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Aus: Ausgabe vom 13.09.2022, Seite 8 / Ansichten

Losgelöst vom Westen

Shanghai Cooperation Organisation
Von Jörg Kronauer
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Die Staatschefs der am Treffen der Shanghai-Organisation beteiligten Länder (Qingdao, 10.6.2018)

Die Shanghai Cooperation Organisation (SCO), die am Donnerstag im usbekischen Samarkand ihren diesjährigen Gipfel startet, ist zuweilen überschätzt worden. Ein großes Gegenbündnis gegen den Westen sei er, der Zusammenschluss, den China und Russland 2001 gemeinsam mit vier Staaten Zentralasiens gegründet hatten, mit Kasachstan und Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan, hieß es manchmal. Gelegentlich war gar von einer »asiatischen NATO« die Rede. Auch wenn die SCO, vor allem im Namen der Terrorismusabwehr, stets eine militärische Dimension hatte: So eng, so intensiv wie im westlichen Militärpakt war die Kooperation ihrer Mitglieder nie. Als 2017 Indien und Pakistan aufgenommen wurden, da fragten sich zudem nicht wenige, wie tragfähig ein Bündnis denn eigentlich sei, dem nun neben diesen beiden solide verfeindeten Staaten auch die eingefleischten Rivalen Indien und China angehörten. Und als schließlich der indisch-chinesische Grenzkonflikt in den Höhen des Himalaja im Frühjahr 2020 in blutigen Scharmützeln eskalierte, schien sich zu bestätigen: Tiefe innere Konflikte hemmen die SCO.

Das Jahr 2022 könnte sich als Wende erweisen. Zentral dabei ist, dass sich Neu-Delhi und Beijing entschieden haben, ihre Rivalität in den Hintergrund zu rücken; bis Montag etwa zogen sich die Truppen beider Seiten von der Konfliktlinie im Himalaja zurück. Die Ursache: Indien ist trotz all seiner ernsten Differenzen mit China wenig geneigt, sich von den westlichen Staaten in ihrem großen Machtkampf gegen Moskau und Beijing als bloße Schachfigur gegen die Volksrepublik benutzen zu lassen. Seine herrschende Klasse sieht ihre Zukunft nicht als abhängiges Anhängsel des Westens, sondern als eigenständige Macht in einer multipolaren Welt. Konfliktstoff zwischen Indien und China gibt es weiter zur Genüge. Die Zusammenarbeit im SCO-Rahmen hilft Neu-Delhi jedoch, die Versuche des Westens abzuwehren, es gegen Beijing zu instrumentalisieren.

Eine weitere bedeutende Wegmarke für die SCO ist der Beitritt Irans, der diese Woche in Samarkand besiegelt werden soll. Er eröffnet dem Staat, den der Westen jahrelang mit einem brutalen Sanktionskrieg niederzuringen suchte, neue Perspektiven und reduziert die Chancen der transatlantischen Mächte weiter, ihre einstige Dominanz im Mittleren Osten zu retten. Dies um so mehr, als auch Saudi-Arabien, Katar und Ägypten SCO-»Dialogpartner« werden wollen; die Vereinigten Arabischen Emirate liebäugeln gar schon mit dem Gedanken an eine Vollmitgliedschaft. Perspektivisch könnte für die arabischen Golfstaaten, die sich seit geraumer Zeit durch eine engere Kooperation mit China und Russland aus ihrer einseitigen Abhängigkeit vom Westen lösen, die SCO ein Rahmen werden, in dem sie ihren heftigen Konflikt mit Iran eindämmen. Nun, das ist noch Zukunftsmusik. Die SCO kristallisiert sich aber schon jetzt immer stärker als ein mögliches Sammelbecken für allerlei Bestrebungen in Asien heraus, die westliche Dominanz zu brechen.

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