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Aus: Ausgabe vom 11.11.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
COP 27

»Tamtam und Tauschgeschäfte«

Über den Sinn von Weltklimakonferenzen und warum es auch in diesem Jahr keine grundlegenden Ergebnisse geben wird. Ein Gespräch mit Helge Peukert
Von Raphaël Schmeller
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Die Weltklimakonferenz in Scharm Al-Scheich ist die 27. ihrer Art. Welche Bilanz ziehen Sie aus den 26 vorangegangenen Konferenzen?

»Unser Haus brennt, und wir schauen weg.« Das sagte Jacques Chirac, damals Staatspräsident Frankreichs, 2002 auf dem UN-Erdgipfel. »Wir haben keine Zeit mehr«, hörten wir 2009 auf der COP 15 in Kopenhagen und 2015 auf der COP 21 in Paris. Jetzt spricht UN-Chef António Guterres vom »Highway in die Klimahölle«. Es ist the same procedure as every year, und die Kurve der weltweiten Emissionen geht seit Jahrzehnten schnurstracks nach oben. COPs sind also Flops, Theatervorstellungen mit gut verteilten Rollen: der große UN-Warner, vermeintlich gutgesinnte nationale Interessenvertreter und Experten sowie NGO-Mahner. Zuerst kommen die Schwadronaden, dann aufgeregtes Tamtam und Tauschgeschäfte, flankiert von eher kooperationsfreundlichen Organisationen wie Greenpeace bis zur Kritik einiger Gregors und Luisas, was in toto Inklusion und Vielfalt suggeriert. So wird ein Mindestmaß an politischer Scheinlegitimation aufrechterhalten und verhindert, dass sich mehr Menschen als verlorene letzte Generation verstehen, der nichts anderes übrigbleibt, als kompromisslos durch Blockaden Sand ins Getriebe zu streuen.

Die Chancen für grundlegende Entscheidungen im Kampf gegen die Klimakatastrophe stehen also auch in diesem Jahr nicht gut?

Sie stehen bei null. Es geht wohl nur ums Geld, also den Ausgleich für Schäden durch Dürren und Fluten im globalen Süden. Der stiehlt sich durch weitgehend zutreffende Verursachungszuschreibungen auch gerne aus der Mitverantwortung. Das ist vor allem praktisch für Regierungen wie die deutsche, die sich von konkreten Minderungsverpflichtungen freikaufen können. So muss der eigenen Bevölkerung nicht noch mehr zugemutet werden, mehrheitlich scheint das in deren Sinne zu sein. Bundeskanzler Olaf Scholz fällt nichts Besseres ein als die Forderung nach einer neuen industriellen Revolution und das x-te Wiederaufwärmen eines unrealistischen weltweiten Klimaklubs. Mit Italiens Regierungschefin Georgia Meloni sprach Scholz vor Ort vor allem über die Migrations- und Flüchtlingsfrage. Der neue britische Premier wollte erst gar nicht teilnehmen. Die Reihe der wenig klimabewussten Einstellungen politischer Entscheidungsträger ließe sich fortsetzen, Lula zum Beispiel wird in Brasilien kein Moratorium zum Schutz des Regenwalds durchsetzen.

Gibt es noch mehr Anlässe für Pessimismus?

Ausrichter der COP ist ein ägyptischer Militärputschist und Menschenrechtsverletzer, und der Veranstaltungsort ist ein Paradebeispiel für klimafeindlichen Tourismus. Klimaaktivisten werden maximal behindert, Zehntausende Teilnehmer reisen – jeder für sich – per Flugzeug an. Der indische Architekt, der zu Fuß die 500 Kilometer von Kairo nach Scharm Al-Scheich zurücklegen wollte, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen, wurde festgenommen. Die EU kommt mit wachsweichem Mandat und keinen Fortschritten in der EU-Klimapolitik. Deutschland unterstützt die Erschließung von Gasfeldern im Senegal, und es gibt kein Neun-Euro-Ticket mehr.

Coca-Cola, der weltgrößte Plastikverschmutzer, und Microsoft, der größte Technologiepartner der Öl- und Gasindustrie, sind die zwei Hauptsponsoren der COP 27. Ist das ein Zufall?

Bei früheren COPs gab es ähnliche Sponsoren. Eigentlich ist das schön dumm von den Veranstaltern, da es doch ein recht offenkundiger Widerspruch zur umweltpolitischen Ausrichtung der Konferenz ist. Die Zulassung solcher Sponsoren zeigt, dass man meint, ökomodernistisch Hand in Hand mit den Unternehmen die nicht nur von Scholz vorgestellte neue industrielle Revolution im Rahmen der wachstumsorientierten Megamaschine hinzubekommen, ohne in Guterres’ Hölle zu landen. Das wäre bei den ersten COPs noch möglich gewesen, heute nicht mehr.

Wie groß sind noch die Chancen, die globale Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen?

Derzeit bricht sich selbst in der gutbürgerlichen Presse die Erkenntnis Bahn, dass das 1,5-Grad-Ziel wohl verfehlt wird und wir das im Alltag zu spüren bekommen. Das ist leider wahr, die Bevölkerung wird langsam darauf vorbereitet. Anstatt aber die Konsequenz zu ziehen, dass wir sofort eine radikale Schrumpfung in Gang setzen müssen, lautet die Quintessenz eher: Wir fokussieren erst mal die Anpassung und setzen ansonsten auf neue Technologien.

Helge Peukert ist Professor für Plurale Ökonomik an der Universität Siegen. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Klimaneutralität jetzt! Update 2022« im Metropolis-Verlag

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (11. November 2022 um 12:08 Uhr)
    Die COP26 fand 2021 in Glasgow statt. Offiziellen Angaben zufolge verursachte jeder und jede Delegierte damals 3,42 Tonnen Co-Äquivalente (CO2E). In Glasgow war es damals herbstlich kühl, aber es sind im ägyptischen Badeort Scharm Al-Scheich tagsüber um die 30 Grad Celsius. Dass der Schadstoffausstoß hier deutlich höher ausfällt, ist wohl eine zulässige Annahme, weil die Klimakonferenz selbst präsentiert sich als ein irrwitziges Beispiel für Energieverbrauch, eine riesige Energie und CO2-Schleuder, die reinste Verschwendung! Die UN-Klimakonferenz dauert zwölf Tage, sie geht noch bis zum 18. November und wird in Spitzenzeiten 35.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben. Die drängeln sich in riesigen Kunststoffzelten, die so stark abgekühlt werden, dass innen manche Teilnehmer mit dicker Jacke und Schal sitzen, um nicht eine dicke Erkältung zu bekommen. So bizarr die Veranstaltung einerseits ist, so gut gibt sie andererseits die Zerrissenheit der Staatengemeinschaft im Kampf gegen den Klimawandel wieder.

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