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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 14 / Thema
Sprachpolitik

Bessere Wörter, bessere Welt?

Zum Verhältnis von Sprachpolitik, Bewusstsein und Praxis (Teil 1)
Von Kai Köhler
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Worte magisch aufgeladen. Was 1979 in Monty Pythons Film noch als grotesker Umschlag einer Situation Gelächter hervorrief, gilt 2021 ernsthaft als Politik. Steinigungsszene in »Life of Brian«

Vorbemerkung des Autors: Der folgende Text ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags, der auf der von der Marx-Engels-Stiftung organisierten Tagung »Politik per Gender, Sprache und Identität« am 11. Juni in Dortmund gehalten wurde. Im Rahmen der jW-Thema-Seiten ist er eine sehr verspätete Antwort auf jene Beiträge, die Klassen- und Identitätspolitik zusammendenken wollen (Michael Zander: Zusammen kämpfen) und allenfalls problematische Tendenzen der identitätspolitischen Linken zugestehen, ohne daraus grundsätzliche Folgerungen zu ziehen (Felix Werfel: Getrennt marschieren). Vielleicht ist aber das Problematische der Identitätspolitik keine zufällige Randerscheinung, sondern erweist sich gerade darin ihr Wesen.

Im Jahr 1979 entstand der britische Spielfilm »Life of Brian«. Brian lebt um das Jahr Null herum in Judäa, und sein Problem ist, dass er für den Messias gehalten wird. Folgerichtig endet die Komödie mit seiner Kreuzigung. Das erzähle ich aber nicht, weil konservative Christen die Aufführung des Films zu verhindern versuchten, weil also das, was heute Political correctness genannt wird, nichts Neues ist und von Rechten immer schon betrieben wurde. Es geht mir um eine einzelne Szene, sie zeigt eine Steinigung.

Ich widerstehe der Versuchung, die lustigsten Steinigungsscherze nachzuerzählen, und komme auf die zentrale Pointe. Der Hohepriester verkündet der empörten, blutgierigen Menge, welche ungeheure Blasphemie der Delinquent begangen hat: verbotenerweise den Namen Gottes auszusprechen. Das Opfer wendet ein, es sei doch nicht schlimm, »Jehova« zu sagen. Schließlich kann der Mann seine Lage durch eine Wiederholung der Tat kaum weiter verschlechtern, er ist ja schon zum Tode verurteilt. Allerdings führt das zu einem Wortwechsel, in dessen Verlauf der Hohepriester selbst »Jehova« sagt. Folgerichtig trifft der Volkszorn ihn, und er endet unter einem Steinhagel. Zuletzt zerquetscht ihn eine riesige Felsplatte.

42 Jahre später ist in Deutschland Bundestagswahlkampf. Annalena Baerbock als Spitzenkandidatin der Grünen spricht über Rassismus und nennt ein Beispiel. Ein Schüler habe eine Aufgabenstellung abgelehnt, in der das Wort »Neger« vorkam, und sei dann beschuldigt worden, den Schulfrieden zu stören. Es war unverkennbar, dass Baerbock diesen Vorgang als rassistisch anprangerte. Dennoch sah sie sich Protesten gegenüber, denn sie hatte ja das böse Wort »Neger« ausgesprochen.

Nun ist Baerbock, wie wir alle wissen, im vergangenen Herbst die Felsplatte erspart geblieben – wie immer man das im Hinblick auf die gegenwärtigen Folgen beurteilen mag. Es genügte, dass sie Reue zeigte: »Leider habe ich in der Aufzeichnung des Interviews in der emotionalen Beschreibung dieses unsäglichen Vorfalls das N-Wort zitiert. Das war falsch, und das tut mir leid. Denn ich weiß ja um den rassistischen Ursprung dieses Wortes und die Verletzungen, die schwarze Menschen unter anderem durch ihn erfahren.« Worum es mir geht: Was 1979 noch als grotesker Umschlag einer Situation Gelächter hervorrief, gilt 2021 ernsthaft als Politik.

