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Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 15 / Geschichte
Kolonialgeschichte

»Unabhängigkeit oder Tod«

Vor 200 Jahren erklärte der Staatsrat in Rio de Janeiro den portugiesischen Prinzregenten Dom Pedro zum Kaiser Brasiliens
Von Ronald Friedmann
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Kaiser Pedro I. (Gemälde von François-René Moreaux, 1844)

Die Eroberungskriege des französischen Kaisers Napoleon im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts beeinflussten nicht nur das Schicksal der unmittelbar betroffenen Staaten in Europa. Seine schon verzweifelt zu nennenden Bemühungen, das verhasste Großbritannien durch eine Kontinentalsperre in die Knie zu zwingen, hatten Auswirkungen bis in das ferne Südamerika. Im August 1807 hatte Napoleon den König von Portugal in einem Ultimatum aufgefordert, sich seinem Bündnis gegen Großbritannien anzuschließen. Doch der König wies die Forderung zurück, es folgte eine Invasion Portugals durch französische und spanische Truppen. Kurz vor der Besetzung Lissabons floh die königliche Familie, begleitet von großen Teilen des portugiesischen Adels und zahlreichen hohen Beamten, nach Brasilien, das bis zu diesem Zeitpunkt lediglich als überseeische Kolonie betrachtet wurde.

Nun wurde Rio de Janeiro zur königlichen Residenzstadt und zur faktischen Hauptstadt des portugiesischen Kolonialreichs, zu dem Besitzungen auf vier Kontinenten gehörten. In Brasilien begann eine Zeit des ökonomischen Aufschwungs, der innerhalb weniger Jahre zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Portugal führte. Dieser Entwicklung trug der Wiener Kongress Rechnung, der sich 1815 mit den Folgen aus dem Sturz Napoleons für die politische Ordnung Europas befassen musste. Am 16. Dezember 1815 wurde Brasilien zu einem eigenständigen Königreich erklärt, das als Teil des Vereinigten Königreichs von Portugal, der Algarve und Brasiliens in Personalunion durch den portugiesischen Prinzregenten (ab 1816 König) João VI. regiert werden sollte. Entgegen den Wünschen maßgeblicher Kreise Portugals zeigte der Regent jedoch keine Eile, nach Europa zurückzukehren. Er regierte weiterhin von Brasilien aus, was zu der in der europäischen Kolonialgeschichte einmaligen Situation führte, dass das eigentliche »Mutterland« nicht mehr das politische Zentrum eines weltumspannenden Reiches war.

Liberale Revolution

Im August 1820 erhoben sich Offiziere in der portugiesischen Stadt Porto und leiteten damit die sogenannte Liberale Revolution ein. Die Aufständischen forderten die Rückkehr des Königs nach Portugal und die Umwandlung des Landes in eine konstitutionelle Monarchie. Im Januar 1821 verabschiedeten die im Ergebnis der Revolte entstandenen Cortes eine für damalige Verhältnisse moderne demokratische Verfassung, die die Macht der katholischen Kirche beschränkte und einer Mehrzahl der männlichen Portugiesen das Wahlrecht gewährte.

Unter dem Druck dieser Entwicklungen kehrte João VI. mit seiner Familie im April 1821 nach Portugal zurück, wo er einen Eid auf die Verfassung leistete, die damit auch offiziell in Kraft trat. Lissabon wurde wieder zur offiziellen Hauptstadt des Königreichs.

Vor seiner Abreise aus Rio de Janeiro hatte João VI. seinen Sohn Dom Pedro, den Kronprinzen, zum Prinzregenten ernannt, der in Brasilien bleiben und dort in Vertretung seines Vaters die Amtsgeschäfte des Königs betreiben sollte.

In Brasilien sah man die Entwicklungen in Portugal mit wachsender Sorge. Denn die Cortes hatten sich nicht auf die Erarbeitung der Verfassung beschränkt, sondern zahlreiche Maßnahmen rückgängig gemacht, die die politische und wirtschaftliche Gleichstellung Brasiliens mit dem »Mutterland« ermöglicht hatten. Letztlich war es das Ziel der Cortes, den kolonialen Zustand Brasiliens aus der Zeit vor der Napoleonischen Besetzung Portugals wieder herzustellen. Doch wie so oft in der Geschichte bewirkten auch die Schritte der Cortes letztlich das Gegenteil dessen, was ursprünglich beabsichtigt war.

Ende 1821 erging auch an den Prinzregenten Dom Pedro die ultimative Aufforderung der Cortes, ebenfalls nach Portugal zurückzukehren und sich formell der Verfassung zu unterwerfen. Doch die Loyalität des inzwischen 23 Jahre alten Dom Pedro, der fast sein gesamtes Leben in Rio de Janeiro verbracht hatte, galt nun Brasilien. Im Juni 1822 ordnete er die Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung an, die die Grundlagen einer formalen Unabhängigkeit Brasiliens schaffen sollte.

