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Aus: Ausgabe vom 23.11.2022, Seite 7 / Ausland
Türkische Angriffe auf Nordsyrien

Unter falscher Flagge

Mörserbeschuss von Schule dient Ankara als Vorwand für Einmarschdrohungen nach Syrien
Von Nick Brauns
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Mitglieder einer Söldnergruppe im Grenzgebiet zeigen den faschistischen Wolfsgruß (Akcakale/Urfa, 14.10.2019)

Drei tote Zivilisten, darunter eine Lehrerin und ein fünfjähriger Junge – das ist die schreckliche Bilanz des Einschlages mehrerer Mörsergranaten in einer Grundschule in der türkischen Gemeinde Karkamis. Der Ort in der Provinz Gaziantep liegt direkt an der Grenze zu Syrien. Die Regierung in Ankara beschuldigte umgehend die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Neben einem Bombenanschlag, dem am Sonntag vor einer Woche sechs Menschen in einer Istanbuler Fußgängerzone zum Opfer fielen und den die Regierung in Ankara der PKK bzw. YPG trotz deren Dementis anlastet, dient der Beschuss der Schule als Hauptargument für einen von Präsident Recep Tayyip Erdogan angekündigten Einmarsch von Bodentruppen in das Nachbarland. Luftangriffe fliegt das türkische Militär bereits seit dem Wochenende.

Mittlerweile hat sich die aus der YPG hervorgegangene Guerilla der Afrin-Befreiungskräfte zum Beschuss türkischer Stützpunkte im syrischen Mare und am Grenzübergang Kilis vom Sonntag, bei dem mehrere Soldaten getötet wurden, bekannt. Dass es sich beim Beschuss der Schule auch um – womöglich fehlgeleitete – Geschosse kurdischer Widerstandsgruppen gehandelt hat, kann dagegen mit einem Blick auf die Landkarte so gut wie ausgeschlossen werden. Darauf wiesen Politiker der linken Oppositionspartei HDP wie deren früherer Vorsitzender Sezai Temelli am Montag auf Twitter hin, während der HDP-Vorstand davor warnte, nicht »in die Kriegsfalle der Regierung zu tappen«.

Gegenüber von Karkamis liegt die syrische Stadt Dscharabulus, die seit ihrer kampflosen Übergabe durch die Dschihadisten des »Islamischen Staats« an die türkische Armee im Jahr 2016 türkisch besetzt ist. Zwischen den dort stationierten Söldnergruppen Ankaras kommt es regelmäßig zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Kurdische Rebellen sind dagegen nicht in Dscharabulus aktiv.

Theoretisch wäre es möglich, dass die Granaten auf Karkamis von der östlichen Seite des Euphrat aus dem Gebiet der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien abgeschossen wurden, wie die türkische Regierung behauptet. Allerdings musste sich die YPG in diesem westlich der Stadt Kobani gelegenen Gebiet aufgrund eines im Herbst 2019 geschossenen Waffenstillstandsabkommens mehrere Kilometer tief ins Landesinnere zurückziehen. Nur leichtbewaffnete Polizeikräfte befinden sich noch in Grenznähe und damit in Mörserschussweite zur Türkei, während russische Militärpolizei dort regelmäßig gemeinsame Patrouillen mit dem türkischen Militär durchführt.

Der Beschuss der Schule zum jetzigen Zeitpunkt lässt Erinnerungen an eine heimlich mitgeschnittene und dann veröffentlichte Aussage des türkischen Geheimdienstchefs Hakan Fidan vom März 2014 hochkommen. Auf die Frage, wie sich ein Einmarschgrund nach Syrien konstruieren lasse, hatte Fidan erklärt: »Ich schicke vier Männer auf die andere Seite (der Grenze, jW) und lasse sie acht Stück (Granaten, jW) auf ein leeres Feld schießen. (…) Ein Vorwand lässt sich konstruieren.« Der mächtige Erdogan-Vertraute Fidan steht bis heute an der Spitze des Geheimdienstes MIT, der die Söldnerverbände in den besetzten syrischen Gebieten anleitet. Der Verdacht, dass mit den Mörsergranaten auf Karkamis unter falscher Flagge ein Grund für eine Besatzungsoperation gegen die Region um Kobani geschaffen werden soll, drängt sich auf.

Für einen Einmarsch von Bodentruppen braucht Ankara allerdings die Zustimmung Russlands, das – ebenso wie die USA weiter im Osten der Selbstverwaltungsregion – zumindest den nordsyrischen Luftraum für die türkischen Bombardierungen geöffnet hat. Russland habe monatelang »alles getan, um eine großangelegte Bodenoperation zu verhindern«, versicherte der Gesandte des Kreml für Syrien, Alexander Lawrentjew, am Dienstag. »Wir hoffen, unsere türkischen Kollegen davon überzeugen zu können, von einer übermäßigen Gewaltanwendung auf syrisches Gebiet« abzusehen, so Lawrentjew in der kasachischen Hauptstadt Astana. Dort finden neue Verhandlungen zum Syrien-Konflikt mit Vertretern aus Russland, dem Iran und der Türkei statt.

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