Das einzelne Wort wird mit magischer Bedeutung aufgeladen: Wer es sagt, gilt als rassistisch. Der Zusammenhang, der im angeführten Beispiel unverkennbar rassismuskritisch war, interessierte dabei nicht. Folgerichtig wurde in Ausstrahlungen des Gesprächs das böse Wort durch einen Piepton ersetzt.

Weil ich gerade bei diesem Beispiel bin, möchte ich eingangs ein paar Standardbehauptungen erledigen, die einem solchen Unfug zugrunde liegen. Ich werde dann auf einige Probleme identitätspolitischer Sprachregeln zu sprechen kommen, um in einem Mittelteil damit zusammenhängende sprachtheoretische Fragestellungen hoffentlich allgemeinverständlich darzulegen. Diese Fragestellungen alleine führen noch zu keiner politischen Antwort. Diese aber werde ich am Schluss meines Beitrags zu geben versuchen.

Retraumatisierung durch Wörter?

Ein oft verwendetes Argument ist, dass allein der Gebrauch eines Wortes wie »Neger« – in welchem Kontext auch immer – die Gefahr mit sich bringe, dass ein Angehöriger dieser diskriminierten Gruppe retraumatisiert werde. Ich habe es zum Beispiel in einer Diskussion nach der Aufführung eines gegen Neonazis gerichteten Theaterstücks gehört, in dem eine Bühnenfigur, ein Nazi, in der Tat das böse Wort ausgesprochen hatte. Nun kann man natürlich fragen, was sonst im Theatertext hätte stehen sollen – etwa: »Kommt, Kameraden, lasst uns einen dunkelhäutigen Mitbürger mit Migrationsgeschichte klatschen«? Man hört gleich, das geht nicht. Wahrscheinlich sollte jemand, der begründete Angst vor Retraumatisierung hat, nicht ausgerechnet ein Stück anschauen, in dem laut Ankündigung Nazis auftreten.

Nun kann man zwar Theateraufführungen vermeiden, ist aber vielleicht unvorbereitet, wenn das N-Wort in den Nachrichten fällt. Doch auch hier gilt: Man sollte Angehörigen diskriminierter Gruppen durchaus zutrauen, den Inhalt eines ganzen Satzes zu verstehen. Die Beschimpfung von Persons of Color als »Neger« einerseits und andererseits der Satz: »Jemanden als Neger zu bezeichnen ist rassistisch«, haben exakt das Gegenteil zum Inhalt.

Warum sehen manche Leute dies nicht? Der Kampf gegen böse Wörter statt gegen böse Inhalte entspricht dem Wunsch nach einem ungestörten Dasein. Deshalb, Gipfel der Absurdität, die Forderung an die Sängerin Hedi Mohr, sie möge sich vor einem Auftritt in linken Zusammenhängen von ihrem als rassistisch empfundenen Nachnamen trennen.¹ Deshalb auch die Mode, Triggerwarnungen einzufordern. Streamingplattformen warnen vor ihren Filmen; Universitätsdozenten sollen nicht mehr nur in den USA und Großbritannien vorher ankündigen, falls einer der behandelten Texte Sex und/oder Gewalt beinhaltet oder Suizide, Alkoholismus, rassistische Bemerkungen oder schreckliche Tiere. Berüchtigt ist das Beispiel der Law School an der renommierten US-Universität Harvard. Hier verlangten Studentinnen 2014, sexuelle Gewalt betreffende Paragraphen nicht mehr zu unterrichten; eine extreme Position verlangte sogar, das Verb »to violate«, das nicht nur Vergewaltigung, sondern jedwede Regelverletzung anzeigt, zu vermeiden. All dies mag zartbesaitete Seelen schonen, ist aber nachteilig für die Vergewaltigungsopfer, mit denen sie später im Berufsleben zusammentreffen werden.

Alles, was an ein schlechtes Draußen erinnern könnte, soll aus solch einer zur Idylle gezwungenen Blase wegbleiben. Folglich richtet sich der politische Kampf vor allem gegen diejenigen, die einem nahestehen. Für die Grüne Baerbock bedeutete das Zitat ein Problem, und sie musste sich sehr schnell entschuldigen. Hätte Björn Höcke den Satz gesagt, hätte er allenfalls Schwierigkeiten mit seinen Anhängern bekommen, die das Wort »Neger« auf einem Arbeitsblatt angemessen finden.

