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Aus: Ausgabe vom 18.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Festspiele Salzburg

Wieviel Jazz mit Barock zu tun hat

Canto Lirico: Ein Konzert bei den Salzburger Festspielen, das glücklich machte
Von Berthold Seliger
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Das Konzert von Lea Desandre, Thomas Dunford und dem Ensemble Jupiter entfaltete enorme sinnliche Kraft

Nach nicht enden wollendem Jubel, drei Zugaben und Standing ovations kamen wir aus dem Mozarteum, sahen uns ungläubig an und fragten uns: Haben wir das wirklich erlebt? Wir konnten unser Glück nicht fassen. Ein Barockkonzert mit Lea Desandre, Thomas Dunford und dem Ensemble Jupiter bei den Salzburger Festspielen entpuppte sich als eine Zeitreise mit Musik aus längst vergangenen Tagen, die aber so jung und frisch und aktuell wirkte, als sei sie eben gerade vor unseren Augen entstanden.

Frei entwickelndes Liebeslied

»Canto Lirico« haben die Musiker ihr Konzert überschrieben, im Untertitel »Lettres amoureuses«, Liebesbriefe also. Als »Liebesbrief« ist tatsächlich das Madrigal »Se i languidi miei sguardi« von Claudio Monteverdi bezeichnet, gedruckt 1619 in Venedig: »Wenn meine schmachtenden Blicke, die abgebrochenen Seufzer, die stockenden Worte, o mein geliebter Schatz, euch doch nicht völlig von meiner Liebe überzeugen konnten, so lest, so glaubt diesem Brief, in dem ich mit der Tinte mein Herz ausschütte!« So der Text von Claudio Achillini, mit dem das Madrigal beginnt. Es stammt aus dem siebten seiner acht Madrigalbücher und soll nach dem Willen des Komponisten »si canta senza battuta« gesungen werden, also »ohne Takt«, sozusagen frei deklamiert. Monteverdi hat es dem »Genere rappresentativo«, der darstellerischen Art, zugeordnet. Durch die überwiegend syllabisch (also Silbe gegen Note) gesetzte Melodie mit ihren zahlreichen Tonrepetitionen wird »das Lesen des Briefes imitiert, so dass eine dramatische Szene entsteht«, wie Dirk Möller im lehrreichen Programmheft erläutert. Dies alles wird durch den Basso continuo mit langgehaltenen Tönen und Orgelpunkten ermöglicht; erst dadurch kann der Gesang sich frei, sozusagen improvisiert entfalten. Und es benötigt ein extrem gut eingespieltes Ensemble wie die Basso-continuo-Gruppe des Ensemble Jupiter sowie eine herausragende Solistin, um das Wagnis des sich frei entwickelnden Liebeslieds einzugehen. Ganz nebenbei erleben wir in diesem Konzert auch die Entwicklung einer neuen Musik, den Übergang vom »Stile antico« der Renaissance zum »Stile nuovo« der Barockzeit (den man in den Madrigalen Monteverdis geradezu lehrbuchhaft nachvollziehen kann).

Spiel ohne Netz

Hört sich trocken und langweilig an? Hat aber eine enorme sinnliche Kraft und ist ein Jungbrunnen voll Schönheit, wenn es so wie in diesem Konzert präsentiert wird. Die Mezzosopranistin Lea Desandre, die an William Christies Akademie Le Jardin des Voix ausgebildet wurde und in Salzburg die letzten zwei Jahre die Despina in der umjubelten Così fan tutte gab, verfügt über eine wandlungsfähige und vielseitige Stimme und hohe darstellerische Kraft. Sie ist in der Lage, die unterschiedlichsten Stimmungen und Seelenzustände der Liebesbriefe geradezu zu verkörpern: Ob schwebend-zurückhaltend die traumschöne Händel-Arie »Lascia la spina, cogli la rosa« mit ihrer »Carpe diem«-Botschaft, im Moment zu leben, ob die dramatischen Frescobaldi-Arien oder das merkwürdige geistliche Wiegenlied »Hor ch'è tempo di dormire« (»Nun ist es Zeit, schlafen zu gehen«) von Tarquinio Merula. Lea Desandre gestaltet die Musik treffsicher und intensiv.

