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Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Umbaupläne beim Platzhirsch

VW-Marken an die Börse

Aktienplazierung probehalber: Konzernchef Blume will mehr Kapital anlocken. Das könnte Ärger mit den Hauptaktionären geben
Von Sebastian Edinger
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Mehr Kapital für VW-Imperium: Konzernchef Oliver Blume (r.) beim Börsengang von Porsche am 29. September

Seit Anfang September leitet Oliver Blume gleichzeitig den Volkswagen-Mutterkonzern und die frisch zurück an die Börse gebrachte Sportwagensparte Porsche. Die Machtkonzentration in den eigenen Händen will der Manager offenbar nutzen, um möglichst viele Konzernteile an den Kapitalmarkt zu bringen und sämtliche Aktivitäten konsequent an Investoreninteressen auszurichten. VW selbst würde zu einer Art Holding, in der Blume die Fäden in der Hand hält.

»Über die Marken besitzen wir die Möglichkeit, den Volkswagen-Konzern für Investoren noch deutlich attraktiver darzustellen«, äußerte sich der Vorstandsvorsitzende Anfang der Woche gegenüber dem Handelsblatt. Doch diese Möglichkeit im Sinne einer Gesamtstrategie der Gruppe zu nutzen, das war in der Vergangenheit aufgrund der clanartigen Eigentümerstrukturen schwer möglich, in der die Familien Porsche und Piëch über 50 Prozent der Anteile halten (die Erben der während der Nazizeit bei dem Autohersteller installierten Topmanager Ferdinand Porsche und Anton Piëch kontrollieren über die VW-Stammaktien den Konzern; jW) und damit ihre eigenen, häufig konkurrierenden Ziele verfolgten. Beim Porsche-Börsengang war es den Piëchs und Porsches zuletzt gelungen, sich über die eigene Holding in einem nichtöffentlichen Extraverkauf 17,5 Prozent der Anteile zu sichern.

Blume hat nun eine »virtuelle Aktienplazierung« auf den Weg gebracht – eine Art Trockenübung, bei der der Börsengang verschiedener Konzernteile geübt wird, während ein Team von Finanzexperten beratend zur Seite steht. Erklärtes Ziel: Die Geschäftspolitik des Gesamtkonzerns strikt an den Interessen potentieller Geldgeber orientieren und so mehr Kapital ins Haus holen und die Rendite nach oben treiben. Wie groß der Widerstand der Patriarchen sein wird (zu den VW-Großaktionären gehört auch das Herrscherhaus des Emirs von Katar sowie das Land Niedersachsen), muss sich zeigen. Die Ergebnisse der virtuellen Aktienplazierung sollen kommendes Jahr im Rahmen eines »Kapitalmarkttages« vorgestellt werden.

Dass es dann knatschen könnte und womöglich eine echte Machtprobe bevorsteht, weiß auch Blume. »Zukünftige Perspektiven können wir später bewerten«, beschwichtigt der 54jährige deshalb. Dass eine Abspaltung von Marken wie Audi, Seat/Cupra oder Skoda durchsetzbar ist, halten Marktanalysten für eher unwahrscheinlicher. Die Eigentümerstrukturen und Verwobenheiten zwischen den Konzernteilen sind komplex, gegen den Willen der Familien Piëch und Porsche geht letztlich kaum etwas.

Der große Einfluss der Familienclans ist letztlich auch der Grund, warum es bislang nicht zum Verkauf der Luxusmarken Lamborghini und Bentley gekommen ist. Beide Marken haben zuletzt viel zum Konzernergebnis beigetragen, denn Luxusgüter sind relativ krisenresistent. Sowohl beim Absatz als auch beim Gewinn konnten Rekordergebnisse erzielt werden. Entsprechend aussichtsreich wären eine Abspaltung und die Plazierung eigener Wertpapiere dieser Marken an der Börse.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass im kommenden Jahr zunächst das zukunftsträchtige Batteriegeschäft am Kapitalmarkt plaziert wird. Auch der Verkauf weiterer Anteile der bereits börsennotierten Lkw-Holding Traton SE ist eine Option, auf die einige Marktbeobachter setzen. Zu Traton gehören Marken wie MAN, Neoplan und Scania. Derzeit hält VW fast 90 Prozent der Traton-Wertpapiere.

Wie weit Blumes Strategie führt, muss sich zeigen. Je erfolgreicher er ist, desto mächtiger wird er im Konzern – und desto höher wird der Renditedruck auf die einzelnen Sparten. Stellenabbau und Kürzungsprogramme sind so in seinem Plan bereits angelegt, für die Belegschaften sind die Pläne somit keine guten Nachrichten. Zurückstecken müssten mitunter auch die heutigen Hauptaktionäre der Muttergesellschaft und der einzelnen Marken.

Dafür reiben sich die Renditejäger der internationalen Investmentbanken bereits die Hände. Blumes Vorhaben versprechen neue Anlagemöglichkeiten mit soliden – und im Luxussegment vor allem auch eher krisenfesten – Renditeperspektiven. Mehr Konzernteile an die Börse bringen, das hatte allerdings auch schon Blumes Vorgänger Herbert Diess versucht – ohne Erfolg.

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