Der subjektive Faktor

Wer als Person of Color außerhalb dieser Blase lebt, kann sich derartige Empfindlichkeiten ohnehin nicht leisten. Es gibt ja realen Rassismus: bei der Wohnungssuche, in der Arbeitswelt, beim Racial profiling durch die Polizei. Angesichts dessen kann die Fähigkeit, sich in bestimmten Situationen zu verhärten, weiterhelfen. Überhaupt ist angesichts der derzeitigen Weltlage die Herausbildung einer immer größeren Empfindlichkeit nicht zweckmäßig.

Auf der Wortebene gilt zudem: Eine Verschlüsselung à la »N-Wort« führt nur dann zu einer gelingenden Kommunikation, wenn sie auch wieder angemessen entschlüsselt wird. Man kann das immer weitertreiben, etwa: »das als N-Wort abgekürzte Wort« usw., aber am Ende, wenn es verstanden wird, denkt man doch immer wieder: »Neger«, und damit an die Geschichte einer Unterdrückung.

Aber entscheiden nicht – und damit komme ich zum zweiten Argument – die Unterdrückten, was als rassistisch, als sexistisch, heteronormativ, klassistisch oder wie auch immer gilt? Seit Jahrtausenden haben herrschende Gruppen Erfolg dabei, festzulegen, was als wahr gilt. So ist die Forderung naheliegend, den Spieß einmal umzudrehen und den Beherrschten Definitionsmacht zu geben. Und es stimmt ja auch: Wir alle sind keine Automaten, die streng objektiv die Überzeugungskraft eines Arguments beurteilen. Unsere Individualität ist gesellschaftlich geprägt, durch die Erfahrungen, die wir als Angehörige von Klassen, Geschlechtern und ethnischen Gruppen gemacht haben. Diese Erfahrungen können zu Erkenntnissen führen; wo die Erfahrungen fehlen, werden vielleicht richtige Erkenntnisse nicht nachvollzogen.

Eine naheliegende Schlussfolgerung ist also – ich hab’s schon angedeutet – dass Angehörige diskriminierter Gruppen bestimmen, wo Diskriminierung vorliegt. In den antirassistischen Richtlinien des Theaters Dortmund etwa, die bundesweit von vielen anderen Bühnen übernommen wurden, heißt es: »Eine Äußerung gilt als rassistisch, wenn sich eine an einer Produktion beteiligte Person von einer Äußerung durch Mitarbeitende betroffen fühlt, welche einen Bezug zu der in der Klausel vereinbarten Definition von Rassismus hat.«

Die Probleme allerdings sind offensichtlich. Wenn es heißt: Was die Betroffenen meinen, gilt als wahr, dann ist zunächst zu fragen: Welche Betroffenen? Vielleicht werden ja besonders engagierte Aktivisten gefragt. Besteht wenigstens unter ihnen Einigkeit, ob ein Witz rassistisch oder sexistisch ist, ob er nicht vielmehr rassistische oder patriarchale Strukturen entlarvt, ob er nicht einfach nur anarchisch lustig ist?

Es kann ja vorkommen, dass bei ein und demselben Witz die eine Frau empört über sexistischen Schweinkram schimpft und eine andere herzlich lacht. Das ist zwar auf der Ebene der bloßen Empirie formuliert. Aber es führt auf ein grundsätzliches theoretisches Problem. Sexistisch zu sein oder rassistisch ist nach diesem Weltbild keine Eigenschaft einer sprachlichen Äußerung oder einer sonstigen Handlung. Konsequent wäre die Behauptung: Rassismus und Sexismus kommen nicht in der Gesellschaft vor, sondern in der Empfindung der Betroffenen. Natürlich ist diese Schlussfolgerung nicht erwünscht, und diese Behauptung ist auch offenkundig falsch. Aber sie ergibt sich zwingend aus der falschen Voraussetzung, nämlich umstandslos das als diskriminierend anzusehen, was eine gerade anwesende Person, die einer benachteiligten Gruppe angehört, als diskriminierend empfindet.

