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Aus: Ausgabe vom 23.09.2022, Seite 8 / Inland
Marxistische Debatte

»Es gibt große Unterschiede bei der Einordnung«

Am Wochenende diskutieren Kommunistinnen und Kommunisten in Berlin über den Ukraine-Krieg. Ein Gespräch mit Max Rodermund
Interview: Nico Popp
UKRAINE-CRISIS-MARIUPOL.JPG
Ein Einwohner der Stadt Mariupol vor einer durch Beschuss beschädigten Hauswand (3.4.2022)

Von Freitag bis Sonntag findet in Berlin der von der Kommunistischen Organisation (KO) ausgerichtete Kommunismuskongress statt. Worüber wird dort diskutiert werden?

Das Oberthema sind der Krieg in der Ukraine und die aktuelle Diskussion zum Imperialismus. Wir greifen die Debatte auf, die sich dazu in der linken bzw. in der kommunistischen Bewegung im engeren Sinne in den letzten Monaten entwickelt hat – in Deutschland, aber auch international. Es ist sichtbar geworden, dass es hier große Unterschiede in der Einordnung des Konflikts gibt und sich daraus eine Uneinheitlichkeit in der politischen Orientierung entwickelt. Es geht dabei auch darum, die politische Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.

Worin genau besteht der Dissens in der kommunistischen Debatte?

Vorweg: Auch in der KO gibt es dazu eine kontroverse Diskussion. Ausgangspunkt ist die Bewertung des russischen Einmarsches in die Ukraine. Die Frage ist, ob der als imperialistischer Angriffskrieg interpretiert wird oder ob die NATO-Strategie gegenüber Russland der entscheidende Aspekt ist. Im Hintergrund geht es sehr grundsätzlich um Fragen der imperialistischen Weltordnung: Welche Unterschiede gibt es zwischen Russland und den westlichen imperialistischen Staaten? Welche Rolle spielt die Hierarchie der imperialistischen Staaten? Wie kann vor diesem Hintergrund ein internationalistischer Standpunkt aussehen? Das klingt vielleicht alles weit weg. Aber wir sehen nicht nur in Deutschland, dass wie in allen Kriegen der letzten Jahrzehnte sogenannte Linke – teilweise verklausuliert, teilweise ganz offen – die Politik der NATO-Staaten, die Sanktionspolitik und die Waffenlieferungen verteidigen und die Faschisten in der Ukraine verharmlosen.

Der zuletzt genannte Aspekt scheint mir aber in der engeren kommunistischen Diskussion eher keine Rolle zu spielen. Mir fällt niemand mit einem halbwegs stabilen kommunistischen Selbstverständnis ein, der in den vergangenen Monaten als blau-gelber Vaterlandsverteidiger wiedergeboren wurde.

Das stimmt. Aber in der breiteren linken Debatte ist diese proimperialistische Positionierung ein Faktor, mit dem Kommunisten umgehen müssen. Es gibt da – etwa im Zusammenhang mit der Frage, ob der Krieg in der Hauptsache eine zwischenimperialistische Auseinandersetzung ist – eine gewisse politische Gefahr, in den Sog der Kriegspropaganda zu geraten. Umgekehrt besteht auch bei der Ansicht, Russland führe hier letztlich einen Verteidigungskrieg gegen die NATO, die Gefahr, einen unabhängigen linken Standpunkt aufzugeben und sich in Illusionen über die russische Bourgeoisie und den russischen Staat zu verlieren. Die entscheidende Herausforderung ist, die politischen Verhältnisse klar zu analysieren, um eine langfristige Strategie entwickeln zu können, die nicht schon nach ein paar Wochen wieder überholt ist.

Welche Organisationen sind bei dem Kongress vertreten?

Wir als KO treten vor allem als Moderation auf. Wir haben Referenten verschiedener Organisationen aus der deutschen – darunter DKP und KPD – und der internationalen Bewegung, darunter von der Russischen Kommunistischen Arbeiterpartei (RKAP), aus Schweden, den USA und Syrien. Vorträge beschäftigen sich zum Beispiel mit dem Nationalismus in den Exsowjetrepubliken, mit den Volksrepubliken im Donbass und mit früheren Debatten über Imperialismus und Krieg. Es wird drei Hauptpodien geben: zum Krieg in der Ukraine, zum Imperialismus heute und zur Notwendigkeit einer revolutionären Theorie und Praxis. Bei letzterem geht es zentral um die Frage, wie wir uns politisch zu der Lage verhalten, wie wir Kämpfe entfalten und aktiv werden können.

Gab es den Versuch, auch Kommunisten aus der Ukraine nach Berlin zu holen?

Ja, aber das hat in dieser Form nicht geklappt. Es sind allerdings mehrere Referenten vor Ort, die enge Kontakte zu ukrainischen Kommunisten haben, angefangen bei der RKAP.

Max Rodermund ist einer der Organisatoren des Kommunismuskongresses

Programm unter kommunistische.org/kongress

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gottfried W. aus Berlin (23. September 2022 um 13:42 Uhr)
    Die Bewertung des Krieges sollte beinhalten:
    - Die Entscheidung der Regionen loyal zu der demokratisch gewählten Regierung zu stehen, von der sie sich soziale Stabilität und eine Perspektive für ein selbständiges Leben versprochen hatten.
    - Durch international über NATO organisierte Mordbanden u. a. aus Georgien und Polen sowie die politische Rückendeckung durch Steinmeier und Co. sind über Pogrome und Terror die Grundlagen für diese Eskalation gelegt worden.
    - Das zaristische Russland ist aus einem Abwehrkampf gegen die Kolonisierungsbemühungen Westeuropas in einen Prozess der nachholenden Entwicklung überführt worden. Dadurch konnte der Nazistiche Überfall abgewehrt werden.
    - Die jetzigen Kriege, es wird nicht bei einem bleiben, sollen die verhinderte Kolonisation nachholen.

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