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Aus: Ausgabe vom 18.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Mord im Marschland

Midcult wie er im Buche steht: Die Bestsellerverfilmung »Der Gesang der Flusskrebse«
Von Marc Hairapetian
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Das Lehrbuch sagt: Weibliche Insekten wissen, wie man mit Liebhabern umgeht (Daisy Edgar-Jones als Kya)

Ziemlich genau 60 Jahre nach dem auf Harper Lees gleichnamigem Roman basierenden Film »To Kill a Mockingbird« (1962, dt. »Wer die Nachtigall stört«), in dem Gregory Peck als alleinerziehender Vater und Anwalt Atticus Finch eine mit dem Oscar als »Bester Hauptdarsteller« gekrönte Performance ablieferte, kommt nun eine Literaturadaption in die hiesigen Kinos, die in vieler Hinsicht an das große Vorbild von Regisseur Robert Mulligan erinnert: »Der Gesang der Flusskrebse« ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die aus einer emanzipierten Perspektive der Hauptprotagonistin erzählt wird. Ähnlich wie in »Wer die Nachtigall stört« gibt es zahlreiche Schilderungen von Flora und Fauna, und am Ende gesellt sich einem mysteriösen Todesfall ein Gerichtsprozess dazu. Die schauspielerischen Leistungen sind ebenso ansprechend wie die Farbfotografie und der Soundtrack. Ein Mystery-Drama, das in die Filmgeschichte eingehen wird, ist es allerdings nicht geworden.

Unfall oder Mord?

Mitte der 60er Jahre im Great Dismal Swamp, dem Marschland von North Carolina: Am Fuß des Feuerwachturms wird Chase Andrews (Harris Dickinson), der Quarterback des Footballteam aus dem nahe gelegenen Küstenstädtchen Barkley Cove, tot aufgefunden. War es ein Unfall oder doch Mord? Nach Ermittlungen fällt der Verdacht auf Catherine Danielle Clarke, von aller Welt nur Kya (Daisy Edgar-Jones) genannt, die allein in den Sümpfen lebt und eine Affäre mit dem angeberischen jungen Mann gehabt haben soll. Trotz Mangels an Beweisen wird das »Marschmädchen« verhaftet. In ihrer Zelle erzählt sie ihrem Pflichtverteidiger Tom Milton (David Strathairn), wie es dazu kam, dass sie allein in der Wildnis aufwuchs, wie sie dort ihre wahre Liebe, den Biologen Tate Walker (Taylor John Smith), fand und wie ihr Weg schließlich den von Chase Andrews kreuzte.

Die aus New Orleans stammende Schauspielerin und Produzentin Reese Witherspoon (»Walk the Line«, »The Importance of Being Earnest«) war vom Debütroman der damals 69jährigen Zoologin Delia Owens derart begeistert, dass sie ihn nach dem Erscheinen im Sommer 2018 im populären Buchklub der von ihr mitgegründeten Medienplattform »Hello Sunshine« vorstellte. Dies löste einen enormen Hype aus: Mit 4,5 Millionen verkauften Exemplaren war »Der Gesang der Flusskrebse« 2019 das erfolgreichste Buch in den USA. Auch hierzulande konnte es sich direkt nach seiner Veröffentlichung auf der Spiegel-Bestsellerliste plazieren. Berechtigte Worte der Kritik an den literarischen Fähigkeiten der Autorin fand dann zum Beispiel die Washington Post: »Für eine so scharfsinnige Beobachterin von Lebewesen, die sich jahrelang mit den Federn von Nachtreihern und den Paarungsmustern von Ochsenfröschen beschäftigt hat, gibt es nur wenig Beobachtung menschlicher Lebendigkeit um sie herum.«

Aus dem Sumpf

In der von Reese Witherspoon koproduzierten und von Olivia Newman inszenierten Filmadaption sind nun sogar die Gerichtsszenen fesselnder als die Naturaufnahmen. Die Dreiecksgeschichte um die »schöne Wilde« aus dem Sumpf, den sensiblen Naturfreund, der ihr Lesen und Schreiben beibringt, und das verdorbene Monstrum aus der Leistungssportzivilisation, das sie sexuell ausbeuten will, hat nicht wenige unfreiwillig komische Szenen. So ist es wohl der Vermarktungsstrategie geschuldet, dass Kya nicht etwa in Cargohosen und Gummistiefeln durch die Sümpfe zieht, sondern im formvollendet sitzenden, leider völlig unpraktischen Sixties-­Fashion-Outfit. Realismus wird bei »Der Gesang der Flusskrebse« also nicht gerade groß geschrieben. Dafür überzeugen wenigstens die schauspielerischen Leistungen des »nur« 24 Millionen US-Dollar teuren, von Ende März bis Ende Juni 2021 in New Orleans und Houma in Louisiana gedrehten Hochglanzprestigeprojekts.

»Der Gesang der Flusskrebse«, Regie: Olivia Newman, USA 2022, 125 Min., Kinostart: heute

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