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Aus: Ausgabe vom 19.11.2022, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kurzer Abriss eines Überblicks des Untergrunds

Von Bert Papenfuß
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Anarchist bei der Arbeit

1. Profit und Kalkül

Anarchismus ist keine Philosophie, keine Theorie, keine Utopie, noch nicht einmal eine Praxis, jedenfalls keine festgeschriebene. Anarchistische Texte können philosophische, theoretische oder utopische Aspekte haben und Vorschläge für Handlungsweisen unterbreiten. Anarchismus ist in erster Linie Kritik an der auf Privateigentum an Grund und Boden, Produktionsmitteln, Geld und Informationen basierenden kapitalistischen Produktionsweise und am Reproduktionswerk des bürgerlichen Kulturbetriebes.1

Anarchismus ist zunächst, wie das Wort schon sagt, eine Negation und ein Ismus, wie andere Ismen auch, die zu Schismen führen. Wie sozialrevolutionär, militant und untergründig2 die Praxis der Kritik ausfällt, hängt vom konkreten Fall ab. Der Anarchismus erscheint als weltweit verzweigte Bewegung, in die sich mannigfache Zwänge und Dogmen aller Couleur einschleichen,3 was bedenklich ist. Eine befreite Meinungsäußerung erfolgt mit Bedacht, aber bedenkenlos: Sag, was auf der Seele4 brennt, als wär’s der letzte Moment.

2. Diffamierung und Zweifel

Anarchie kennen die meisten nur aus der Fresse5 – in der Regel in Zusammenhang mit Chaos – als Beschreibung für die Gesetzlosigkeit des Kampfes aller gegen alle, die nur durch den Rechtsstaat, sprich »Demokratie«, behoben werden kann. Mit »Demokratie« ist genau der Kapitalismus gemeint, dessen Konkurrenzprinzip der Kampf Aller gegen Alle ist, und zwar zum Vorteil herrschender Eliten. Tja, was soll man dazu sagen? Fakt ist, dass die Verschwörung der Regierten gegen sich selber real ist. Es mangelt generell an Gerechtigkeitssinn und tätiger Empörung. Und gegen Chaos, Gewusel und Wuling bleibt nichts einzuwenden, dazu haben wir ohnehin zuwenig Durchblick.

Andere kennen »die Anarchie« aus dem Studium der Klassikerinnen und aus hehren Traktaten, um diese Adepten geht es hier nicht; sie maßen sich ohnehin nicht an, Bescheid zu wissen, kennen sich dafür mit Scheitern aus. Die anarchistischen »Theoretiker« sind zunächst Schriftsteller, die Primärliteratur6 schreiben und sich mehr oder weniger sozial, kulturell und antipolitisch engagieren. Sie motivieren uns, Autoritäten zu negieren und Experten in Frage zu stellen, denn bei einer befreienden Entfaltung stören die Konsorten der Kohorten doch sehr. Wir leben auf der Erde – dieser vorerst einzigen Welt – in einer Blase, um uns Abgrund, Chaos. Da geht’s lang. Augenblicklich gilt der Kampf dem Futilitarismus.

3. Markt und Witz

Als »anarchisch« wird gemeinhin im bürgerlichen Feuilleton ein künstlerischer Ausdruck bezeichnet, der schwer klassifizierbar ist, irgendwie provokant, aber das Potential hat, frischen Wind in den Betrieb zu bringen. Nach der Ausschlachtung lässt das »Anarchische« nach und ergibt sich weiterer Kommerzialisierung. Das Feuilleton jedoch ist passé, es beinhaltet keine Kultur, sondern Streiflichter des Kunst- und Büchermarkts, die in ein paar Jahren erloschen sind. In Zeitungen steht Schnee von gestern. Das betrifft schnelle digitale Medien genauso, die Redakteure wollen ihren Schnitt machen, scheuen den Entwurf ins Ungewisse, um nicht zu sagen: ins »Anarchische«.

Das Feuilleton besteht aus Werbung für Neuerscheinungen, dem Abfeiern von merkantil relevanten Jahrestagen und Nachrufen. Ein in Ansätzen existierendes linkes, also irgendwie wenigstens halbwegs antikapitalistisch gesinntes, Feuilleton plappert den Scheiß nach, manchmal »kühn« um die Ecke interpretiert. Auch linksradikale und antiautoritäre Organe unterscheiden sich nicht groß; gerade sie könnten darstellen, dass ein widerständiges, wenigstens »anarchisches«, künstlerisches Potential existiert. Aber sie trauen sich nicht; sie könnten sich zwischen Stühle setzen, eventuell diese oder jenen verletzen.

