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Aus: Ausgabe vom 18.08.2022, Seite 5 / Inland
Dürre

Auferstanden aus Ruinen

DDR-Wasserspeicher als Zukunftsmodell für Landwirtschaft. Eindrücke aus der Thüringer Fernwasserversorgung
Von Alexander Reich
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Hier besteht Landesinteresse, die Instandhaltung ist geplant: Kleinspeicher in Gießübel (Schleusegrund), Thüringer Wald

Von der anhaltenden Dürre ist der Osten Deutschlands am stärksten betroffen. Vielerorts sind die mittleren Niederschlagsmengen ohnehin sehr gering. Nun hat es wochenlang kaum geregnet. In der sengenden Hitze verdorren die Feldfrüchte. Auf den Wiesen ist zwischen braunen Grasnarben schon Wüstenbildung zu erahnen. Wo doch mal ein Starkregen niedergeht, können die ausgedörrten Böden das Wasser nicht aufnehmen.

Rettung für die Landwirtschaft verspricht ein Bewässerungssystem, das in der DDR angelegt wurde und mit ihr in Vergessenheit geriet. Zur Bewässerung der Felder wurden im Arbeiter- und Bauernstaat seit den 60er Jahren mehr als 600 kleine Stauseen gebaut, sogenannte Brauchwassertalsperren. Über Leitungen unter den Feldern gelangte das Nass in Beregnungsanlagen, die neun Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Landes versorgten.

1990 wurden die Produktionsgenossenschaften privatisiert, die Anlagen konkurrierenden Eigentümern hinterhergeschmissen. Es schien auch keinen Bedarf für die großflächige Beregnung mehr zu geben. Und so verfielen Wasserspeicher und -leitungen. Aber das Blatt hat sich gewendet. »Man kann sagen, dass das Interesse wächst – wenn man fragt, warum, muss man nur aus dem Fenster gucken«, sagt Manfred Fink am Mittwoch im Gespräch mit dieser Zeitung in der Zentrale der Thüringer Fernwasserversorgung (TFW) in Erfurt. Wann es in der Landeshauptstadt zuletzt geregnet hat? »Vorgestern, aber nicht sehr, leider.«

Die TFW ist eine landeseigene Versorgungsanstalt. Sie betreut die großen Trink- und Brauchwassertalsperren des Landes, ebenfalls alle aus der DDR. Seit einer Novellierung des Thüringer Wassergesetzes im Sommer 2019 ist die Behörde für weitere 60 Stauanlagen zuständig. Bei der TFW spricht man von »herrenlosen Kleinspeichern«.

Mitarbeiter wie Fink, der als Hydrologe promoviert ist, prüfen, ob die Sanierung im Interesse des Landes ist. Falls ja, wird der Betrieb technisch und wirtschaftlich sichergestellt, woraufhin die Unterhaltungslast auch Gemeinden oder Agrarbetrieben übertragen werden. Falls nein, werden die Stauanlagen zurückgebaut.

Von den gut 600 Kleinspeichern, die in der DDR »mit einer großen Kampagne« angelegt wurden, wie Fink erinnert, befinden sich wohl mehr als hundert in Thüringen. Eine genaue Zahl hat er nicht. Einige Anlagen würden unabhängig von der TFW durch »irgendwelche Kreise oder Organisationen« betrieben. Wenige andere habe die Behörde in den vergangenen Jahren Gemeinden übergeben, für eine weitere sei das geplant.

Von den 60 neu dazugekommenen werde bisher keine landwirtschaftlich genutzt, es sei denn als Viehtränke – da fallen Fink »auf Anhieb zwei oder drei« ein. Bei der Instandsetzung geht es um Hydro- und Geotechnik, die Tragsicherheit von Baustoffen etc. Wobei es sich am Ende doch um »relativ einfache Bauwerke« handle, so Finke, um »homogene Erddämme, aufgeschüttet mit geeignetem Material aus der Gegend – bei vielen Kleinanlagen wissen wir nicht, was das wirklich ist.« Manche seien mit Steinen beschwert, um »Erosion durch Wellenschlag« zu verhindern. Das technisch Komplizierteste sei zumeist die Steuerungsmechanik über regelbare Ventile an Rohren oder Betonschächten.

