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Aus: Ausgabe vom 15.08.2022, Seite 8 / Inland
Erdogans langer Arm

»Die Behörden? Sie sagten mir nur, ich solle aufpassen«

Auch in der BRD werden Linke von »Grauen Wölfen« bedroht. Türkische Rechte unterwandern Organisationen. Gespräch mit Ezgi Güyildar
Interview: Henning von Stoltzenberg
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»Wolfsgruß« der »Grauen Wölfe« bei einer Demonstration in München (10.4.2016)

Die Linke NRW meldete vor kurzem, dass Sie und weitere Mitglieder der Partei Morddrohungen erhalten haben. Was genau ist passiert?

Seit ungefähr einem Jahr erhalten hauptsächlich türkeistämmige Menschen Morddrohungen, die anfangs mit »Jitem« unterzeichnet waren. Das ist ein informeller türkischer Geheimdienst, der für viele Morde in der Türkei verantwortlich war. Im Laufe der Zeit wurde immer deutlicher, dass der Absender wohl ein »Grauer Wolf« namens Tayfun Karakol ist. Er hatte versehentlich von seinem beruflichen Profil über das Internet Morddrohungen verschickt. Mittlerweile schickt er mir Fotos, teilt seinen Standort in Essen und schreibt mir, ich werde »in der ersten Runde« ermordet.

Wie erklären Sie sich, ins Visier der »Grauen Wölfe« geraten zu sein?

Ich bin bereits seit mehr als 15 Jahren bei der Migrantenselbstorganisation DIDF, der Föderation der demokratischen Arbeitervereine, aktiv, die sich konsequent gegen Sozialabbau und Arbeitslosigkeit, aber auch gegen Rassismus und Faschismus engagiert. Wir richten uns natürlich auch gegen die türkische Rechte, die in Deutschland ebenfalls an Einfluss gewinnt. Die sogenannte Ülkücü-Bewegung beruht auf einer nationalistischen und rassistischen Ideologie. In der Türkei haben die »Grauen Wölfe« enge Verbindungen zur ultrarechten MHP, dem Koalitionspartner der regierenden AKP von Präsident Erdogan. Sie greifen politische Gegner brutal an. Auch hierzulande bedrohen sie Kritiker des Erdogan-Regimes und sind Sprachrohr der türkischen Politik in Deutschland. So versuchen sie, politisch Aktive einzuschüchtern.

Gab es in der Vergangenheit ähnliche Drohungen?

Es gab bereits Drohungen von türkischen Rechten und aus dem Islamistenlager. Jedoch beschränkten sich diese hauptsächlich auf die digitale Welt. Mehrmals wurde mir von in Deutschland lebenden Menschen mitgeteilt, dass sie mich bei den türkischen staatlichen Behörden bereits als »Terroristin« gemeldet hätten. Man werde mich umbringen, sobald ich in die Türkei einreisen sollte.

Wie aktiv sind diese Gruppierungen in Essen und dem Ruhrgebiet?

In Deutschland sind sie als Dachverband der »Grauen Wölfe«, die »Türk Federasyon«, organisiert. Die ist wiederum ein Teil der »Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland«, kurz ADÜTDF. Mit rund 300 Vereinen und schätzungsweise 18.500 Mitgliedern ist diese die größte rechtsextreme Organisation in Deutschland.

Auch in Essen und im Ruhrgebiet organisieren sie sich, getarnt als Kultur- oder Sportvereine, ebenso in Moscheen wie zum Beispiel der Bewegung Milli Görüs. In den Vereinen wollen sie vor allem junge Menschen für ihre menschenverachtende und hasserfüllte Ideologie gewinnen. Das schaffen sie teilweise sehr erfolgreich, indem sie vereinfachte Erklärungsansätze für Missstände anbieten, die da lauten: »Das geschieht nur, weil wir Türken sind.« Vor allem in der Zivilgesellschaft und in den Kommunen haben die Rechten Anschluss gefunden. Sie unterwandern Parteien und werden in Führungspositionen gewählt. Der ehemalige Vorsitzende des Essener Intergrationsrats, Muhammet Balaban, der für seine homophoben Äußerungen, aber auch seine Unterstützung der Veranstaltungen der »Grauen Wölfe« in der Essener Grugahalle bekannt ist, ist vor kurzem noch mit dem Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen in die Türkei gereist. Diese Reise wurde hauptsächlich mittels der Kontakte von Balaban organisiert. Ein weiteres Beispiel: In den letzten Jahren wurden Demonstrationen gegen die türkische Regierung angegriffen.

Welche Maßnahmen ergreifen die Behörden, um Sie zu schützen und gegen die rechten Drohungen vorzugehen?

Nichts. Es hieß nur, ich solle aufpassen. Der Prüfauftrag für ein Verbot der »Grauen Wölfe« hierzulande wird seit anderthalb Jahren verschleppt.

Ezgi Güyildar ist Vorsitzende des Internationalen Kulturzentrums EKM Essen e. V. und war von 2014 bis 2020 im NRW-Landesvorstand der Partei Die Linke sowie für sie Mitglied im Rat der Stadt Essen

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