Das Privateigentum anzugreifen ist erst mal eine anarchische Tat, die Frage ist, was man mit der Beute anfängt. Störtebeker hätte den Scheiß in gleiche Teile geteilt, Eulenspiegel sich ihn entweder unter den Nagel gerissen oder ihn weggeschmissen. Wer auf Copyright besteht oder auf Patente erpicht ist, verhält sich »systemrelevant« und ist für die ­Anarchie verloren. Aber wir sind alle von gestern – und haben keine Zukunft, außer der Gegenwart, die wir verbraten, ausnutzen, gestalten. Morgen wird’s nichts geben, schon gar nicht geschenkt; lieber den Hals verrenkt als den Rücken der Wirtschaft gebeugt. Der Neokolonialismus der Alternativlosigkeit (oder umgekehrt) schlägt zwar aufs Gemüt, motiviert aber auch.

Über das anarchische Zusammenleben indigener Völker, deren Gesellschaftsmodelle Ethnologen und Soziologen so gerne beschreiben, wissen wir herzlich wenig. Oft sind die beobachteten »Subjekte« bereits durch »Zivilisation« korrumpiert und die zivilisierten Beobachter korrupt.7 Sicherer ist es, bei sich selbst anzufangen, um das »anarchische Allzumenschliche« unter all dem medialen Zuschiss auszugraben und zu revidieren, um es zu aktivieren. Es geht darum, Produktion und Konsum zu befreien, Zwischenmenschlichkeit zu erwerben und künstlerischen Ausdruck anzueignen – um gemein unter Gesellen zu sein. Ohne dabei den Humor zu verlieren und einen neuen zu kreieren, denn in Zukunft werden wir anders lachen. Wissen ist Witz: Jäh ist der Nu und zäh die Kuh.

Im letzten Moment die klare Kante …

Nicht nur das Sein an sich,

sondern das Sein überhaupt

ist sowohl eine Frage der Betrachtung

als auch der Missachtung nach Belieben.

*

Faule Existenz empört sich

und schlägt schnöde Realität:

Sag, was auf der Seele brennt,

als wär’s der letzte Moment.

*

Nichtexistenz ist genauso

gravierend wie ein Dasein,

das von »Wissenschaftlern« bezeugt wird,

die mehr als weniger schuldige Gaffer sind.

*

Raue Existenz empört sich

und schrubbt glatte Realität:

Sag, was auf der Seele brennt,

als wär’s der letzte Moment.

*

Die Natur ist ebenso beherzt,

wie die Zivilisation seelenlos,

die keine Ausstrahlung für Körper hat,

die Wellen senden, die sich verbinden.

*

Rüde Existenz empört sich

und schluck t schnieke Realität:

Sag, was auf der Seele brennt,

als wär’s der letzte Moment.

*

Nur auf dem letzten Loch

sehen wir endlich durch. Tja,

ist sowohl eine Frage der Betrachtung

als auch der Missachtung nach Belieben.

*

Pralle Existenz empört sich

und strafft schroffe Realität:

Sag, was auf der Seele brennt,

als wär’s der letzte Moment.

*

Wir wissen um unsere Potenzen,

aber uns fehlen die Mantissen …

*

vorerst. Vorwärts empor abwärts!

Anmerkungen

(1) Der »moderne« – zur Zeit eher »modernde« – Anarchismus beginnt mit dem bürgerlichen Autor William Godwin, die Klassiker Bakunin, Kropotkin und Malatesta »entsprangen« feudalistischen Familienverhältnissen, folgende Klassikerinnen kommen aus kleinbürgerlichen, proletarischen und subproletarischen Zusammenhängen. Zeitgenössische Autoren agieren im Milieu der prekären Überflüssigen (Futilitariat). Berufsrevolutionäre gibt’s nicht mehr, hingegen berufsüberflüssige Aktivisten. Wie sozialrevolutionär, klandestin, »kriminell« oder »terroristisch« die Autoren und Aktivistinnen in ihrer »Freizeit« engagiert waren oder sind, steht auf einem anderen Blatt, das ich hier nicht wenden werde.