Bei der Anpassung an heutige Normen geht es etwa um Wasserdruck in den Leitungen. Oder um Hochwasser. »Die Überläufe werden vergrößert, damit das Wasser bei Starkregen ablaufen kann, ohne dass die Talsperre überströmt und beschädigt wird.«

Die Zukunftsträchtigkeit des Bewässerungssystems erweist sich in den Auswirkungen aufs Ökosystem. Die hält Fink zunächst für überschaubar. »Teichwirtschaft gibt es in Thüringen seit dem 14. Jahrhundert. Da gibt es ein entsprechend angepasstes Ökosystem, eine Kulturlandschaft mit Tieren und Pflanzen, die sonst nicht vorkommen würden, für die Biodiversität erst einmal gut.«

In der nahen Umgebung werde auch der Grundwasserspiegel angehoben. »Man hat eine Wasserfläche, die kommuniziert mit dem Grundwasser. Wasser wird zurückgehalten, das sonst über den großen Fluss ins Meer fließt und weg ist.« Auf der Grundlage des »hydrologischen Regimes – großer Überschuss im Winter und im Sommer, jedenfalls in Thüringen, viel Defizit«, werde ein simpler »Trick« angewendet: »Wir sammeln das Wasser auf einer relativ großen Fläche, um auf einer kleinen damit zu wirtschaften.« Letzten Endes allerdings werde der Landschaft Wasser entzogen, wenn auch nicht viel. »Bei einem mittleren Fluss zwacken fünf Kleinspeicher vielleicht zwei Prozent des Wassers ab.«

Auch das summierte sich, würde die gesamte Landwirtschaft darauf abgestellt. Unter dem Strich gäbe das auch der Grundwasserspiegel längst nicht mehr her, die BRD hat in den vergangenen 20 Jahren die Reserven eines Bodensees verloren. Aber der moderate Einsatz kleiner Speicher in der diversifizierten Landwirtschaft gilt als zukunftsweisend? »Ja«, sagt Fink, »so ist im Moment die Richtung, auch auf politischer Seite.«

Warum saniert die TFW dann nicht längst wenigstens ein Dutzend ihrer »herrenlosen Speicher«? Landwirte müssten viel Geld in die Hand bzw. hohe Kredite aufnehmen für Rohre und Pumpen, die Energie fressen. Dazu die Umstellung des Betriebs und Beregnungsmaschinen (da gibt es einige, von Kreis über Rohrtrommel mit Düsenwagen und Regenkanonen bis Tröpfchenbewässerung, in Israel perfektionierte Hightech für wasserarme Zeiten). Das amortisiere sich erst nach Jahren. Und die Preisentwicklung für die Feldfrüchte sei kaum abzusehen.

»Und dann muss man vielleicht noch jemanden einstellen, wenn man das in größerem Rahmen betreibt«, sagt Fink. Wohlgemerkt: einen. Die großen Maschinen werden heute von einer Person betreut. In der DDR waren Brigaden für Melioration und Beregnung im Schichtsystem dafür zuständig. In manch anderer Hinsicht war das System der heutigen Zeit weit voraus. Die jeweiligen Beregnungsmengen etwa wurden landesweit in einem zentralen Rechenzentrum ermittelt.

Wird das Modell heute irgendwo in der BRD aufgegriffen? Es gibt andere Hoffnungen angesichts des Klimawandels, etwa auf trockenheitsresistente Pflanzen durch die Genschere CRISPR oder mittels künstlicher Intelligenz beschleunigte Zuchtmethoden. Aber Fink bejaht die Frage. Bayern lernt von der DDR und macht in Talsperrenbau: »Ich weiß, dass es in Franken, wo es ja auch sehr trocken ist, solche Pläne gibt.«

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