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Aus: Ausgabe vom 18.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

Jetzt, da die Kälte kommt

Die Bildschärfe des Gedankens: Notizen zum 40. Todestag des Dichters Heinar Kipphardt
Von Michael Mäde-Murray
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»Jetzt da die Nebel fallen / da jetzt die Kälte kommt / seh ich dich gern auf dem Dach / einbeiniges Prinzip Hoffnung«

»Daß Dir das Gedichteschreiben keine Anstrengung abverlangt, hättest Du vielleicht verschweigen sollen; so schlecht sind sie nun doch wieder nicht«, schreibt Peter Hacks dem Freunde in seiner typisch ironischen Art in einem Brief vom Februar 1978. Er spielte damit auf den Klappentext des 1977 erschienenen Bandes »Angelsbrucker Notizen« mit Gedichten von Heinar Kipphardt an. Darin heißt es: »Ich war immer überzeugt, nur Gedichte seien in der Literatur wirklich ernst zu nehmen (…), und von den Qualen des Schreibens ist mir einzig die des Gedichtemachens keine (…). Die Gedichte beschreiben die Zeit, in der ich lebe. Ich hoffe, sie ist kenntlich und ich in ihr.« Dies zu prüfen und sich die Zeit und den Dichter sozusagen noch einmal an den Hals zu holen lohnt auch 40 Jahre nach dem Ableben des Autors.

Es war die Wochenzeitung Die Zeit, die im April 1992 anlässlich einer Kabinettsausstellung in Marbach zum zehnten Todestag von Heinar Kippardt feststellte, es handele sich bei ihm um »den schon seltsam ferngerückten Schriftsteller«.

Sozialist geblieben

»Ferngerückt« ist für die heutige Sicht auf die Dinge – an Kippardts 40. Todestag – eine allzu feinsinnige Umschreibung. Der Schriftsteller, bekannt, ja berühmt geworden mit seinen großen dokumentarischen Dramen »In der Sache J. Robert Oppenheimer« (1964), »Joel Brand« (1965) und »Bruder Eichmann« (1982), wird auf den Bühnen der heutigen Theater kaum noch gespielt, Kipphardts Bücher sind teils vergriffen und nicht wieder neu aufgelegt. Er teilt dieses Schicksal mit einigen seiner Zeitgenossen, so z. B. mit Peter Weiss, dem anderen Meister des dokumentarischen Theaters, und seinem (zeitweiligen) Freund Peter Hacks, der landläufig nur noch als der Hofdichter des sozialistischen deutschen Staates angesehen wird. Die Genannten eint, dass sie ihr Leben lang, über alle Widersprüche und Streitereien hinweg, Sozialisten geblieben sind. Das halte, hinsichtlich der Rezeption ihrer Werke, für Zufall, wer will. Kipphardt nun, bekannt dafür, keinem guten Streit aus dem Wege zu gehen, war ein Wanderer zwischen den – überschaubaren – Theaterwelten der beiden deutschen Staaten. Geboren am 8. März 1922 in Schlesien, erlebte er schnell die Repressionen der deutschen Faschisten. Sein Vater war als überzeugter Kommunist im KZ Buchenwald inhaftiert. Dem Sohn gelang es, nach einem Einsatz bei der Wehrmacht ab 1942, kurz vor Kriegsende unterzutauchen. Nach dem Krieg schloss er in Düsseldorf ein Medizinstudium ab. Die weiter gärende faschistische Ideologie und die offensichtliche Restaurationsbestrebung führten ihn 1950 dazu, in die DDR überzusiedeln, die er nach einer deutlichen Verschärfung der Kulturpolitik 1959 wieder verließ. In allen diesen ereignisreichen Jahren hat Kipphardt Gedichte geschrieben. »Verständen die Menschen Gedichte zu lesen, so würde niemand den Mut haben, eins zu schreiben, niemand würde es wagen, sich so rücksichtslos zu enthüllen, wie es in einem Gedicht geschieht«, schreibt Kippardt 1950 an seinen Vater und legt damit sein tiefes Verständnis für den andersartigen lyrischen Produktionsprozess offen. Seine frühen Texte, die in den Band »Angelsbrucker Notizen« Aufnahme fanden, sind beherrscht vom Thema Krieg. Sie weisen expressionistische Anklänge auf, sind jedoch in einem aufklärerischen Gestus verfasst und von tiefem Humanismus durchdrungen. Es gelingen eine Reihe von eindrucksvollen Texten, u. a. »Gesang von der Rebellion des einfachen Mannes der Welt« (1948), »November einer Epoche« (1951) und »Gesang vom Elend und Ruhm der großen Stadt Berlin« (1952). Rund die Hälfte der Arbeiten in den »Angelsbrucker Notizen« sind »März-Gedichte«. Über die fiktive Figur des schizophrenen Dichters Alexander März hatte Kipphardt 1975 einen Fernsehfilm gemacht. 1976 folgte der Roman »März« und 1980 schließlich eine Stückfassung des Stoffes. Alexander März wurde für Kipphardt zum Medium radikaler Gesellschaftskritik. Das Leben und das Leiden der Figur wird zu einem kritischen Spiegel für die sozialen Verhältnisse in der BRD der 70er Jahre. Kipphardts März-Gedichte können als eine Art Rollenpoesie gelesen werden, die Grenzen zwischen Dichter und »Objekt« sind fließend, und beide gehen zuweilen offensichtlich ineinander über. Daraus entsteht eine ganz eigene lyrische Spannung, die sich wunderbar mit Kipphardts zunehmend lakonischer Tonlage verträgt. Die Gedichte aus Heinar Kipp­hardt letztem Lebensjahrzehnt sind in dem Band »Umgang mit Paradiesen« im Jahre 1990 erstmals gesammelt erschienen.

Erinnert an Brecht

Das Notat aus dem Jahre 1975 »Poesie ist die Bildschärfe des Gedankens« könnte als Credo dieser lyrischen Schaffensphase gelten. Einfache, aber bildstarke Texte entstehen: »Jetzt da die Nebel fallen / da jetzt die Kälte kommt / seh ich dich gern auf dem Dach / einbeiniges Prinzip Hoffnung« (Der Winterstorch in Langengeisling, 1980). Der Text »Besichtigung (Buchenwald)« von 1980 schafft einen Bezug zum eigenen Gewordensein im historischen Kontext: »Die aus dem Rahmen gerissene Zellentür 16 / müßte (ich bilde mir ein) / die Bunkerzelle meines Vaters gewesen sein. / Ich nehme sie auf mit meiner Practica / lasse sie körnig vergrößern / und hänge sie mir an die Wand. / Es ist ein pathetisches Foto.« Die letzte Verszeile ist schön un­lyrisch und eigentlich ein Kommentar. Der aber erinnert an Brechts: »Glotzt nicht so romantisch«. Eine Begegnung mit den Texten des Dichters Kipphardt kann in den sich verdunkelnden Zeiten der Gegenwart produktiv und genussvoll sein. Und das ist schon eine ganze Menge.

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