75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Montag, 28. November 2022, Nr. 277
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 08.11.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Wirtschaftskrieg

Nicht überstrapazieren

Belgien: Importvolumen aus Russland im ersten Halbjahr besonders bei Erdgas und Diamanten verdoppelt
Von Gerrit Hoekman
imago0166526738h.jpg
Plötzlich dringend gebraucht: Flüssiggasterminal in Zeebrugge (23.8.2022)

Der Wert der Waren, die Belgien seit Beginn des Kriegs in der Ukraine bis einschließlich Juli aus Russland importierte, hat sich im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr von 3,3 Milliarden Euro auf 6,6 Milliarden verdoppelt. Das teilte die staatliche belgische Behörde für Außenhandel am Donnerstag der flämischen Tageszeitung Het Nieuwsblad mit. Gas und Erdöl hatten mit 4,4 Milliarden Euro den größten Anteil, gefolgt von Diamanten mit 929 Millionen Euro.

Hauptgrund für den Anstieg sind demnach die aus dem Wirtschaftsboykott resultierenden höheren Weltmarktpreise. »Der Hafen von Antwerpen ist einer der wichtigsten Importhäfen für Rohöl und Erdölprodukte. Zeebrugge ist ein Umschlaghafen für Flüssigerdgas (LNG), das aus Russland eingeführt wird«, erklärte Thijs Van de Graaf, Energieexperte und Professor an der Universität Gent, am Donnerstag gegenüber der Gazet van Antwerpen (GvA). Während die Einfuhr über Pipelines um 80 Prozent zurückgegangen sei, werde mehr LNG importiert.

Die Interconnector-Pipeline leitet in Zeebrugge britisches Nordseegas aufs Festland. Gas aus Norwegen erreicht die Stadt über die Zeepipe-Pipeline. Außerdem hat der »Zeebrugge Hub«, ein bedeutender virtueller Knotenpunkt für den Erdgashandel, dort seinen Sitz. Betrieben wird er von Huberator, einer Tochter des belgischen Fernnetzbetreibers Fluxys SA, der eine zentrale Rolle bei der europäischen Energieversorgung spielt. Über die Holding Publigas besitzen die belgischen Gemeinden 77,4 Prozent der Anteile an Fluxys. »Das ist eine Cash-Kuh für unsere Kommunen«, stellt Van de Graaf in der GvA fest.

Noch steht Erdgas nicht auf der EU-Liste der Sanktionen gegen Russland. Ebensowenig Diamanten – wofür die belgische Regierung gesorgt hat. Denn Antwerpen ist der globale Umschlagplatz für Edelsteine schlechthin. Juwelen im Wert von rund 40 Milliarden Euro passieren pro Jahr die berühmte Hoveniersstraat, eine Hochsicherheitsmeile im Herzen der Stadt. Ein Viertel der Brillanten stammte bis zum Kriegsbeginn aus Russland. »Frieden ist viel, viel wichtiger als Diamanten«, ärgerte sich der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij bereits im März in einer Videoansprache an die belgischen Parlamentarier.

Sollte die EU den Import aus Russland untersagen, wäre Antwerpen seinen Status als »Hauptstadt der Diamanten« wohl schnell los. Andere Standorte wie das indische Mumbai stehen schon bereit, an die Stelle der belgischen Stadt zu treten. »Antwerpen würde bluten. 10.000 Menschen würden ihren Job verlieren«, schätzte Tom Neys, Sprecher der Dachorganisation Antwerp World Diamond Center, am 16. Oktober in der Volkskrant. Kathleen Van Brempt, Europaabgeordnete der sozialdemokratischen Partei Vooruit, befand dagegen, Antwerpens Handel mit russischen Diamanten sei seit dem Einmarsch in die Ukraine um 80 Prozent zurückgegangen. »Dies hat keine oder nur sehr begrenzte Auswirkungen auf die Branche«, schrieb sie im Oktober in der Tageszeitung De Standaard.

Und wie steht es um die Stahlindustrie? Anfang Oktober sanktionierte die EU den Import von Stahl aus Russland. Belgien enthielt sich als einziger Mitgliedstaat. Man dürfe die Solidarität der Bevölkerung mit der Ukraine nicht überstrapazieren, so die Begründung der Regierung. Würden die ökonomischen Kosten so hoch, und Menschen verlören ihre Arbeit, werde es »schwierig«, erklärte Ministerpräsident Alexander De Croo. Immerhin erlaubte die EU eine zwei Jahre dauernde Übergangsperiode, in der sich die Stahlindustrie auf die veränderte Lage einstellen soll. Das beruhigte die belgische Regierung ein wenig. In der Wallonie stehen immerhin rund 1.200 Arbeitsplätze der beiden Stahlwerke des russischen Konzerns NLMK in Clabecq und La Louvière auf dem Spiel. »Je weiter wir gehen, desto mehr reden wir über Sanktionen, die unserer eigenen Wirtschaft mehr schaden als der Russlands«, zitierte De Morgen den belgischen Ministerpräsidenten.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von B. Schroeder aus Apen (10. November 2022 um 11:51 Uhr)
    Der »Wertewesten« verarscht seine Kinder … während die Niederlande 90 Firmen die Absolution erteilt haben, mit Russland weiterhin Geschäfte zu machen, sind auch die Belgier nicht müde, sich auch um den Sanktionsbeschluss zu drücken. Nur die »tapferen Teutonen« verpflichten sich, bei jedem anglo-amerikanischen Schwachsinn mitzumachen (…)

Ähnliche:

  • Russland hat mit der Ausfuhr seiner Rohstoffe, vor allem Öl und ...
    26.07.2022

    Fragmentierter Welthandel

    Die EU fällt als Handelspartner aus, China und Indien springen in die Bresche. Zu den Auswirkungen der westlichen Sanktionen gegen Russland
  • »Du bist ›ne Waffe, für die es keinen Waffenschein gibt« (Erdgas...
    11.05.2022

    Ins Mark treffen

    Das Erdölembargo gegen Russland soll gegen Ende 2022 kommen. Eine kurze Chronologie der deutschen Energiepolitik seit Anfang des Jahres

Mehr aus: Kapital & Arbeit