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Aus: Ausgabe vom 19.11.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

In göttlicher Mission

Die koloniale Tradition ist davon durchdrungen, Europa und den Westen durch Ausdehnung der »Zivilisation« zu verteidigen. Eine Analyse von Domenico Losurdo
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US-Marines beten vor der Ankunft von US-Präsident Barack Obama im Marine Corps Camp Pendleton in Kalifornien (August 2013)

Im Ersten Weltkrieg sind Länder wie Frankreich, England, Italien und die Vereinigten Staaten mit dem Schlagwort »demokratischer Interventionismus« in das Gemetzel hineingegangen: Der Krieg war notwendig, um auf Weltebene die Sache der Demokratie zu befördern, um in den Mittelmächten Autokratie und Autoritarismus abzuschaffen und so ein für alle Mal die Geißel des Krieges auszurotten. Es handelte sich um ein ideologisches Motiv, das dem wilhelminischen Deutschland nicht ganz fremd war, denn es wollte zumindest bis zur Revolution vom Februar 1917 die Demokratie in das zaristische Russland exportieren. Am Anfang des 20. Jahrhunderts ziemlich verbreitet, ist jetzt dieses ideologische Motiv im wesentlichen ein Monopol der Vereinigten Staaten und hat eine beispiellose Emphase erreicht: Die älteste Demokratie der Welt, die von Gott auserwählte Nation muss die Welt weiterhin auf den Weg der Freiheit führen, mit einer »Mission«, die, um es mit den uns schon bekannten Worten (William) Clintons (1993–2001 US-Präsident, jW) zu sagen, »zeitlos« ist. In Wahrheit ist diese Auffassung, wonach es ein einziges Volk gibt, dem das ewige Privileg zukommt, zu führen, während alle anderen Völker sich damit abfinden müssen, ewig geführt zu werden, gerade die Negation der Idee der Gleichheit und der Demokratie in den internationalen Beziehungen. Eine ähnliche Betrachtung kann hinsichtlich der Auffassung angestellt werden, wonach es auf der einen Seite ein für die Ewigkeit von Gott auserwähltes Volk gibt und auf der anderen Seite Völker, die für immer von dieser besonderen Vertrautheit mit dem Allmächtigen ausgeschlossen sind. Doch die Kriegsideologie beschäftigt sich nicht mit diesen Spitzfindigkeiten. Tatsache ist, dass gegenwärtig nur die Vereinigten Staaten sich die ewige und göttliche Mission zuschreiben, überall auch mit Waffengewalt »Demokratie« und »freien Markt« zu erzwingen.

Der Mythos des Imperiums als Übermittler von Ordnung, Stabilität und Frieden begleitet wie ein Schatten die Geschichte des Kolonialismus und des Imperialismus. Auf dem Gipfel seiner Macht verschmähte es das Großbritannien der Königin Viktoria nicht, sich mit dem Römischen Reich zu vergleichen. Das war natürlich ein Motiv, das Mussolini ganz besonders schätzte: Nachdem er Äthiopien barbarisch mit Feuer und Schwert verheert hatte, begrüßte er in seiner Rede vom 9. Mai 1936 das »Wiedererscheinen des Reiches auf den schicksalsschweren Hügeln Roms« und verherrlichte das wiedergeborene Römische Reich als »Reich des Friedens« und »Reich der Kultur und der Humanität«. Auch bei Hitler finden wir natürlich dieses Motiv, auch wenn er es, mit Blick auf die Eroberung Osteuropas, vorzieht, sich vor allem auf Karl den Großen und auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zu berufen. In Europa in Ungnade gefallen, lebt dieser Mythos jenseits des Atlantiks wieder auf, wo es sogar zu ausdrücklichen Rehabilitierungen des Imperialismus schlechthin kommt. In den herrschenden Kreisen ist der Kult des Imperialismus jedenfalls so stark, dass er sogar die Kategorie »Gleichgewicht« in Misskredit bringt, die schon deshalb annehmbar ist, weil sie gewissermaßen die Idee der Gleichheit oder der gegenseitigen Achtung, wenn auch nur unter den Großmächten, impliziert. Ein für allemal soll diesem alten Plunder eine Art neu erstandenes weltweites Römisches Reich ein Ende setzen, das natürlich Garant des Friedens, der Kultur und der Humanität wäre.

Zum Schluss. Die Geschichte der kolonialen Tradition ist ganz von dem emphatischen Appell an die Verteidigung Europas und des Westens und an die Ausweitung des Raums der Zivilisation gegen die Bedrohung beziehungsweise die Halsstarrigkeit der Barbaren durchdrungen. Als der Faschismus und der Nazismus die koloniale Tradition übernommen und radikalisiert haben, konnten sie nicht umhin, dieses ideologische Motiv wiederaufzunehmen, das vor allem in den Erklärungen der Anführer und Ideologen des Dritten Reiches hervortritt, das unmittelbar an die zu besiegende und zu unterwerfende orientalische und asiatische Barbarei angrenzt. Heute sind es die Vereinigten Staaten von Amerika, die sich als Verfechter des Westens und vor allem des authentischen Westens aufspielen. (…)

Dem tendenziellen Monopol der hochentwickelten und mörderischen Waffen – die US-Radaranlage zur Raketenabwehr zielt darauf, die Nuklearwaffen der anderen Länder unbrauchbar zu machen – entspricht das Ansinnen Washingtons, sich zum universalen Richter aufzuspielen; dieser Richter diktiert die Regeln des Diskurses und sanktioniert unanfechtbar die Normen, die moralischen Anklagepunkte, die Sünden, vor denen man sich hüten muss, wenn man vermeiden will, unter Anklage gestellt zu werden.

Domenico Losurdo: Die Sprache des Imperiums. Ein historisch-philosophischer Leitfaden. Aus dem Italienischen von Erdmute Brielmayer. Papyrossa-Verlag, Köln 2011, Seiten 355–357

Wir danken dem Papyrossa-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck

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