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Aus: Ausgabe vom 23.09.2022, Seite 2 / Inland
Klimabewegung

»Es darf keine Rückschritte geben«

Im Zeichen des Krieges: Fridays for Future ruft erneut zum Klimastreik auf. Friedensfrage aber ungeklärt. Ein Gespräch mit Ibo Mohamed
Interview: Raphaël Schmeller
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Demonstranten vor der SPD-Parteizentrale in Berlin fordern die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels (22.10.2021)

Was ist der Anlass für den globalen Klimastreik an diesem Freitag?

Immer mehr Menschen merken gerade, dass es so nicht weitergehen kann. Dennoch macht die Politik nicht genug, egal, ob in Deutschland oder in anderen Industriestaaten. Man merkt aktuell deutlich, wie sich die Klimakrise verschärft, besonders im globalen Süden. Das sieht man zum Beispiel an der Flutkatastrophe in Pakistan. Aber auch in Deutschland und Europa hatten wir in diesem Sommer eine Hitzewelle, auf die eine verheerende Dürre und Wasserknappheit folgte. Deswegen ist es wichtig, dass wir wieder auf die Straße gehen, um klar zu sagen, dass die Ampel in allen Bereichen versagt: Die Bundesrepublik baut jetzt die fossile Infrastruktur stark aus, um zum Beispiel Flüssigerdgas aus Katar, Senegal oder Jordanien zu importieren.

Einige Fridays-for-Future-Aktivisten hatten nach der Bundestagswahl im September 2021 die Hoffnung, Bündnis 90/Die Grünen würden den Klimaschutz vorantreiben. Manche sind für die Partei sogar in den Bundestag gezogen. Wie bewerten Sie die Rolle der Grünen in der Ampel?

Ich glaube nicht, dass sehr viele Menschen wirklich Hoffnung hatten. Es geht aber nicht nur um die Grünen, sondern um alle drei Ampelparteien. Sie machen viel zu wenig und verantworten zum Teil rückwärtsgewandte Politik. Ein weiteres Beispiel: Kohlekraft wird wieder mehr gefördert, womit der Ausstieg aus der Nutzung dieser fossilen Energie für das Jahr 2030 quasi unmöglich wird. Diese Politik ist katastrophal. Wir sind nicht nur von den Grünen, sondern von der ganzen Regierung schwer enttäuscht.

Was hatten Sie von dieser Regierung erwartet?

Dass sie den Klimaschutz voranbringt und radikale Maßnahmen, die dringend nötig sind, ergreift. Wir können auf keinen Fall akzeptieren, dass die Regierung so lasch agiert. Zum Beispiel hat sich mit der Ampel bezüglich Klimahilfen an den globalen Süden nichts geändert: Es passiert immer noch nichts, die ohnehin schon zu geringen Hilfsgelder werden weiter nicht erhöht.

Das Einzige, das für Klimagerechtigkeit getan wurde, war das Neun-Euro-Ticket. Eine tolle Sache, die zum Klimaschutz beigetragen hat und auch sozial gerecht war, weil Mobilität dadurch für einen größeren Teil der Bevölkerung zugänglich wurde. Jetzt wurde das Ticket aber ersatzlos abgeschafft. Auch daran sieht man, dass es in diesem Land keine durchdachte Klimapolitik gibt.

Um von »Putins Gas« wegzukommen, hat die Bundesregierung ein Comeback für fossile Energieträger eingeleitet. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen?

Das ist ein echtes Versagen. Wir sind mitten in der Klimakrise, und anstatt das ganze Geld jetzt in den Ausbau der erneuerbaren Energien zu stecken, bekommen es große Konzerne, um die neue fossile Infrastruktur aufzubauen. Man kann aber eine Krise nicht mit dem Schaffen einer neuen lösen. Auch wenn jetzt Energieknappheit herrscht, darf es deswegen keine Rückschritte beim Klimaschutz geben. Wir müssen raus aus Kohle, Öl und Gas und in einem nie dagewesenen Tempo erneuerbare Energien ausbauen.

Sie würden also bestätigen, dass das, was jetzt getan wird, um russisches Gas zu ersetzen, ein Rückschritt beim Klimaschutz ist?

Ja, so ist es.

