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Aus: Ausgabe vom 18.08.2022, Seite 15 / Medien
Medienkonzern

Schatten über Unterföhring

Zukunft der ProSiebenSat.1 Media SE liegt in Händen von Investoren. Am aggressivsten tritt Familie Ber­lusconi auf
Von Gert Hautsch
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Folgenschwerer Einstieg: Im Mai 2019 erwarb Silvio Berlusconis Konzern 9,6 Prozent des Aktienkapitals von P7S1

Rainer Beaujean hat noch mal Glück gehabt: Der Vorstandschef der ProSiebenSat.1 Media SE (P7S1), Deutschlands zweitgrößtem Medienkonzern, sollte Ende 2021 nach Meinung des Hauptaktionärs seinen Job verlieren. Der Vorstoß scheiterte zwar im Aufsichtsrat, aber seither wackelt sein Stuhl.

Es wäre der dritte derartige Fall in vier Jahren gewesen. Im Februar 2018 hatte der Vorstandsvorsitzende Thomas Ebeling seinen Hut nehmen müssen. Sein Nachfolger Max Conze hielt bis März 2020 durch, dann musste auch er wieder gehen (beide Genannten jeweils mit mehreren Millionen Euro Handgeld, versteht sich). Seither residiert in Unterföhring Rainer Beaujean. Einstweilen zumindest. In allen Fällen ging es letzt­lich um strategische Weichenstellungen: Soll der Schwerpunkt auf »Bewegtbild« liegen, oder sollen die medienferneren Geschäfte ausgebaut werden? Soll ProSiebenSat.1 unabhängig bleiben oder nicht?

Notorisch kurze Kapitaldecke

Der Konzern betreibt 15 Fernsehsender im deutschsprachigen Raum, darunter die namensgebenden Kanäle, außerdem die Streamingplattform Joyn, diverse Filmproduktionsfirmen, den Kosmetikversand Flaconi, die Kuppelplattform Parship, die Vermittlungsseite Billiger Mietwagen, das Vergleichsportal Verivox und vieles andere. Der Konzernumsatz ist zwar im vergangenen Jahr um elf Prozent auf 4,5 Milliarden Euro gestiegen, der Nettoprofit sogar um 75 Prozent. Das war aber nur deshalb so, weil 2020 wegen Corona die Geschäfte geschrumpft waren. Schon rein statistisch musste 2021 stark wachsen. Im ersten Halbjahr 2022 nahm der Umsatz nur noch um ein Prozent zu, der Profit (EBITDA) ist gleich geblieben. Der Aktienkurs hat sich hingegen seit Jahresbeginn 2022 fast halbiert.

Die Turbulenzen beim Führungspersonal sind ein Reflex auf die wechselvolle Geschichte des Unternehmens. ProSiebenSat.1 existiert seit Oktober 2000 unter diesem Namen, war aber Bestandteil des Medienimperiums Kirch Media. Als dieses 2002 zusammenbrach, wurde P7S1 für 500 Millionen Euro an den Investor Haim Saban verramscht. Eine Übernahme durch den Springer-Konzern scheiterte 2005 am Widerstand der Kartellbehörden. Daraufhin kamen 2006 die Finanzinves­toren KKR und Permira zum Zug – für drei Milliarden Euro.

Wie üblich wollten die Investoren dieses viele Geld nicht selbst bezahlen, sie luden es dem gekauften Unternehmen auf. Unter der Schuldenlast wäre P7S1 fast zusammengebrochen, und bis heute leidet es unter Kapitalknappheit. Für KKR und Permira spielte das keine Rolle, ihnen gelang 2013 der profitable Ausstieg über die Börse. Seit­her werden die Aktien frei gehandelt.

