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Aus: Ausgabe vom 08.11.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Maritime Wirtschaft

Überfischte Nordsee

EU und UK ringen um Fischfangquoten. Umweltorganisationen beklagen historischen Tiefstand beim Kabeljaubestand
Von Oliver Rast
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Akute Gefahr: Industriefischerei mit ihren Schiffsfabriken plündert Weltmeere aus (Nordsee, März 2016)

Es geht um Fangquoten und um Unterwasserterrain. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) rangeln deshalb im Jahrestakt darum, welches Land einschließlich des Nicht-EU-Mitglieds Norwegen wieviel von einer Fischart in einem festgelegten Gebiet und Zeitraum abfischen darf. Festgelegt wird dies mittels der Gemeinsamen Fischereipolitik, und das bereits seit 1978.

Einfach waren die Verhandlungen nie. Und komplizierter wurden sie nach dem »Brexit« des Vereinigten Königreichs (UK) Anfang Februar 2020. Jetzt verhandeln die EU und UK jährlich separat über die Fischereibestände. Die Gesprächsrunde läuft seit dem 3. November und dürfte Wochen dauern. Positionen haben ferner Umweltverbände.

Denn: Einige der Fischbestände, die sich UK und die EU teilten, seien stark erschöpft und überfischt, verkündeten mehrere Umweltschutzorganisationen am Montag. Aktivisten unter anderem von Oceana, eigenen Angaben zufolge die größte internationale NGO zum Schutz der Weltmeere, stützen sich dabei auf einen aktuellen Berichts des Centre for Environment Fisheries and Aquaculture (CEFA). Demnach lagen knapp zwei Drittel der britischen Fangbeschränkungen im Jahr 2021 über den von Meeresforschern empfohlenen Werten. Eine Ausplünderung mit Folgen.

Beispiel Kabeljau: Dessen Bestände in der Nordsee seien um mehr als 90 Prozent zurückgegangen, dokumentierten die Umweltschützer in ihrer Erklärung. Ein historischer Tiefstand. Valeska Diemel, Fischereiexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), bestätigte am Montag im jW-Gespräch dieses »dramatische Schrumpfen«. Das es so eigentlich gar nicht geben dürfte. 2020 hatte die EU in ihrer Gemeinsamen Fischereipolitik festgelegt, »dass den einzelnen Beständen nur soviel Fisch entnommen werden darf, wie auch nachwächst«, sagte ein Sprecher aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gleichentags zu jW. Dieses Nachhaltigkeitsprinzip des höchstmöglichen Dauerertrags (englisch: MSY, Maximum sustainable yield) sei für die Bundesregierung die »Leitlinie«. Nur, so Diemel, eines müsse immer wieder klargemacht werden: »Die MSY-Werte sind ein definierter Grenzwert, das Maximum, kein Zielwert.« Ergo: Ein Überschreiten sei de facto verboten.

Für Claus Ubl offenbar zuviel Alarmstimmung seitens der Ökoaktivisten. Die Nordsee gehöre nicht zu den Meeren, die am meisten unter der Überfischung litten, meinte der Medienreferent vom Deutschen Fischereiverband am Montag gegenüber jW. »Knapp 73 der Fischbestände werden nachhaltig bewirtschaftet.« Und überhaupt: Zwischen der EU und den Briten würden keine Fangquoten ausgehandelt, sondern die zulässigen Gesamtfangmengen für die genutzten Fischbestände. Aufgeteilt würden diese nach einem Schlüssel, der im Handelsabkommen zwischen der EU und London nach dem »Brexit« festgelegt worden war, sagte Ubl.

Beruhigend klingt das nicht, auch wenn sich die Situation im Nordostatlantik – wozu die Nordsee zählt – gebessert hat. Philipp Kanstinger vom WWF Deutschland gegenüber dieser Zeitung: Derzeit würden in der Nordsee etwa 30 bis 40 Prozent der Fischbestände überfischt. Zum Vergleich: »Vor zirka zwanzig Jahren waren es noch bis zu 80 Prozent.« Der Trend gehe folglich langsam in die richtige Richtung – »aber es bleibt viel zu tun«. Wie beim Kabeljau.

Also, kein Grund zur Entwarnung, weil »Überfischung grundsätzlich dazu führen kann, dass Fischbestände zusammenbrechen«, so der BMEL-Sprecher. Zumal ungünstige Umweltbedingungen und die Klimakrise die Lage in der Nordsee verschärfen könnten. Um so mehr fordert die Deutsche Umwelthilfe (DUH) Entscheider auf EU-Ebene auf, endlich zu handeln. Sie hätten bislang die Frist zur Beendigung der Überfischung versäumt, teilte die DUH auf jW-Nachfrage mit. Nun, in der aktuellen Verhandlungsrunde, könnten sie es besser machen.

Ein weiteres Problem: die Kontrolle. Das Überwachungsnetz der Fangquoten sei, von Stichprobenchecks abgesehen, löchrig und basiere auf korrekt gemeldeten Daten der Unternehmen der Hochseefischerei, weiß Diemel vom BUND. Die Kritik geht aber weiter. Die EU handele viel zu kurzsichtig, wenn sie »Jahr für Jahr Fangquoten für einzelne Bestände« neu aushandele. Einzelbetrachtungen würden der Komplexität des Ökosystems Meer nicht gerecht. »Und nicht zuletzt«, betonte Diemel, »müssen wir wegkommen von einem Geschäftsansatz maximaler Erträge und permanenter Gewinnsteigerungen der Industriefischerei.«

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