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Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 7 / Ausland
Attentat auf Fernández de Kirchner

Das Geld der Zuckerflockenbande

Verbindungen zu USA und Faschisten: Ermittlungen um Anschlag auf Argentiniens Vizepräsidentin
Von Florencia Beloso, Buenos Aires
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Unter Polizeiüberwachung: Das Haus von Cristina Fernández de Kirchner (Buenos Aires, 5.9.2022)

Mehr als einen Monat nach dem versuchten Mordanschlag gegen die argentinische Vizepräsidentin Cristina Fernández de Kirchner gehen die Ermittlungen nur schleppend voran. Bislang wurden vier Personen festgenommen, sie werden als Mitglieder der »Zuckerflockenbande« (Banda de los Copitos) bezeichnet – in Anlehnung an ein in Argentinien beliebtes Gebäck. Unter ihnen: der Attentäter Fernando Sabag Montiel, der am 1. September eine Schusswaffe auf die Politikerin gerichtet hatte, und seine Partnerin Brenda Uliarte, die an der Vorbereitung des Anschlags beteiligt gewesen sein soll. Beiden wird versuchter schwerer und vorsätzlicher Totschlag vorgeworfen. Hinzu kommen Gabriel Carrizo und Agustina Díaz, denen Komplizenschaft vorgeworfen wird.

Am Mittwoch verhängte die zuständige Richterin María Capuchetti ein Ausreiseverbot gegen die Verdächtigen. Am Donnerstag (Ortszeit) meldete die argentinische Bundespolizei, sie habe Inhalte aus den Whatsapp-Verläufen des Hauptverdächtigen Sabag Montiel wiederherstellen können. Die Daten im Umfang von 50 Gigabyte, die der 35jährige zuvor gelöscht hatte, müssen zwar noch ausgewertet werden. Es wird aber erwartet, dass ihr Inhalt für die Ermittlungen relevant sein dürfte.

Bei der Auswertung von Uliartes Mobiltelefon waren die Ermittler bereits zuvor auf einen Chatverlauf zwischen der Verdächtigen und einem Mann namens David gestoßen. Dieser habe ihr gegenüber angegeben, für die US-Drogenbehörde DEA zu arbeiten und für die US-Botschaft in Argentinien zu spionieren, berichtete der lateinamerikanische Nachrichtensender Telesur am Mittwoch. Zudem wurden Fotos gefunden, auf denen die Angeklagte mit einer teuren Pistole zu sehen ist.

Auch wegen dieser Bilder drängen die Anwälte von Fernández de Kirchner darauf, die Hintermänner des Anschlags zu identifizieren. Sie argumentiert, dass die »Zuckerflockenbande« mächtige Finanziers gehabt haben müsse, da es sich bei der nun aufgetauchten Pistole um eine »Smith & Wesson« im Wert von rund 3.000 US-Dollar handeln soll – viel Geld für Personen, die ihren Lebensunterhalt angeblich durch den Verkauf von »Zuckerflocken« bestreiten.

Schon relativ früh waren Verbindungen zur ultrarechten »Revolución Federal« bekanntgeworden. Die Gruppe führt Protestaktionen gegen unliebsame Politiker inklusive »Hausbesuchen« durch und wurde in den sozialen Netzwerken durch die Verbreitung von Hassbotschaften gegen Fernández de Kirchner bekannt. Mehrere Mitglieder der »Zuckerflockenbande« hatten in der Vergangenheit an Kundgebungen der »Revolución Federal« teilgenommen.

Kurz vor dem Anschlag erhielt die ultrarechte Gruppe fast zwei Millionen Argentinische Pesos (etwa 13.700 Euro) von der Caputo-Gruppe. Nicolás Caputo ist ein enger Freund und Geschäftspartner des ehemaligen rechten Präsidenten Mauricio Macri (2015–2019). Die mit dem Attentat betraute Richterin Capuchetti weigerte sich allerdings, die Ermittlungen zur Finanzierung der Neonazis und die zum Angriff auf Fernández de Kirchner zusammenzuführen, was ihr scharfe Kritik von den Anwälten der Vizepräsidentin einbrachte.

Das Attentat auf Fernández de Kirchner fand am 1. September direkt vor ihrem Wohnhaus statt. Die Politikerin überlebte nur durch Glück, nachdem sich aus der ihr an die Schläfe gehaltenen Waffe – mutmaßlich wegen eines technischen Defekts – kein Schuss gelöst hatte. Wegen eines derzeit laufenden Korruptionsverfahrens gegen die Politikerin, die von 2007 bis 2015 an der Spitze des Staates gestanden hatte, waren vor ihrem Haus an besagtem Tag Hunderte Unterstützerinnen und Unterstützer versammelt. Kurz zuvor hatte die Staatsanwaltschaft in dem unter dem Namen »Vialidad« bekannten Prozess eine Haftstrafe von zwölf Jahren sowie eine lebenslange Ämtersperre für Fernández de Kirchner gefordert. Anhänger der Vizepräsidentin bezeichnen den Prozess als »Akt der Verfolgung« und als politisch motiviert.

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