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Aus: Ausgabe vom 21.09.2022, Seite 1 / Titel
Inflation

Zu wenig Brutto für Netto

Teuerungswelle rollt: Erzeugerpreise auf Rekordniveau, ärmere Familien von Inflation weiter am härtesten betroffen
Von Alexander Reich
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Wer bisher von der Hand in den Mund gelebt hat, muss jetzt hungern (Parkplatz in Schkeuditz, Sachsen)

Erzeugerpreise werden am Fabriktor ermittelt, bevor die Produkte weiterverarbeitet werden oder in den Handel kommen. Mit einiger Verzögerung treffen sie die Verbraucher. Im August gab es mit 45,8 Prozent den »höchsten Anstieg gegenüber dem Vorjahresmonat seit Beginn der Erhebung im Jahr 1949«, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Von Juli auf August lag die Erhöhung bei 7,9 Prozent – ebenfalls ein Rekord seit Beginn der Erhebung. Die Welle rollt. Und wen sie unter sich begraben wird, scheint ausgemacht.

Es sind Familien mit einem Haushaltseinkommen von 2.000 bis 2.600 Euro netto, die am härtesten von der Inflation betroffen sind. Auch im August war das wieder so, wie die Hans-Böckler-Stiftung am Dienstag mitteilte. Die durchschnittliche Teuerungsrate lag für diese Familien bei 8,8 Prozent. Am wenigsten betroffen waren Ein-Personen-Haushalte mit einem Nettoeinkommen von mehr als 5.000 Euro. Deren Konsumgüter verteuerten sich nur um 6,7 Prozent.

Das Missverhältnis wurde im August noch durch das Neun-Euro-Ticket gedämpft und ist alles andere als neu. Monat für Monat kommt das »Inflationsbarometer« der Stiftung zu genau diesem Ergebnis. Grundlage sind amtlich erhobene »Konsummuster« der jeweiligen Haushalte, und das Prinzip ist leicht zu begreifen: Je weniger einer in der Lohntüte hat, desto mehr gibt er anteilig für Heizung, Strom, Essen und Trinken aus. Und es ist vor allem dieses Stillen von Grundbedürfnissen, das für immer mehr Menschen unbezahlbar wird.

In der vergangenen Woche hat der Sparkassenverband die Einkommenshöhe taxiert, unterhalb derer die Leute derzeit in den Abwärtsstrudel geraten. Haushalte mit weniger als 3.600 Euro netto im Monat kämen nicht mehr über die Runden und müssten laufende Kosten mit Erspartem decken, sagte Verbandspräsident Helmut Schleweis. Das seien 60 Prozent aller privaten Haushalte.

Im aktuellen Spiegel findet sich ein Beispiel: Eine vierköpfige Familie mit 3.000 bis 3.500 netto, sie lebt im Münsterland, konnte die monatlichen Vorauszahlungen für Heizung und Warmwasser runterhandeln und muss nun 649 statt 721 Euro an Vattenfall überweisen. Bisher waren es 259 Euro. »Einige Monate kriegen wir den erhöhten Abschlag irgendwie gestemmt«, sagt Vater Pedro Valdevieso, der VW-Karosserien baut, »auf Dauer aber ganz bestimmt nicht«.

Das ist der Stand der Dinge in der bundesrepublikanischen Klassengesellschaft: Wer als Friseur oder Verkäufer immer von der Hand in den Mund gelebt hat, muss hungern oder frieren oder beides. Wer mit dem Bau von Autoteilen etwas zurücklegen konnte, sieht die Galgenfrist ablaufen. Und auch in den nächsthöheren Einkommensgruppen werden die ersten Städtereisen storniert, die ersten Sonderangebote angenommen. Die Angst geht um, und es ist erst der Anfang.

»Seit den 90er Jahren driften die Einkommen auseinander, mehr noch die Vermögen«, heißt es dazu in der Spiegel-Titelstory. Bisher sei das kein Problem gewesen, »weil darunter vor allem die untersten 20 Prozent litten. Die, so hart das klingen mag, im Land traditionell eher wenig zu sagen haben. Heute aber geht es auch um die Mitte.« Verbunden wird das mit dem obligatorischen Warnhinweis: »Ungerechtigkeit, wenngleich auch nur gefühlte, fördert Populismus und Extremismus.«

Die Ungerechtigkeit »nur gefühlt« zu nennen, ist Ausdruck von Klassenbewusstsein. So geht der Kampf von oben. Die Mehrheit wird beim Frieren noch für dumm verkauft.

