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Aus: Ausgabe vom 22.11.2022, Seite 5 / Inland
Notstand im Krankenhaus

Geburtshilfe im Überlebenskampf

Hebammen ab 2025 aus Pflegebudget gestrichen. Kliniken übertragen Tätigkeiten auf Pflegekräfte
Von Bernd Müller
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Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, die Geburtshilfe in Deutschland zu stärken – so heißt es zumindest im Koalitionsvertrag. Doch mit den »Reformen«, die sie im Gesundheitswesen angestoßen hat, scheint sie das Gegenteil zu bewirken: Die Leistungen der Hebammen sollen ab 2025 aus dem Pflegebudget gestrichen werden.

Das will der Deutsche Hebammenverband (DHV) verhindern und rief vergangene Woche zu einer Protestaktion in Berlin auf. »Wir erleben in Deutschland derzeit einen Überlebenskampf der Geburtshilfe, wie wir ihn bis vor kurzem für undenkbar gehalten hätten«, erklärte DHV-Präsidentin Ulrike Geppert-Orthofer. Es sei gerade einmal ein Jahr her, dass die Ampelregierung die Zusage gegeben hätte, »die flächendeckende Eins-zu-eins-Betreuung unter der Geburt einzuführen«. Damit seien große Hoffnungen verbunden gewesen. Nun stünden die Stellen für Hebammen auf dem Spiel, ihre Ausbildung und eine hochwertige Betreuung von Frauen und Neugeborenen.

Dem Anliegen der Hebammen widmet sich auch eine Petition auf der Onlineplattform change.org. Seit ihrem Start wurde sie von knapp 1,6 Millionen Menschen unterschrieben (Stand vom Montag). Auch sie wendet sich dagegen, dass künftig nur noch qualifizierte Pflegekräfte, »die in der unmittelbaren Patientenversorgung auf bettenführenden Stationen eingesetzt sind«, im Pflegebudget berücksichtigt werden. Eine große Gruppe an Personal, die bisher darüber finanziert wurde, fällt künftig raus. Darunter etwa Physiotherapeuten, Logopäden oder eben die Hebammen und Geburtshelfer.

Der HBV hatte schon Ende September gewarnt, dass Krankenhäuser sich Hebammen in der stationären Betreuung künftig nicht mehr leisten könnten. Würden sie nicht mehr über das Pflegebudget finanziert, fielen sie in die Fallpauschalen zurück. Das führe aber dazu, dass sich die Krankenhäuser die Hebammen in der stationären Betreuung künftig nicht mehr leisten könnten. Stattdessen würden sie durch reguläre Pflegekräfte ersetzt, die aber nicht eigens für »die Begleitung von Risikoschwangeren und Wöchnerinnen« ausgebildet seien.

Auch die Ausbildung der Hebammen sei durch das Gesetz in Gefahr, wodurch der Fachkräftemangel dauerhaft verschärft werden könnte. Es sei in den entsprechenden Verordnungen festgehalten, dass in der Ausbildung die Praxisanleitung durch Hebammen auf der Wochenbettstation zwingend vorgeschrieben ist. Schon heute sei das nur unter großen Anstrengungen gewährleistet. Würden aber noch mehr Hebammen von den Stationen abgezogen, könne das Ausbildungsziel nicht mehr erreicht werden.

Es ist wohl auch der Popularität der Petition zuzuschreiben, dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) Anfang November öffentlich verkündete: »Geburtshilfe und Kinderheilkunde dürfen nicht dem Spardiktat des alten Krankenhaussystems unterworfen sein«. Er kündigte an, die Hebammen aus dem Fallpauschalensystem herauszunehmen und gesondert finanzieren zu wollen.

Die Bedenken der Hebammen tat Lauterbach aber als unbegründet ab: Ihre Leistungen würden schließlich bis zum Jahr 2025 weiterhin im Pflegebudget abgebildet. Für die Zeit nach 2025 versprach Lauterbach eine Krankenhausreform, die sich an den medizinischen Notwendigkeiten und nicht mehr an wirtschaftlichen Zwängen orientiere.

Wie Zeit Online am Sonntag berichtete, will Lauterbach die Hebammen in den Krankenhäusern in den nächsten beiden Jahren mit 240 Millionen Euro stärken. Wann das entsprechende Gesetz verabschiedet werden soll, ist allerdings noch nicht geklärt.

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