Es hilft alles nichts: Will man zusammenarbeiten, sei es politisch, am Theater oder sonstwo, muss man sich mit unterschiedlichen Erfahrungen mühsam auf Kriterien verständigen, was rassistisch oder sexistisch ist. Manchmal wird man sich nicht einigen können, eine Zusammenarbeit wird dann scheitern.

Aber Streitpotential besitzt auch der identitätspolitische Ansatz. Er stellt ein ziemlich vollständiges Set an Mitteln bereit, solidarische Politik zu verhindern. Sich einem fremden Empfinden zu unterwerfen ist eben nicht jedermanns oder jederfraus Sache: zumal ja in der eben skizzierten Logik jeder Einwand, ja sogar jeder Versuch einer Erklärung die Sache noch schlimmer macht und scheinbar beweist, dass der/die Täter*in uneinsichtig ist und rücksichtslos die Opfer weiter verletzt. Dazu kommt, wie gesagt: Von all dem sind nur die ehrlich Bemühten betroffen oder diejenigen, die in Bereichen arbeiten, in denen – wie im Theaterbetrieb – gesellschaftliche Hierarchien problematisiert werden. Für die unbekümmerten Machthaber genügt oberflächliche Anpassung, oder sie profitieren sogar, wie AfD-Politiker, von Neuerungen, die viele Leute als Zumutung und Zwang auffassen.

Letzteren kommt entgegen, dass viele ernsthaft vorgetragene sprachpolitische Vorschläge zur Belustigung geradezu einladen. In einer mittlerweile aus dem Netz genommenen Frühfassung eines Berliner Leitfadens für diskriminierungsfreie Sprache wurde von der Bezeichnung »Farbige« abgeraten. Sachlich trifft es ja zu, dass auch die Weißen nicht wirklich weiß sind; ein mir in sehr freundlichem Ton unterbreiteter Vorschlag lautete: »schweinchenfarben«, leider trifft es das. Allerdings hilft der Vorschlag wenig, statt von »Farbigen« von »Persons of Color« zu sprechen. Man hat dann dasselbe Problem auf englisch. Vor allem ist weiß hier nicht als Farbe wichtig, sondern als Bestandteil eines sozialen Verhältnisses. Und das ist, in Grenzen, variabel. Wer in Brasilien als weiß gilt, kann sich in Deutschland als Person of Color wiederfinden.

Wie aber bekämpft man nach diesem Leitfaden Antisemitismus? Der Vorschlag lautete, dass die Angestellten der Stadt Berlin nicht mehr in abfälligem Ton sagen sollten: »Er ist ein Jude«, sondern ganz neutral: »Er ist ein Jude.« Dergleichen Unfug ist, wie gesagt, mittlerweile gelöscht. Aber er ist unvermeidbar, wenn man in einer Welt voller Diskriminierung eine diskriminierungsfreie Sprache zu entwerfen versucht. Und dieser Unfug spielt denjenigen in die Hände, die die bestehenden Verhältnisse beibehalten wollen.

Taktische Fehler

Unter dem Gesichtspunkt politischer Taktik ist ein Vergleich mit der Bundesrepublik um 1968 lehrreich. Damals war sie zwar modernisiert und ihr Kapitalismus international konkurrenzfähig, doch schleppte sie auf der Erscheinungsebene einige konservative Relikte mit sich, gegen die Provokationen leichtfielen. Manchmal genügten schon lange Haare auf Männerköpfen. Wer aber sich beim Versuch, Veraltetes zu bewahren, zu sehr empört, macht sich leicht lächerlich. So erzielten die 68er auf der Ebene von Kultur und Lebenswelt ihre großen Erfolge, und zwar durch ein Freiheitsversprechen. Den Kern der Gesellschaft, nämlich die Produktionsverhältnisse, vermochten sie hingegen nicht anzutasten.