Das hat seine Tücken, wie sich in den letzten drei Jahren zeigte. Weil der Aktienkurs notorisch niedrig ist (zeitweise sechs, derzeit um die acht Euro), lassen sich Unternehmensteile billig erwerben. Im Oktober 2019 teilte die Prager Czech Media Invest (CMI) mit, dass sie zehn Prozent des Aktienkapitals besitzt. Mitte Mai 2020 war der Finanzinvestor KKR mit 5,2 Prozent zugestiegen. Beide spielten beim Rauswurf Max Conzes eine wichtige Rolle, weil der den Aktienkurs nicht wie gewünscht beflügeln konnte. Als der Preis 2021 zeitweise deutlich gestiegen war, haben sie ihre Anteile wieder verkauft. Der Profit dürfte erheblich gewesen sein.

Folgenschwerer war der Einstieg eines anderen Investors. Im Mai 2019 war der italienische Konzern Mediaset (inzwischen Media For Europe, MFE) mit einem Anteil von 9,6 Prozent des Aktienkapitals aufgetreten. Bis Anfang 2022 sind daraus 25,5 Prozent geworden. Er wird vom Clan um den Politiker Silvio Berlusconi kontrolliert, Vorstandsvorsitzender ist dessen Sohn Pier Silvio. Anders als KKR und CMI haben die Italiener mit ihrem Investment viel vor.

MFE ist in Italien und Spanien der führende private Fernsehanbieter und will eine europaweite Plattform werden. Das ist ohne den deutschsprachigen Markt schwer möglich, deshalb besteht das erklärte Ziel darin, P7S1 in dieses Gebilde zu integrieren. Das Management in Unterföhring ist zwar strikt dagegen, aber MFE wollte es Anfang 2022 trotzdem wissen. Die anstehende Vertragsverlängerung für Rainer Beaujean und die Entlastung des Aufsichtsrats sollten verhindert werden. Das scheiterte zwar knapp mit 52 Prozent, aber der Machtkampf ist noch längst nicht ausgestanden. Denn neben MFE sind noch andere Investoren im Spiel. Deren Interessen könnten zusammengehen.

Knapp 70 Prozent des Konzernumsatzes von P7S1 wurden 2021 vom Segment »Entertainment« erwirtschaftet. Es besteht, neben der Filmproduktion, in erster Linie aus den Fernsehsendern. Dieses Geschäft ist nicht nur stark vom Werbemarkt abhängig, es steht unter dem wachsenden Druck der globalen Streamingplattformen Netflix, Amazon Prime, Disney plus und anderen. Beim Publikum, besonders dem jüngeren, geht der Trend weg vom linearen TV und hin zum Internetvideo. Um hier gegenhalten zu können, startete man in Unterföhring 2019 das Streamingportal Joyn. Weil aber die Kapitaldecke notorisch kurz ist, fehlte das Geld dafür. Deshalb wurde der US-Konzern Discovery mit 50 Prozent an Joyn beteiligt. Der ist beim Fernsehen ein direkter Konkurrent für P7S1 und betreibt u. a. die Sender Tele 5, DMAX, TLC und Eurosport.

Ähnlich lief es in den anderen Unternehmensbereichen. P7S1 besitzt zahlreiche Internetplattformen, die zwar wenig bis nichts mit dem Mediengeschäft zu tun haben, aber Geld bringen: Flaconi, Verivox usw. Auch hier fehlte das Kapital für größere Deals. Deshalb wurde das Segment 2017 ausgegliedert, zur Nu-Com Group umgewandelt, und 28,4 Prozent wurden an den Finanzinvestor General Atlantic (GA) abgetreten. Das Geschäft mit »Dating« wurde 2020 noch mal abgetrennt, daran hält das Unternehmen GA sogar 47 Prozent. Anders wären die teure Übernahme des US-Konkurrenten The Meet Group und die Fusion zur Parship-Meet Group nicht möglich gewesen.