Müssten dann nicht die Sanktionen gegen Russland zurückgenommen werden, wenn russisches Gas »sauberer« ist als Kohlekraft, Frackinggas aus den USA, Atomkraft etc.?

Wir haben als Fridays for Future keine allgemein definierte Meinung zu den Sanktionen. Unsere Position war von Anfang an, dass man sich von russischer Energie unabhängig machen sollte und dafür erneuerbare Energien fördern soll.

Betrachtet man deren Klimabilanz, sind Kriege die Umweltsünder Nummer eins. Warum sind bei Fridays for Future trotzdem kaum Stimmen gegen Aufrüstung und Militarisierung zu vernehmen?

Wir als Klimabewegung sind nicht Experten auf diesem Gebiet, dafür gibt es andere. Aber natürlich sehe ich zum Beispiel das sogenannte Sondervermögen für die Bundeswehr von 100 Milliarden Euro sehr kritisch. Dieses Geld sollte besser in Klimaschutz investiert werden. Frieden schafft man nicht mit Waffen.

Ibo Mohamed ist Sprecher von Fridays for Future

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  • Leserbrief von Claus Reis aus Schwabach (26. September 2022 um 11:56 Uhr)
    Den Teilnehmern und Organisatoren der sogenannten Freitagsdemonstrationen gebührt der Respekt und die Anerkennung unserer Gesellschaft. Diese mutigen jungen Menschen versuchen ihre Zukunft mitzugestalten und zeigen auch das Defizit der etablierten Parteien auf. Und das sind eben primär die CDU/ CSU, die FDP und die Freien Wähler, denn sie haben immer noch nicht begriffen, dass man mit der Taktik »einen Schritt vorwärts und zwei zurück« keine Zukunft gestalten kann. Fazit: Hut ab vor den Fridays-for-Future-Leuten. Sie machen das einzig richtige und haben verstanden, worauf es ankommt. Und das geht der ewig motzenden und jammernden Generation 50+ leider fast vollständig ab. Diese ist eben ein Auslaufmodell.
  • Leserbrief von Lothar Böling aus Düren (23. September 2022 um 21:10 Uhr)
    Die größten Umweltzerstörer sind die Waffenindustrie und Kriege. Allein die NATO gibt jährlich 1.000 Mrd. US-Dollar für die Rüstung aus. Und jede Infrastruktur, die nach dem Krieg neu aufgebaut werden muss, kostet enorme Mengen an Energie für Material, Maschinen und Transport. Wer das Klima retten will, muss daher vor allem Kriege und Aufrüstung verhindern. Wenn man als Klimaschützer zum Thema Rüstung, Krieg und Waffenlieferung keine Position hat, dann war’s das schon. Ein größeres Armutszeugnis kann es kaum geben, als Geld für Rüstungsgüter, Zerstörung durch Krieg und Waffenlieferungen in Kriegsgebiete tatenlos laufen zu lassen. Denn alles verursacht einen gewaltigen Ausstoß an Kohlendioxid. Von den Oliv-Grünen sind wir das ja schon gewöhnt, dass sie ihre Werte verraten. Aber für die Klimaaktivisten ist das wahrlich eine Bankrotterklärung. Wozu dann noch fürs Klima aktiv werden, wenn man zu Deeskalation und Waffenlieferungen keine Position hat? Dabei gibt es nichts Logischeres als die Tatsache, dass je weniger Waffen produziert und in ein Kriegsgebiet geliefert werden, also sie nicht zum Einsatz kommen, kein Umweltschaden entsteht. Zudem stellt sich die Frage, warum Fridays for Future nicht die 100 Mrd. Euro Sondervermögen haben will, die für die Bundeswehr gedacht sind? Dieses Geld ist doch im Klimaschutz eindeutig sinnvoller angelegt, als damit unnütze Waffen (Kampfflugzeuge) und völlig sinnlose Knallkörper (Bomben, Granaten, Raketen) zu kaufen, die anschließend in einem Krieg ganze Länder verwüsten. Wie mir scheint, hat man auch bei Fridays for Future noch nicht begriffen, dass Rüstung, Kriege und der anschließende Wiederaufbau, die größte Verschwendung fossiler Ressourcen ist.

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