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Aus: Ausgabe vom 05.10.2022, Seite 5 / Inland
Steigende Preise

Erhöhtes Überschuldungsrisiko

Warnungen vor Anstieg privater Insolvenzen. Längst sind nicht nur Geringverdiener betroffen
Von Bernd Müller
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Laut Schuldnerberatungsstellen haben stark gestiegene Preise nach der Coronakrise für viele Haushalte das Risiko der Überschuldung verschärft

Die Preise für Energie und Lebensmittel steigen und belasten private Haushalte zunehmend. Sowohl die Bundesregierung als auch Schuldnerberatungen fürchten deshalb, dass die Zahl überschuldeter Haushalte steigen wird. Man sehe mit Sorge, dass auch Privatinsolvenzen zunehmen könnten, sagte eine Sprecherin des Verbraucherschutzministeriums dem Handelsblatt (Dienstag).

Ein Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AG SBV) rechnet ebenfalls mit einem »erheblichen Anstieg« der Privatinsolvenzen. Denn durch hohe Nachzahlungen für Strom und Gas drohten »Überschuldungssituationen«. Die aktuelle Krise treffe nicht nur Menschen mit geringen Einkommen, sondern auch die, die bislang wenige Reserven aufbauen konnten.

Die Schuldnerberater beobachten seit längerem einen »deutlichen Anstieg« der Zahl überschuldeter Haushalte. »Und wir fürchten auch, dass die gestiegenen Preise gerade nach der Pandemie ein erhebliches Überschuldungsrisiko für viele Haushalte darstellen«, sagte die Geschäftsführerin des Verbandes, Ines Moers, dem Handelsblatt. Ob sich daraus tatsächlich ein Anstieg der Privatinsolvenzen entwickeln werde, lasse sich bislang nur schwer abschätzen. Denn gerade bei früher Intervention einer Beratungsstelle lasse sich eine Privatinsolvenz noch vermeiden.

Auch die Zinswende der Europäischen Zentralbank (EZB) birgt Probleme, denn steigende Zinsen verteuern auch Ratenkredite für Verbraucher deutlich. »Im Marktdurchschnitt sind Kredite heute 35 Prozent teurer als Anfang dieses Jahres«, erklärte das Vergleichsportal Verivox am Dienstag. Im günstigsten Marktsegment lägen die Zinsen sogar 65 Prozent höher als noch im Januar. Anfang des Jahres betrugen die Ratenkreditzinsen im Marktdurchschnitt demnach noch 4,98 Prozent – und stiegen seitdem auf aktuell 6,72 Prozent. Der mittlere tatsächlich abgeschlossene Zinssatz liegt demnach derzeit bei 4,92 Prozent, zu Jahresbeginn waren es noch 2,98 Prozent.

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hält daher auch einen Anstieg von Privatinsolvenzen bei Immobilienbesitzern für möglich, »die sehr knapp kalkuliert haben und in nächster Zeit eine Anschlussfinanzierung benötigen«. Das sagte IWH-Vizepräsident Oliver Holtenmöller dem Handelsblatt.

42 Prozent der Haushalte seien Besitzer von Eigenheimen, stellte Michael Koetter, ebenfalls IWH-Vizepräsident, in der aktuellen Ausgabe der institutseigenen Zeitschrift Wirtschaft im Wandel fest. Diese Immobilien sind meist auf Pump gekauft. Die bisherige Nullzinspolitik machte Kredite günstig, weswegen die durchschnittliche Fremdkapitalquote zur Finanzierung von Eigenheimen etwa 81 Prozent betrage. Immobilienkredite machten 70 Prozent der gesamten Kreditvergabe aus, heißt es darin weiter. Steigende Zinsen setzen Immobilienbesitzer unter Druck, könnten sie ihre Kredite aber nicht mehr bedienen, könnte sich dies im schlimmsten Fall fatal auf das gesamte Finanzsystem und andere Bereiche auswirken.

Die Europäische Zentralbank hatte im Juli erstmals seit 16 Jahren die Leitzinssätze um jeweils 0,5 Prozentpunkte erhöht. Anfang September wurden die drei Leitzinssätze dann um jeweils 0,75 Prozentpunkte angehoben. Das war die stärkste Erhöhung seit der Euro-Einführung.

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