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  • Leserbrief von Andreas Prange aus Ostfildern (21. September 2022 um 18:42 Uhr)
    Aldi-Süd zahlt einer Verkäuferin im Jahr 2022 einen Mindestlohn von 14 Euro plus Zulagen. Viele Proleten im besten Deutschland aller Zeiten sind darauf konditioniert, 14 Euro Mindestlohn für viel zu halten. Vor fast 30 Jahren, Mitte der 1990er Jahre, hat Aldi-Süd in Baden-Württemberger Filialen für eine Verkäuferin 28,50 DM Stundenlohn annonciert. So geht asoziale Marktwirtschaft.
  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus 12105 Berlin (21. September 2022 um 18:17 Uhr)
    Der andere Blick – NATO-Imperialismus und EU-Sozialfaschismus: Zum Wirtschafts- und Sozialkrieg gegen Russland und gegen die Armen in Deutschland. »UN-Vollversammlung. Scholz wirft Putin ›blanken Imperialismus‹ vor. Deutschlands Bundeskanzler sichert der Ukraine weitere Waffenlieferungen zu. – ›Putin wird seinen Krieg und seine imperialen Ambitionen nur aufgeben, wenn er erkennt: Er kann diesen Krieg nicht gewinnen‹, sagte Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz vor der UNO-Generalversammlung.« Vgl. Wiener Zeitung – Kommentar: Notwendige Bemerkungen zum NATO-Imperialismus und EU-Sozialfaschismus. Es handelt sich um einen Wirtschaftskrieg gegen die Wirtschaft und Bevölkerung der Russischen Föderation. Zugleich um einen sozialen Krieg gegen die Armen, so auch in Deutschland und Österreich. Nicht jeder Bürgerin oder Bürger ist Aktionär*in und Millionär*in der Rüstungsindustrien; nicht gut situierte hohe Beamtin oder Beamter mit Pensionsanspruch. Auch gehört er/sie nicht zu den persönlich leistungslosen Erben großer Vermögen und Immobilien. Nachtrag: Der Wirtschaftslobbyist und Bundeskanzler Scholz schweigt zu den geopolitischen und wirtschaftspolitischen Interessen der USA und GB, der NATO-Strategen und der Wirtschafts-, Finanz- und Monopolverbände der Europäischen Union an der Zerstörung der Russischen Föderation und deren Übernahme durch westliche multinationale Rohstoff-Konzerne. Info-Empfehlung: Rohstoff–Interessen an der Russischen Föderation Zusammenfassung einer BGR–Kurzstudie www.trend.infopartisan.net/trd0315/t260315.html Frage: Ist ein Fingerzeig auf die wirtschaftlichen und kommerziellen Interessen auch nur eine »Verschwörungstheorie« der »Putin-trolle«? Siehe auch: Wiener Zeitung Online https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/welt/2162302-Scholz-wirft-Putin-blanken-Imperialismus-vor.html 21.09.2022, R.S.
  • Leserbrief von Lothar Böling aus Düren (20. September 2022 um 23:31 Uhr)
    Dafür, dass seit den 90er Jahren die Einkommen auseinanderdriften, gibt es handfeste Belege. Siehe hierzu: Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Heinz-Josef Bontrup vom 24. Januar 2019 an der Westfälischen Hochschule (https://www.iwipo.eu/arbeitsfelder/oekonomieglobalisierung/abschiedsvorlesung-prof-dr-heinz-j-bontrup/). Der Text des Vortrages ist auf der Website nachzulesen. Innerhalb der deutschen Wirtschaft, bedingt durch die wissenschaftlich-technologische Entwicklung, gab es in den vergangenen Jahrzehnten eine gewaltige Produktivitätssteigerung, ohne dass die Arbeitnehmer hiervon durch höhere Löhne profitierten. Hierdurch entstand und entsteht täglich allein der Sozialversicherung der Arbeitnehmer ein gewaltiger Schaden. Die realen Nettolöhne und -gehälter je abhängig Beschäftigten sind von 1991 bis 2018 jahresdurchschnittlich nur um 0,3 Prozent gestiegen. Also so gut wie gar nicht! Das entspricht einer Umverteilung von 1,7 Billionen Euro von den Arbeits- zu den Mehrwerteinkünften. Allein 2017 wurden 2,1 Milliarden Überstunden geleistet, und die Hälfte davon ist nicht einmal bezahlt worden. Dies aus reiner Angst der Beschäftigten, bei Verweigerung ansonsten diszipliniert zu werden oder womöglich sogar die Arbeit zu verlieren.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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