Die Identitätspolitiker heute zielen in ihrer Mehrheit nicht einmal mehr auf den Kapitalismus. Sogar wenn von »Klassismus« die Rede ist, geht es zumeist nicht um die Beseitigung von Klassenherrschaft, sondern darum, dass Leute, die von unten kommen, gleiche Chancen auf einen Platz ziemlich weit oben haben sollen. Identitätspolitik 2022 hat mit der konservativen Politik von ’68 das gemeinsam, dass sie mit Verboten arbeitet. Entsprechend einfach ist es, ihre Vertreter zu provozieren. Angesichts der an der Oberfläche hochgehaltenen konservativen Sexualmoral von 1968 genügte es, eine Kommune zu gründen und einer Kamera nackte Hintern zu präsentieren. Einen ähnlichen Effekt erzielt 2022, wer öffentlich verkündet, gern ein Zigeunerschnitzel zu essen.

Natürlich geht es hier nicht darum, derartige Patzigkeiten in den Rang von Widerstandshandlungen zu erheben. Das Argument ist vielmehr ein taktisches. Die starke Moralisierung von Sprache führt tatsächlich zu einer politischen Schwächung. Wer durch strenge Sprachregeln Freiheit für alle zu erzwingen sucht, wird leicht als Feind der Freiheit wahrgenommen.

Das ist wenig attraktiv und schreckt Leute ab. Gleiches gilt für eine chiffrierte Sprechweise, die nur noch Eingeweihten zugänglich ist. Wofür »N-Wort« steht, wusste ich zwar. Aber was, um Himmelswillen, mochte das »M-Wort« sein? Nach einigem Suchen fand ich heraus, dass »M« für »Mohr« steht und dass diese Bezeichnung ebenfalls als diskriminierend gilt.

Während dieses Wort immerhin noch allgemein verständlich ist, wird es in anderen Fällen schwieriger. In einem Seminar der Gender Studies an der Humboldt-Universität Berlin kam es zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen einer weißen Transperson und einer, wie es hieß, »cis-positionierten PoC«, also Person of Color. Die Transperson argumentierte, dass dies eine Intervention in einen Schutzraum für Transpersonen darstelle. Somit müsse, als Legitimation, ein_e TransInterGnC (also Gender non-conforming) PoC oder Schwarze_r in die Intervention involviert sein. Wenn ein_e solch_e nicht gefragt werden könne, müsse letztlich eine weiße InterTransGnC die Erlaubnis erteilen, in einem weißen »Transschutzraum« zu intervenieren.²

Es geht mir an dieser Stelle nicht um die drohende Zerspaltung in immer kleinere Opfergruppen, die sich gegenseitig befehden. Es geht mir auch nicht um den Vorgang als solchen, der völlig korrekt mit der Feststellung abgeschlossen wurde, dass ein Universitätsseminar ohnehin kein Schutzraum ist. Was mich hier interessiert, ist, bis zu welchem Grade sich zumindest bei einem Teil der identitätspolitisch Aktiven eine Spezialsprache entwickelt hat, die eine Verständigung mit der Außenwelt als wenig aussichtsreich erscheinen lässt.

Die große Ablehnung, auf die auch einfachere Formen einer genderorientierten Sprachreform in allen Umfragen stoßen, ist zwar kein abschließendes Argument – nach der Beliebtheit des Marx­ismus und vieler seiner Schlüsselbegriffe zu forschen, brächte wohl kaum bessere Resultate. Aber es ist zumindest ein Indiz dafür, dass diese sprachpolitischen Forderungen abschreckend wirken und damit für die Sache, die sie befördern sollen, nachteilig sind.

Nun ist aber der Fall denkbar, dass man in Hinblick auf einen langfristigen Erfolg kurzfristige politische Nachteile in Kauf nehmen muss. Ich werde auf ein sprachpolitisches Beispiel dafür zurückkommen. Die Frage ist also, ob die genannten sprachpolitischen Forderungen eine tragfähige sprachtheoretische Grundlage haben. Keine Sorge, das lässt sich weitgehend ohne linguistische Fachtermini erörtern.

Sprache = Denken?

