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Aus: Ausgabe vom 03.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Nu Metal

Wem die Stunde schlägt

Big Band des Weltschmerzes: Auch Slipknots neues Album »The End, So Far« ist nicht für Lokalpolitik geeignet
Von Ken Merten
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Gruselig? Ach, geht so: Slipknots Sänger Corey Taylor (Birmingham, 2020)

Es beginnt beschwingt. »Adderal« ist ein altersmilder Popsong, Bassist Alex Venturella kann sich austoben. Aber so, wie es war, wird es wieder sein. Slipknot werden auch mit ihrem neuen Album »The End, So Far« gewalttätig. »Surprise«, kräht Sänger Corey Taylor im ruppigen Song »Hive Mind«, als würde er einen in der Manege begrüßen. Überrascht? Ach so, nee, nee. »Isn’t it what you came here for?« fragt er zu Beginn des darauffolgenden Tracks »Warrantly« gleich viermal. Ja, na klar, hör auf zu fragen, du Blödföhn!

Dümmliche Liedtexte, die mächtigsten Riffs, die der Nu Metal kennt, zum Doppelfußgeklicke noch zwei Percussionisten, ein DJ und einer, der für das gesampelte Intro nur auf einen Knopf drückt und sonst, Grusel streuend, über die Bühne wackelt, und das alles auch noch mit Maske und Overall als Mannschaftsequipment: Slipknot sei die Musik der dummen Kerls, schreit es immer wieder.

2016 kommentierte der liberale Clickbaitblog Gawker das Video eines oberkörperfreien, pöbelnden Trump-Supporters: »Sie schauen in das Gesicht des wiederauferstandenen Mainstreams des weißen Hasses in den Vereinigten Staaten – es hört Slipknot.« Zum »Make America Great Again«-Käppchen passt schließlich das Bandmerchandise recht gut, und ob die MAGA-Mütze zum damals aktuellen, recht mauen »The Gray Chapter« dem mit dem Gesicht statt mit den Ohren hörenden »Shirtless Mountain Dew Motherfucker« direkt dazugeliefert würde, war eine der Fragen, die da so mitschwangen. Alte Fragen, älter als Trumps Wahlkampf.

Auch Sibylle Bergs Roman »GRM. Brainfuck« (2019) wirft auf, wer die von unten kommende Reaktion musikalisch unterhält, die sich vor dem Attentat hinsetzt, ein Video aufnimmt, es rendert und hochlädt: »Welche Musik hatte er unter das Video gelegt? Slipknot? Etwas noch Dumpferes? Pitbull? Vermutlich war er wie die meisten hier nicht das hellste Licht am Kranz.« Berg hantiert sicherlich mehr mit Widersprüchen als Gawker-Blogger Sam Biddle (man hat sich, dem Artikel unten angefügt, bei Band und Fans längst und liberalerweise entschuldigt), wenn sie sich der medialen Marotte annähert, die Slipknot noch für jede Schießerei an einer Schule verantwortlich gemacht hat.

Warum aber nähme ich jemandem sofort ab, er wäre an zuviel Coldplay im Radio bekloppt und ballergeil geworden, aber nicht an der Musik einer neunköpfigen Big Band aus dem tristen Des Moines im US-Bundesstaat Iowa?

Slipknot orchestrierten ja lediglich Hinterwäldlerwut, und die Vertonung zu Krach provoziere die eh schon angefressenen, stets simplen Gemüter. Ein Vorwurf, der sich selbst verwirft, bedeutet doch schon die Instrumentalisierung von Zorn, sich so weit rauszuhalten, dass man der Welt da draußen versucht mitzuteilen, wie sehr einem die Schläfe pulst. Was ja, sonst bestünde der Vorwurf nicht, Slipknot gelingt.

Wenn da einer mit Clownsmaske mit einem Baseballschläger auf der Bühne gegen eine Mülltonne drischt statt auf einem KFC-Parkplatz auf eines anderen Kniescheiben, dann ist das Ausdruck von Erkenntnis, dass noch jedes sich so dumpf mitteilende Gefühl, in jenem bestimmten Kaff unter jener konkreten Lokalpolitik zu leiden, verallgemeinerbar ist. »Die Deutschen haben für alles ein Wort«, weiß Homer Simpson. Und die Deutschen haben für das, was Slipknot ausdrücken, natürlich eins: Weltschmerz.

»The End, So Far« ist leider dessen B-Seite. An den Vorgänger »We Are Not Your Kind« (2019) knüpft das Album allein dadurch an, als es scheint, hier würden die damals ausgemusterten Songs verwendet. Kein Brecher wie »Unsainted« ist dabei. Klar, das Experiment geht weiter. Slipknot werden mit ihren Fans älter, die heute schon allein deshalb nicht deren Songs in den Ohren haben können, während sie auf ihre Lehrerinnen und Mitschüler schießen, weil sie dazu schlicht zu früh geboren sind.

Die bandbiographischen Umbrüche haben Slipknot hinter sich: War »The Gray Chapter« so harter Melodic Death, fast schwedisch, hat sich Jay Weinberg als wichtigster Wechsel seit der Einführung von Corey Taylor als Leadsänger (1997) auf »We Are Not Your Kind« eingetrommelt und das Erbe des vergangenes Jahr verstorbenen Ausnahmedrummers Joey Jordison angenommen.

»The End, So Far« ist ähnlich avantgardistisch – und dadurch viel weniger. Das Album wirkt, als langweile es sich selbst. Auch neun Leuten, die von Theremin bis Metallstange alles zum Klingen bringen, scheint irgendwann die Stunde geschlagen, dass sie vielleicht nicht mehr weiterwissen. Aber – alte Dorfweisheit – man muss ja auch nicht alles wissen.

Slipknot: »The End, So Far« (­Roadrunner)

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