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Aus: Ausgabe vom 21.09.2022, Seite 2 / Ausland
Fall Mahsa Amini

Wut auf Irans Straßen

Nach Tod junger Frau in Polizeigewahrsam: Demonstrierende fordern Regierung heraus. Berichte von weiteren Toten
Von Frederic Schnatterer
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Straßenblockade in der Hauptstadt Teheran am Montag abend

Die Proteste nach dem Tod einer jungen Frau in Polizeigewahrsam im Iran halten weiter an. Am Montag abend trugen allein in der Hauptstadt Teheran Tausende ihre Wut und Trauer auf die Straße. Einsatzkräfte gingen teils rigoros gegen die Demonstrierenden vor, wie auf Videos in sozialen Netzwerken zu sehen ist. Die iranische Nachrichtenagentur Fars berichtete von mehreren Festnahmen. Auch in den Provinzen Kurdistan, Kermanschah, Gilan, Rasawi-Chorasan und Jasd kam es zu Protesten.

Die 22jährige Mahsa Amini war am Dienstag der vergangenen Woche in Teheran von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen worden, da ihr Kopftuch »nicht richtig« saß. Die aus dem iranischen Kurdistan stammende Amini, die auf kurdisch Jina hieß, war in der Hauptstadt zu Besuch. Während die Polizei davon spricht, dass Amini Herzprobleme gehabt habe und deswegen ins Koma gefallen sei, wirft die Familie der jungen Frau den Einsatzkräften tödliche Gewalt vor. So sei der Kopf der Festgenommenen im Polizeiauto gegen die Scheibe geschlagen worden, was zu einer Hirnblutung geführt habe. Am Freitag starb Amini in einem Krankenhaus.

Schon am Wochenende war es zu Protesten wegen des Todes von Amini gekommen. Bei Kundgebungen nahmen Frauen ihre Kopftücher ab und riefen Parolen gegen die rigorosen Kleidervorschriften und die Regierung, ebenso wie den Slogan der kurdischen Frauenbewegung »Frauen, Leben, Freiheit«. Am Montag berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf eine kurdische Menschenrechtsorganisation, bei den Protesten seien in der Provinz Kurdistan fünf Demonstranten von Einsatzkräften getötet worden. So hätten Polizisten das Feuer auf Protestierende in Aminis Heimatstadt Saghes eröffnet, wobei zwei Menschen starben. Zwei weitere seien in Diwandarreh und eine fünfte Person in Dehgolan erschossen worden.

Die zuständigen Behörden leiteten Ermittlungen wegen des Todes von Amini ein, Präsident Ebrahim Raisi kondolierte der Familie per Telefon. Gleichzeitig versuchten Politiker, die Proteste zu delegitimieren. So erklärte Teherans Gouverneur Mohsen Mansuri in der Nacht zu Dienstag per Twitter, die Demonstrationen seien »geplant und trainiert« und verfolgten das Ziel, »Unruhe zu stiften«.

Am Dienstag teilte das Büro der stellvertretenden UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Nada Al-Nashif, in Genf mit, diese habe ihre »Beunruhigung über den Tod von Mahsa Amini in Haft« sowie über die »gewaltsame Reaktion der Sicherheitskräfte gegen darauffolgende Demonstrationen« zum Ausdruck gebracht. Demnach seien Einsatzkräfte mit scharfer Munition, Gummigeschossen und Tränengas gegen Protestierende vorgegangen. Zudem forderte Nashif die Aufhebung aller diskriminierenden Rechtsvorschriften zu weiblicher Bekleidung. Seit 1979 gelten im Iran strenge Bekleidungsvorschriften für Frauen, die mit dem Islam begründet werden.

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