(2) »Untergrund« ist ein ambivalenter Begriff, beschreibt aber meiner Meinung nach die Existenz und Wirkung einer antiautoritären Bewegung, die für einen libertären Sozialismus eintritt, einigermaßen angemessen. Die Syndikalisten werden das anders sehen. Aber seien wir mal ehrlich … Ja, vor 100 Jahren war es natürlich anders. Erst muss man die Leisten mal haben, um bei ihnen zu bleiben und über die Stränge zu schlagen. – Die Unterhöhlung der Oberflächlichkeit und Seichtheit, die uns permanent multimedial um die Ohren gehauen wird, bringt die Fassade ins Wanken und zum Einsturz.

(3) Politische Korrektheit, Genderismus, Identismus (im Gegensatz zum rechten Identitarismus) usw. – Etatismen über Etatismen bis hin zur Befürwortung eines Impfzwangs … Aber mein Körper gehört mir mit jedem Bier, jeder Zigarette, jedem Joint und ausgefallenem Zahn. Ja, irgendwann sind wir alle mal dran – und sollten darauf gefasst sein. Wozu haben wir ein Immunsystem? Und unsere Skepsis und Entscheidungsfreude … bis zum vorübergehend letzten Entschluss.

(4) »Seele« ist – zugegeben – ein spukistischer Begriff; wenn Bert Papenfuß (und seine Pseudonyme Sepp Fernstaub usw.) ihn benutzt, bitte immer »Kehle« mitlesen, denn sie ist der Ort der »Kanalisation ins Darumsonst«, der vom Wissensdurst (und psychoaktiven Substanzen) gespeist wird.

(5) Die 2021 inthronisierte Außenministerin des totalitaristischen Deutschlands Annalena Charlotte Alma Baerbock (ACAB) rief am 18. Januar 2022 bei ihren Antrittsbesuch in Minsk (oder war es Dwinsk oder Pinksk, gar bei den Moskowitern selber?) die »Fressefreiheit« aus, wohl um die freie Presse der westlichen Wertegemeinschaft vor weiteren Repressalien durch Fakeschleudern zu schützen. Eigentlich sollten »Young Global Leaders« wie ACAB eine logopädische Schulung absolviert haben, aber Machtgeilheit schlägt eben manchmal doch auf die Zunge und lässt freudianisch wat kieken, das sich in diesem Falle wohl auch auf das Vermummungsgebot bezieht.

(6) Im Augenblick ist es »leider« so, dass diese Literatur im Akademischen versackt, bevor sie auf der Straße – und in den Städten, Dörfern, Feldern, Wäldern und Wüsten – ausagiert und revidiert wurde. Das Wort »leider« geht mir so schwer über die Zunge wie ACAB die »Pressefreiheit«. »Leider« ist eine (vergebliche) Entschuldigung für jeden Scheiß: Opportunismus, Einsicht in die Notwendigkeit, Feigheit – Entschuldigung, ich meine natürlich Mutlosigkeit –, Militarismus, Vernichtung. – »Leider sind Neider Meider« (die vier Wörter sind beliebig umstellbar). Wir leben in einer Kanzelkultur, der es darum geht, Kursabweichler anzuscheißen und auszubooten. Dieses tief verinnerlichte Konkurrenzprinzip waltet links und rechts in allen Klassen.

(7) Dennoch kann es in unseren normopathischen Zeiten nicht schaden, einen ethnologischen Blick auf uns selbst zu werfen. Narzissmus ist mit einigem Abstand durchschaubar, wenn man nicht gerade Entfremdung, Unterdrückung und Ausbeutung akzeptiert, um seine Ruhe zu haben – und sich gemächlich hochzukanzeln.

Bert Papenfuß, geboren 1956. Schriftsteller, lebt in Berlin.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Klaus-Peter H. aus Neustadt-Glewe (21. November 2022 um 11:45 Uhr)
    »Anarchist bei der Arbeit«, ist wohl eher ein Witz. Anarchist wird man nicht durch Protestaktion, sondern durch Überzeugung. Das, mit Verlaub , ist ein kleiner Unterschied. Dass euere Zeitung auf die Jungen zielt, ist dabei der einzig entschuldbare Fauxpas.

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