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Bidens Ärger mit dem Öl

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Armer Joe. Der US-Präsident sei »enttäuscht« über die kurzsichtige Entscheidung, teilte das Weiße Haus in Washington mit, als die in Wien versammelten Ölminister der »OPEC plus«-Staaten am Mittwoch ihren Plan verkündet hatten, ab November die Förderung um zwei Millionen Barrel (Fass; je 159 Liter) pro Tag zu reduzieren. Die Pressesprecherin des Präsidenten stellte sogar fest, dass sich die »OPEC plus« mit dieser Entscheidung an die Seite Russlands stelle. Das ist untertrieben, denn »OPEC plus« ist erklärtermaßen die Interessenkoalition, die sich aus dem Anbieterkartell großer Ölexportländer, der seit 1960 bestehenden OPEC (Organisation erdölexportierender Länder), einerseits und andererseits dem größten Ölförderland Russland zusammensetzt und bereits seit 2016 besteht. Die Interessenidentität der Länder, die einen großen Teil ihrer Einkommen mit dem Verkauf des fossilen Rohstoffs generieren, ist also offensichtlich und hat mit dem vom Westen gegen Russland geführten Wirtschaftskrieg nur in zweiter Linie zu tun.

Der Ölpreis ist seit dem Frühjahr von einem sehr hohen Niveau von 120 bis 130 US-Dollar je Barrel auf jetzt fast »nur« noch 80 US-Dollar abgerutscht. Der sehr hohe Preis im Frühjahr war zum Großteil auf die gezielte Angebotsverknappung durch die Sanktionen gegen Russland verursacht worden. Die dadurch wesentlich mitverursachte Inflation in vielen Ländern führt nun zur Verlangsamung des Wirtschaftswachstums und vermutlich zu einer Rezession. Das lässt die Ölpreise nachgeben. Die »OPEC plus Russland« wollen deshalb deren weiteres Abrutschen verhindern, indem sie das weltweite Angebot verringern.

Traditionell sind US-Regierungen eng mit der heimischen und zugleich international führenden Ölindustrie verbunden. Die Sanktionen gegen die wichtigen Förderländer Iran, Venezuela und jetzt Russland (samt ihrer generell preistreibenden Wirkung) können also durchweg mit dem Beifall der Lobby, der Presse und des US-Kongresses rechnen. Allerdings hat US-Präsident Joseph Biden im November für ihn wichtige Zwischenwahlen vor sich. Er weiß, dass hohe Benzinpreise und generell hohe Inflation auch in seinem Land wenig populär sind.

Anders als in Deutschland, wo die internationalen Preise für Erdöl als natur- oder gottgemacht gelten, geht der US-Bürger (zu Recht) davon aus, dass die Regierung des wichtigsten Landes der Welt den Preis für diese Ware wesentlich mitbestimmt. Biden ist deshalb im Frühjahr nach Riad geflogen und hat der dortigen saudischen Herrscherfamilie gegenüber, die auch in der OPEC den Ton angibt, Abbitte dafür geleistet, dass er noch vor seiner Wahl zum Präsidenten die Ermordung des Journalisten Dschamal Chaschukdschi (englische Transkription: Jamal Khashoggi) missbilligt hatte. Er hat auch BRD-Kanzler Olaf Scholz dazu bewegt, den Saudis endlich mehr Waffen zu liefern, damit sie die unbotmäßigen Jemeniten besser und effektiver zu Brei schießen können. Nun aber zeigt sich, dass die Saudis dennoch und gegen seinen Rat den hohen Ölpreis für wichtiger halten als die Freundschaft mit diesem US-Präsidenten. Kein Wunder also, dass er ein bisschen enttäuscht ist.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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