergebnis einer konkreten Tätigkeit, eines konkreten Arbeitsplatzes von einer Maschine oder durch Einkauf aus einem Billiglohnangebot ersetzt wird. »Sachzwänge« werden gerne als »Zwang aus einer Sache heraus« erklärt, da hat der Herr Mueller schon recht. Es sagt nur keiner, was die sachlichen Interessen sind. Wenn du zu viel Kohle von der PersonalerIn willst, wird sie deine Bewerbung aus sachlichen Gründen ablehnen.

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