Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Monday, 26. September 2022, Nr. 224
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 20.08.2022, Seite 8 / Ausland
Spionin »Isabelita«

Im Dienst für Diktatur und Demokratie

Argentinien: Geheimdienst infiltrierte »Mütter der Plaza de Mayo«. Spionage auch nach 1983
Von Florencia Beloso, Buenos Aires
imago0153593164h.jpg
Aktion in Erinnerung an die »Mütter der Plaza de Mayo« am 24. März 2022 in Buenos Aires

Der Fall steht emblematisch für die mangelhafte Aufarbeitung der Verbrechen der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Am Dienstag veröffentlichte die Tageszeitung Página 12 die Geschichte von »Isabelita«, einer Spionin, die sich bei den »Müttern der Plaza de Mayo« eingeschlichen hatte. Auch nach dem Ende der Diktatur setzte die Geheimdienstmitarbeiterin, deren offizieller Name von der Justiz weiter geheimgehalten wird, ihre Tätigkeit für die Polizei fort.

Wie die Journalistin Luciana Bertoia für Página 12 aus Akten rekonstruiert hat, deutet alles darauf hin, dass sich »Isabelita« für die Geheimpolizei der »Markierung« von Gegnern der Militärdiktatur widmete. Diese wurden später in vielen Fällen entführt und ermordet, bzw. man hat sie »verschwinden lassen« – offiziell fielen der Diktatur rund 30.000 Menschen zum Opfer. Um Zugang zu den »Müttern der Plaza de Mayo« zu erlangen, gab sie vor, einen Bruder zu vermissen. Diese Gruppe aus Müttern »verschwundener« Oppositioneller versammelte sich erstmals 1977 auf dem namengebenden Platz im Zentrum der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, wo sie bis heute für Aufklärung und Gerechtigkeit demonstriert. In einem vom ehemaligen Geheimdienstchef Juan Andrés Fonte unterschriebenen Dokument heißt es, »Isabelita« habe die Gruppe »Madres de Terroristas« (Mütter von Terroristen) infiltriert – eine denunziatorische Bezeichnung für die »Mütter der Plaza de Mayo«).

Bislang war nur der Fall von Alfredo Astiz bekannt gewesen, der sich unter dem Vorwand, er habe einen »verschwundenen« Bruder, unter Angehörige von Opfern der Diktatur gemischt hatte. 1981 wurde ein weiterer Geheimdienstmitarbeiter, Luiz Alberto Martínez, in der Schweiz festgenommen. Laut seinen später vor der Internationalen Föderation für Menschenrechte getätigten Aussagen war »Isabelita« ebenfalls an den Entführungen der Kirche »Santa Cruz« beteiligt. Am 8. Dezember 1977 waren drei Gründerinnen der »Madres« sowie zwei französische Ordensschwestern am Ausgang der Kirche in Buenos Aires, die als Untergrundtreffpunkt diente, entführt worden, anschließend wurden sie gefoltert und schließlich ermordet.

Dem Verdacht, dass »Isabelita« etwas mit dem Verbrechen von »Santa Cruz« zu tun haben könnte, war bereits 2013 unter der Regierung von Cristina Fernández de Kirchner nachgegangen worden. Allerdings wurden die Ermittlungen fallengelassen, da ihre Verstrickung nicht bewiesen werden konnte. Nun hat das Nationale Menschenrechtssekretariat die Wiederaufnahme der Untersuchung zur Rolle von »Isabelita« bei der Entführung von 1977 beantragt.

Aus den untersuchten Akten geht hervor, dass »Isabelita« auch nach dem Ende der Militärdiktatur weiter für die Polizei arbeitete. So gehörte sie 1983 der »Abteilung für den Schutz der verfassungsmäßigen Ordnung« an und spionierte die linke Gruppe »Bewegung ›Alle für das Vaterland‹« (MTP) aus. Als 2003 mit Néstor Kirchner ein Linker ins Präsidentenamt kam, bat sie schließlich um ihre Entlassung.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Elisabeth Käsemann, geboren am 11. Mai 1947, ermordet am 24. Mai...
    19.05.2017

    Der Rettung nicht wert

    Vor 40 Jahren wurde die deutsche Linke Elisabeth Käsemann in Argentinien von Schergen der Militärjunta ermordet – nach wochenlanger Folter
  • US-Präsident Barack Obama besucht mit seinem argentinischen Amts...
    15.08.2016

    Welche Schuld trägt Washington?

    Die US-Regierung veröffentlicht bislang geheime Akten. Die Ermordung Tausender Oppositioneller in Südamerika könnte dadurch aufgearbeitet werden

Regio:

Mehr aus: Ausland