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Aus: Ausgabe vom 14.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Überall lieben und sterben

Liegt’s am Krieg? Das Ballett »Romeo und Julia« hat Konjunktur auf den deutschen Bühnen
Von Gisela Sonnenburg
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Die Welt lernt ihre Lektion nicht: Romeo (Julian Amir Lacey) weint um Julia (Ayaha Tsunaki)

Die aktuelle Weltlage ist aggressiv, die Stimmung gedrückt. Offenbar ideale Voraussetzungen für das schwärmerische Ballett »Romeo und Julia« zur dramatisch-expressiven Musik von Sergej Prokofjew. Das Stück, in dem es um Liebe zwischen Feinden geht, wird zur Zeit an so vielen deutschen Bühnen getanzt wie wohl noch nie. Am 5. November gab es eine choreografische Uraufführung in Dresden: Das Semperoper-Ballett wird für die Version von David Dawson bejubelt. Hier sind die beiden Freunde von Romeo übrigens ein schwules Paar. Bei der Dance Company in Osnabrück sind Romeo und Julia seit neuestem sogar zwei lesbische Mädchen: Tanzdirektorin Marguerite Donlon hat sich das ausgedacht. Das Gendern zieht so weite tänzerische Kreise.

Außer beim Bayerischen Staatsballett in München. Hier tanzte man soeben eine Serie von »Romeo und Julia«-Aufführungen in der klassisch anmutenden, aber durchaus bunten Inszenierung von John Cranko von 1962. Beim Ballett Dortmund wiederum reüssiert die pastellfarbene Version von Jean-Christophe Maillot, der das Stück 1996 als Ballettdirektor in Monte Carlo kreierte. Bei Maillot spielt der Mönch Lorenzo, der die verliebten Teenager Romeo und Julia heimlich traut, eine Hauptrolle: Die ganze Geschichte wird in Rückblenden aus seiner Sicht erzählt.

Maillot: »Ich wollte alles weglassen, was konkrete Hinweise an das Publikum gibt. Also: dass es in Italien spielt, in Verona, zu einer bestimmten Zeit, in einer bestimmten Epoche. Mir war vielmehr wichtig, eine neue Art der Erzählung zu präsentieren, die es den Zuschauern erlaubt, sich auszusuchen, mit wem sie sich identifizieren.« Darum steht der Tod der Liebenden am Anfang seiner Inszenierung. Ihr Heldentum wird in Frage gestellt. Und Lorenzo macht sich Vorwürfe. Entscheidend sind dann die als Collage getanzten Beziehungen der Personen auf der Bühne. Die wiederum ist ein weiß ausgekleideter Raum mit einer ebenfalls weißen Rampe.

Graudunkler Marmor bildet hingegen das düstere Bühnenbild von Jérôme Kaplan in Dresden. Romeo und Julia sind darin ästhetische Lichtgestalten in erlesenem Cremeweiß. Das Stück ist in unsere Gegenwart verlegt, und die Mutter von Julia trägt Stöckelschuhe zum roten Abendkleid. Man pflegt in dieser Familie Oberschichtenrituale mit vorgetäuschtem Bussi-Bussi – und mit einer Eiseskälte im Umgang miteinander. Der Clan beherrscht die Szene, die jede Metropole sein könnte.

Romeo und Julia könnten demnach überall lieben und sterben. Die absolute Liebe wird von der Mitwelt ja sowieso als unmöglich empfunden. Zwei Menschen, die nur noch ihre Besessenheit füreinander kennen? Das kommt selten gut an. Das Grundproblem des Dramas, das schon seinen Erfinder William Shakespeare im 16. Jahrhundert bewegte: Was geschieht mit Menschen aus verfeindeten Familien, die ihre ganze Kraft auf die erotische Zuneigung zueinander fokussieren? Hat die Liebe eine Chance, wenn fast alle gegen sie sind? Die Weltliteratur antwortet kategorisch mit »Nein«. Weder Romeo und Julia noch Tristan und Isolde noch Samson und Delila bekommen ihr Happyend.

Für David Dawson ist das einleuchtend: »Die Welt lernt ihre Lektion nicht.« Darum verzichtet er auch auf die Versöhnungsszene der Eltern am Grab ihrer Kinder. Außer Juri Grigorowitsch, der 1979 die fürs Bolschoi-Theater in Moskau maßgebliche Fassung von »Romeo und Julia« schuf, traut sich tatsächlich kaum ein lebender Tanzschöpfer, Shakespeare bei der Friedensstiftung zu folgen. Die Ballette enden zumeist mit dem Tod Julias über der Leiche ihres geliebten Romeo.

So auch in Dresden. Der geschmeidige Nachwuchsstar Julian Amir Lacey und die mädchenhafte Ayaha Tsunaki sterben beim Semperoper Ballett final in den Titelrollen: mit stilecht erotischer Verve und (schau)spielerischer Brillanz. Kenner freuen sich aber auch schon auf die Zweitbesetzung: mit den reiferen Stars Marcelo Gomes und Courtney Richardson.

Für die Kampfszenen im Stück holte sich David Dawson fachkundige Unterstützung beim Stuntman Jonathan ­Holby. Dem fiel ein, dass Julias Bruder einen Freund von Romeo nicht versehentlich absticht, sondern ihm wütend das Messer in den Rücken wirft. Romeo rächt sich dafür. Aber nicht mit dem Schwert, er erwürgt den Widersacher, der zu diesem Zeitpunkt bereits sein Schwager ist. In den Details gibt es also einige Variationen bei all den Romeos.

Nur auf eine Idee kamen die Ballettleute bisher noch nicht: Romeo und Julia als einen Russen und eine Ukrainerin zu zeigen. Aber vielleicht kommt das ja noch.

theaterdo.de

semperoper.de

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