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Aus: Ausgabe vom 12.11.2022, Seite 6 / Ausland
Selbstverwaltungsprojekt

Machtbewusster Brückenbauer

Der Tod von Scheich Al-Hadi hinterlässt eine Lücke im komplizierten Kräftegefüge Nordostsyriens
Von Nick Brauns
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Stammeskrieger der »Kraft der Mutigen« im Kampf gegen Dschihadisten (Al-Schadada, 12.1.2016)

Er galt als Garant der Allianz zwischen Kurden und Arabern im Norden Syriens. Scheich Humaidi Daham Al-Hadi ist am Donnerstag in einem Krankenhaus im nordirakischen Erbil an einer unheilbaren Krankheit verstorben. Das 1936 im Dorf Tel Alu nördlich von Hasaka geborene Oberhaupt des Schammar-Stammes war der einflussreichste arabische Politiker in Nordostsyrien. Dort siedeln die über mehrere Länder bis nach Saudi-Arabien verstreut lebenden Mitglieder des Stammes im Grenzgebiet zum Irak in der Region um Al-Jaarubija (Til Kocer) und Dschasaah.

2011 hatte Hadi zwar Sympathie für die Aufständischen gegen Präsident Baschar Al-Assad gezeigt, ohne sich aber aktiv auf ihre Seite zu stellen. Nachdem 2012 dschihadistische Kämpfer in die Siedlungsgebiete der Schammar eingedrungen waren, endete im September 2013 der Versuch, die Okkupanten zu vertreiben, mit einer Niederlage der Schammar. Diese suchten nun Zuflucht in den von Kurden bewohnten Landesteilen, in denen im Windschatten des Bürgerkrieges Selbstverwaltungskantone ausgerufen worden waren. Die Schammar wurden dort mit offenen Armen aufgenommen. Denn die Kurden hatten es nicht vergessen, dass sich deren Stammeskrieger 2004 geweigert hatten, an der Niederschlagung eines durch Übergriffe arabischer Nationalisten ausgelösten kurdischen Volksaufstandes mitzuwirken. So wurde Al-Hadi 2014 gemeinsam mit der Kurdin Hadija Jusef zum Kopräsidenten des Kantons Dschasira gewählt. Der konservative, stets traditionell gekleidete arabische Scheich, der sich in seinem prunkvollen Marmorpalast standesgemäß mit Rennpferden und Kamelen umgab, und die ehemalige Guerillakämpferin und Feministin symbolisierten den Anspruch des Autonomieprojekts, die verschiedenen Komponenten Nordsyriens gleichberechtigt zu repräsentieren.

Die 2013 aus den Stammeskriegern der Schammar und kleinerer Stämme gebildete »Kraft der Mutigen« (Kauwa Al-Sanadid), die zeitweilig um die 10.000 Kämpfer umfasste, kämpfte an der Seite der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und später mit der von den USA unterstützten Militärallianz der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) gegen die Dschihadisten des »Islamischen Staates«. Die Beziehungen zwischen der Autonomieverwaltung und den Schammar war keineswegs spannungsfrei, Streit gab es etwa über die Verteilung von Gewinnen aus der Ölförderung. Hadi gelang es dabei, im Siedlungsgebiet der Schammar faktisch eine Selbstverwaltung innerhalb der Selbstverwaltung zu errichten.

Nachdem US-Präsident Donald Trump vorübergehend den Abzug der US-Truppen aus Syrien ankündigt hatte, war Al-Hadi bemüht, wieder Kontakte zur Regierung in Damaskus aufzunehmen. »Ich bin bereit, Assads Hand zu schütteln«, versicherte der Scheich im Frühjahr 2019 nach Gesprächen in Damaskus, Bagdad und auf der russischen Militärbasis Hmeimim. »Das Ziel ist es, den Krieg zu stoppen und gemeinsam an einem Tisch zu sitzen.«

Der Scheich habe eine wichtige Rolle bei der Festigung des Bandes der Brüderlichkeit zwischen den Völkern gespielt, erklärte die nordostsyrische Regierungsallianz Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft (Tev-Dem) am Freitag in einer Kondolenzbotschaft. Sie sprach von einem »schweren Verlust für unsere ganze Region«. Die SDK würdigten Hadi als einen »patriotischen Vorkämpfer, der uns in den schwierigsten Zeiten zur Seite stand«.

Noch ist nicht absehbar, welche Lücke Al-Hadis Tod in das diffizile Machtgefüge in Nordostsyrien gerissen hat. An seine Stelle als Oberhaupt der Schammar wird voraussichtlich sein Sohn Bandar treten, der bereits Kommandeur der Sanadid-Miliz ist.

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