Merulas Wiegenlied ist ein Musterbeispiel sowohl für das Können der Sängerin als auch für die herausragende Qualität des sechsköpfigen Ensemble Jupiter. Die Laute ruft die Sängerin mit zwei hingehauchten Tönen einer kleinen Sekunde herbei, dann spielt der großartige Cellist gefühlt endlos das sehr simple, aus der kleinen Sekunde bestehende Ostinato, mal etwas gesteigert, mal vom Kontrabass unterstützt, und schließlich singt die Desandre in aller beseelten Ruhe ihr Wiegenlied: »Nun, da es Zeit ist zu schlafen / schlafe, mein Sohn, und weine nicht / denn es wird die Zeit kommen / dass du wirst weinen müssen.«

Natürlich gerät Händels berühmte Arie des Serse, »Ombra mai fu«, die dem tobenden Publikum als eine der Zugaben nochmals dargeboten wird, zu einem Höhepunkt des Konzerts – ein echter Barock-»Hit«. Wer wollte sich in diesem Hitzesommer nicht dem Preisgesang des Königs Serse auf eine schattenspendende Platane aus vollem Herzen anschließen: »Nie war der Schatten einer Pflanze lieblicher, süßer und angenehmer …« Aber ebenso beeindrucken die dem Großteil des Publikums sicher unbekannte, schmissige Tanzmusik von Joan Ambrosio Dalza aus dem frühen 16. oder die Folias von Andrea Falconieri aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Da swingen die Geigerinnen im munteren Wettstreit, der Kontrabass spielt eine Art Walking bass, und das Cello mischt sich immer wieder ein – die pure Spielfreude wird da vom Ensemble Jupiter zelebriert, und mitunter bemerkt man sogar, wieviel der Jazz mit Barockmusik zu tun hat – jedenfalls wenn diese so wunderbar und leicht und gleichzeitig intensiv interpretiert wird wie von Lea Desandre und dem Ensemble des jungen Lautenisten Thomas Dunford. Es geht um Freiheit im Spiel ohne Netz, ums Aufeinanderhören und, genau, um Improvisation.

Glaubwürdige Protagonisten

Wie gesagt: grenzenloser, tosender Jubel. Und als Zugabe der von Dunford im Stil des italienischen Barock komponierte Song »We Are the Ocean« (mit einem jazzigen Instrumentalzwischenteil). Ja, eine fürwahr sehr simple Botschaft: Wir sind jede und jeder ein Tropfen, aber zusammen sind wir der Ozean. Hört sich in seiner Schlichtheit furchtbar hippiesk an – so wie, sagen wir, »People Have the Power«. Aber wenn derartig einfache Botschaften von glaubwürdigen Protagonisten der Qualität einer Patti Smith oder eben von Lea Desandre und Thomas Dunford präsentiert werden, mag man für einmal von einer besseren Welt träumen. Denn von Hanns Eisler wissen wir, dass Musik zwar »den Hungernden nicht Brot zum Leben, den Frierenden nicht Kohle für Wärme und den Obdachlosen nicht Wohnung zum Schlafe« geben kann – Musik ist eben kein Lebensmittel. Aber Musik kann die Hoffnungslosen aufrichten, und sie kann den Müden neue Kraft geben. Von dieser utopischen Haltung und Qualität war der Salzburger »Canto Lirico«-Abend, der in denen, die ihn erleben durften, noch lange nachhallen wird.

Von Lea Desandre, Thomas Dunford und dem Ensemble Jupiter ist letztes Jahr das Album »Amazone« erschienen (Erato).

Das Programm »Lettres amoureuses« kann man in einer Produktion des Théâtre des Champs-Elysées auf Youtube ansehen, allerdings ohne Publikum (das Ensemble Jupiter dort natürlich auch mit Thomas Dunford, ansonsten aber in einer anderen Besetzung als im Salzburger Konzert)

kurzelinks.de/Lettres

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