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Aus: Ausgabe vom 05.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Tagebuch – In dieser großen Zeit

Wenn der Staatsmann zweimal klingelt

Von Pierre Deason-Tomory
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»Guten Tag Herr Dießn-Nommerie, darf ich mich vorstellen?« – »Wenn’s denn sein muss.« – »Ich bin’s: der Staat!«

Freitag, 28. Oktober

Die Inflation reißt Löcher in die Geldbörsen. Die armen Reichen müssen, damit das in den jüngsten Krisen sprunghaft angestiegene Vermögen nicht von der Geldentwertung angenagt wird, in Gold und einen Zweit-Porsche investieren. Der Luxusautobauer hat in den ersten neun Monaten des Kriegsjahres seinen operativen Gewinn um rund 40 Prozent auf fünf Milliarden Euro gesteigert. Nackte Zahlen, hinter denen das harte Schicksal der Kriegsgewinnler nicht zu erkennen ist, aber Jammern ist keine Haltung! Göring sagte, als die Party im Mai ’45 vorbei war: »Hauptsache, zwölf Jahre anständig gelebt!«

Samstag, 29. Oktober

CSU-Parteitag in Augsburg. Der Söder hat das angekündigte Bürgergeld in der Luft zerrissen. Wenn jetzt alle 500 Euro fürs Nichtstun kriegen, wird niemand mehr arbeiten gehen, müllte er in den Saal. Als die herumflitzenden Kellnerinnen das hörten, hörten sie sofort auf mit Herumflitzen, kündigten, stiegen in ihre Porsches und fuhren davon.

Dienstag, 1. November

Innenministerin Faeser und eine Reihe von Bundestagsabgeordneten sind First Class nach Katar geflogen, wo sie herumgereicht, in Suiten gebettet und mit vergoldeten Steaks gefüttert werden. Wozu? »Um Menschenrechtsfragen, etwa den Schutz von queeren Menschen sowie die Verantwortung für Wanderarbeiter, in den Mittelpunkt zu stellen.«

»Herr Ober, da liegt ein Goldring in meiner Suppe!«

»Ich möchte auch so eine Suppe, geht das?«

»Sagen Sie, Herr Ober, wo kann ich das Kettchen, das auf dem Nachtisch lag, umtauschen?«

»Wie Sie das machen, wirklich toll! Mit so einer Kugel am Fuß würde ich andauernd stolpern.«

Donnerstag, 3. November

Das Bund-Länder-Inflations-Treffen in Berlin hat 1:1 unentschieden geendet. Die Scholz-Bubis gingen mit einem 49-Euro-Ticket in Führung, der Ausgleich fiel nach Strafstoß wegen einer Energiepreisnotbremse durch Vorstottler Habeck. Das Endergebnis soll im Januar feststehen. Oder im Februar. Oder im März. Vielleicht.

Freitag, 4. November

Vor einer Woche hat der Bundespräsident zur Lage der Nation gesprochen. Von Krieg und Entbehrung und davon, dass der Staat die Armen nicht alleine lassen dürfe. Und er hat Wort gehalten! Schon am Montag klingelte es bei mir an der Tür:

»Guten Tag, Herr …«

»Deason-Tomory. Ich kaufe nichts.«

»Guten Tag Herr Dießn-Nommerie, darf ich mich vorstellen?«

»Wenn’s denn sein muss.«

»Ich bin’s: der Staat!«

»O je. Was wollen Sie von mir?«

»Wir wollen Sie nicht allein lassen! You never walk alone mit uns!«

»Scheiße.«

»Darf ich reinkommen?«

»Wozu?«

»Wir könnten together durch die Räume walken und die Heizkörper abstellen. Den Kühlschrank runterdrehen. Die Dusche versiegeln …«

»Die Heizungen sind aus, wir haben 25 Grad.«

»Aber der Kühlschrank …«

»Der Kühlschrank steht auf der Einstellung ›englisches Bier‹. Und geduscht habe ich das letzte Mal vor dem letzten deutschen Krieg.«

»Welchen?«

»Suchen Sie sich einen aus: Jugoslawien, Afghanistan, Mali …«

»Warum so schnippisch? Wir wollen Sie doch nur retten.«

»Wovor? Der Bundeswehr?«

»Vor der Inflation.«

»Ach?«

»Und der CDU.«

»Nein!«

»Die will den Armen nicht helfen, wir schon.«

»In dem Sie mir die Heizung runterdrehen?«

»Genau! Wenn Sie wenig Gas verbrauchen, kriegen Sie eine Prämie!«

»Und wenn ich dabei erfriere?«

»Bekommen Sie einen Gedenksarg mit Wärmedämmung.«

»Wissen Sie, was Sie mich können?«

»Ja.«

»Woher?«

»Sie sind nicht der erste, den wir besuchen.«

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