Ausverkauf von Tochterfirmen

Bei wichtigen Weichenstellungen ist das Management von P7S1 in seinen Entscheidungen nicht frei, es muss Rücksicht auf die Interessen fremder Akteure nehmen. Finanzinvestoren betreiben aber keine längerfristigen Investitionen. Ihr Zeithorizont liegt bei fünf bis sieben Jahren, dann wollen sie mit hohem Profit verkaufen. Das Unternehmen GA nähert sich dieser Zielmarke, der Ausstieg steht an. Für eine Übernahme der Anteile in die eigene Regie hat ProSiebenSat.1 aber kein Geld.

Deshalb ist der Ausverkauf von Tochterfirmen im In- und Ausland angelaufen. Die wichtigsten Namen seit Frühjahr 2021 sind Wind-Star Medical, Gravitas Ventures, Amorelie und Moebel.de. Anfang Juli 2022 wurde das komplette US-Produktionsgeschäft abgestoßen. Ein Verkauf von Flaconi scheiterte angeblich nur an überzogenen Preisforderungen aus Unterföhring. Für die Parship-Meet Group war im Frühjahr 2022 ein Börsengang geplant, der musste aber wegen des Ukraine-Kriegs verschoben werden. Auch die Nu-Com steht zum Verkauf.

Wenn diese Vorhaben umgesetzt sind (was nur eine Frage der Zeit ist), bleibt vom P7S1-Konzern in seiner bisherigen Form wenig übrig. Er besteht dann aus den Fernsehsendern, einem gestutzten Produktionssektor (Red Arrow Studios), Influencerwerbung (Buzzbird) und dem »Wagnisarm« (Seven Ventures), außerdem 50 Prozent der Streamingplattform Joyn. Ein Torso, der kaum überlebensfähig ist. Deshalb liegt es nahe, sich nach einem Hafen umzusehen, wo das gerupfte Schiff unterkommen kann. Und wer bietet sich dafür an? Media For Europe.

Rettung könnte aus dem Maximilianeum kommen. Im März 2022 hat der Bayerische Landtag das Mediengesetz geändert. Die Landesmedienanstalt BLM kann nun den Erwerb von mehr als 25 Prozent an privaten Fernsehsendern verbieten, »falls eine Gefährdung der Informationsvielfalt damit einherginge«. Ob eine derartige »Lex Berlusconi« mit EU-Recht vereinbar ist, steht dahin. Beobachter vermuten bei den Motiven der CSU weniger Sorge um die Informationsvielfalt als um den Medienstandort München. MFE könnte nach einer Übernahme die P7S1-Konzernzentrale nach Amsterdam oder London verlagern.

Deshalb hat auch noch eine andere Variante Chancen, ins Spiel zu kommen. Bertelsmann-Chef Thomas Rabe bekräftigte im März 2022 die Idee, seine Senderkette RTL mit P7S1 zusammenzuführen. Er kommt damit schon seit einigen Jahren immer wieder um die Ecke und lässt sich von einem ebenso oft wiederholten Nein aus Unterföhring nicht beeindrucken. Auch die (vermutlich negative) Meinung des Bundeskartellamts interessiert wohl nicht, es gibt ja das Instrument der Ausnahmegenehmigung durch das Wirtschaftsministerium. Eine Zusicherung, den Standort Bayern nicht anzutasten, könnte hilfreich sein.

Über das weitere Schicksal des Konzerns P7S1 wird nicht das Management entscheiden. Wenn der Finanzinvestor GA ausgestiegen sein wird, haben die »institutionellen Investoren« das Sagen, professionelle Anteilseigner, die zwar nicht im Geschäftsbericht auftauchen, aber relevante Kapitalanteile beherrschen (z. B. Deka). Die Meinung von Herrn Beaujean wird keine Rolle spielen. Es ist nicht auszuschließen, dass die ProSiebenSat.1 Media SE ihren 25. Geburtstag in drei Jahren nicht mehr erleben wird. Zumindest nicht in ihrer derzeitigen Gestalt.

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