Allerdings stieß die Idee der brasilianischen Unabhängigkeit auch im Land selbst auf Widerstand. Am 13. August 1822 ernannte Dom Pedro daher seine Frau Maria Leopoldina zur amtierenden Regentin, da er selbst nach São Paulo reisen musste, um dort einen Konflikt zu bereinigen, der seine Pläne hätte gefährden können.

Anfang September 1822 trafen in Rio de Janeiro mehrere offizielle Schreiben der portugiesischen Cortes ein, die alle Maßnahmen Dom Pedros annullierten und seine Minister zu »Verrätern« erklärten. Daher war es an der amtierenden Prinzregentin Maria Leopoldina, den brasilianischen Staatsrat einzuberufen, der eine angemessene Antwort zu formulieren hatte. Der Kurier, der die Schreiben der Cortes und die Antwort des Staatsrats dem Prinzregenten zur Kenntnisnahme überbringen sollte, erreichte Dom Pedro erst nach längerer Suche in der kleinen Ortschaft Ipiranga, am Ufer des gleichnamigen Flusses, nur wenige Kilometer von São Paulo entfernt.

»Grito de Ipiranga«

An diesem Ort verkündete Dom Pedro am 7. September 1822 mit dem »Grito de Ipiranga«, dem »Ruf von Ipiranga«, offiziell die Unabhängigkeit des Königreiches Brasilien von Portugal. Seine Losung »Unabhängigkeit oder Tod« wurde ebenso Teil der nationalen Legende wie der »Grito«, der bis zum heutigen Tag in der brasilianischen Hymne besungen wird.

Am 12. Oktober 1822, dem 24. Geburtstag Dom Pedros, versammelte sich der Staatsrat in Rio de Janeiro, um den vormaligen Prinzregenten zum »konsti­tutionellen Kaiser und Ewigen Verteidiger Brasiliens« zu ernennen. Die feierliche Krönung des Kaisers Pedro I. fand am 1. Dezember 1822 in der Kathedrale der Hauptstadt statt. Damit wurde Brasilien zum Kaiserreich.

Anders als in den übrigen Staaten Lateinamerikas, die in diesen Jahren ihre Unabhängigkeit von Spanien erkämpften und sich ausnahmslos für die republikanische Staatsform entschieden, bedeutete die Unabhängigkeit für Brasilien keinen Bruch mit der Monarchie. Erst 1888 wurde auch das Land am Zuckerhut zur Republik, als Kaiser ­Pedro II., vom Militär gestürzt wurde und samt seiner Familie das Land verlassen musste.

Wunder der neuen und der alten Welt

Als konstitutioneller Kaiser und als Ewiger Verteidiger dieses Reiches habe ich dem Volk am 1. Dezember des vergangenen Jahres bei meiner Krönung das Versprechen gegeben, das Vaterland, die Nation und die Verfassung zu schützen. Dieses Versprechen gebe ich heute feierlich auch vor Ihnen ab, und ich hoffe, dass Sie mir helfen, es zu erfüllen. Indem Sie eine weise, gerechte, angemessene und durchführbare Verfassung schaffen. Eine Verfassung, die von der Vernunft bestimmt wird und nicht von der Willkür, einer Willkür, die nur die Launen des Volkes im Auge hat. Eine Verfassung, die nur das allgemeine Glück zum Ziel hat. Eine Verfassung auf solider Basis, einer Basis, die der Weisheit der Jahrhunderte entspringt. Eine Verfassung, die dem Volk Gerechtigkeit und Freiheit gibt. Eine Verfassung, die die Regierung mit der notwendigen Macht ausstattet. Eine Verfassung, in der die drei Gewalten ausgewogen wirken; dass sich keine von ihnen besonderen Rechte anmaßen könne, sondern dass sie so organisiert und harmonisiert sind, dass es ihnen unmöglich wird, jemals zu Feinden zu werden, und dass sie mehr und mehr Hand in Hand für das allgemeine Glück der Nation zusammenarbeiten. Eine Verfassung, die, indem sie dem Despotismus, sei er nun königlich, aristokratisch oder demokratisch, unüberwindliche Schranken setzt, die Anarchie vertreibt und den Baum jener Freiheit pflanzt, in deren Schatten das Reich, der Frieden und die Unabhängigkeit dieses Reiches wachsen sollen, eines Reiches, das das Wunder der Neuen und der Alten Welt sein wird.

Aus der Rede von Kaiser Pedro I. zur Eröffnung der Verfassunggebenden Versammlung am 3. Mai 1823, Übersetzung: R. F.

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