Ausdrückliche oder stillschweigende Voraussetzung der identitätspolitischen Wortmagie ist der Gedanke, Sprache und Denken würden einander entsprechen. Das heißt – in der allerplattesten Version –, dass mit dem Wort »Neger« auch die Diskriminierung der damit bezeichneten Personen verschwinde. Ich gebe zu, ich überspitze an dieser Stelle – doch nur zu dem Zweck, den Grundgedanken kenntlich zu machen. Auf der Webseite der Stadt Bonn, die Vorgaben für gendergerechte Sprache formuliert, steht jedenfalls als Motto ein Satz der Journalistin Angela Carter: »Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der Gedanken.«

Diese Vorstellung ist nun keineswegs neu. Sie geht zum Beispiel auf Wilhelm von Humboldt zurück, der auf diesem Wege im 19. Jahrhundert die Unterschiede zwischen den Völkern begründete. Dieses Denken in Nationen war nicht notwendigerweise nationalistisch in dem Sinne, dass damit eine Hierarchisierung verbunden sein musste. Sie ist jedoch angedeutet in einer Stelle wie der folgenden: »Die Sprache ist gleichsam die äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker. Ihre Sprache ist ihr Geist, und ihr Geist ihre Sprache, man kann sich beide nie identisch genug denken.« (»Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts«, 1836)

Das hieße, dass die Grenze zwischen den geistigen Welten, in denen die verschiedenen Sprachgemeinschaften leben, kaum zu überwinden wäre. Jede Sprache bedeutete demzufolge einen einzigartigen Zugang zur Welt, der mit anderen Zugängen nicht ohne weiteres zu vermitteln ist. Daran ist sicherlich richtig, dass Texte einer Sprache sich nicht eins zu eins in Texte einer anderen Sprache übersetzen lassen. Schon Wortfelder haben so gut wie nie identische Abgrenzungen. Nehmen wir etwa auf deutsch das Wortfeld »fortbewegen« mit einzelnen Lexemen wie »gehen«, »rennen«, »schleichen«, »humpeln«, »hinken«. Das ließe sich zwar mit »to walk«, »to run«, »to sneak«, »to limp« und laut Wörterbuch wiederum »to limp« übersetzen. Aber ganz genau sind solche Entsprechungen niemals.

Und ich führe noch zwei andere Beispiele an. Das erste betrifft Anredeformen. Ich übersetze einen englischen Text ins Deutsche. Wo im Ausgangstext von »you« die Rede ist, muss ich zielsprachlich ein »Du« oder »Sie« einsetzen. Das entscheide ich aus meiner Kenntnis sozialer Konventionen heraus. Wo es Ungewissheiten gibt, suche ich nach anderen sprachlichen Merkmalen, die auf Vertrautheit oder Distanz schließen lassen. Ich muss also als Übersetzer interpretieren; doch wird es mir vermutlich gelingen, Lösungen zu finden, die deutsche Leser nicht irritieren.

Nun übersetze ich einen Roman aus dem Koreanischen. Hier nun ist die Anrede nicht durch Pronomen gestuft, sondern durch Verbendungen. Das allein wäre kein Problem. Schwieriger ist die Anzahl der Abstufungen. Bei der Übersetzung aus dem Englischen musste ich, begründet durch den Ausgangstext, eine Differenzierung neu einführen. Bei der Übersetzung aus dem Koreanischen bleibt mir nichts anderes übrig, als zu entdifferenzieren (und eventuell Hierarchiesignale an anderer Stelle des Textes einzufügen).

Ich habe nun unter der Hand eine Verschiebung vorgenommen. Während das »Du« oder »Sie«, wo es nicht sozial ohnehin vorgegeben ist wie das Genossen-Du in der Partei oder das Duzen in der Familie, Vertrautheit oder Distanz markiert, stehen die koreanischen Verbendungen für oben oder unten, nach Alter oder Rang. Entsprechend ist gängig, was im Deutschen nur in Ausnahmefällen vorkommt: eine nichtsymmetrische Anrede, was, ins Deutsche übertragen, heißen würde: Der Obere duzt, der Untere siezt.

Als Übersetzer habe ich nun die Wahl, entweder der sprachlichen Form treu zu bleiben oder sie an die Zielsprache anzupassen. Im ersteren Fall riskiere ich das Missverständnis, dass Leser in Deutschland zum Beispiel einen Vorgesetzten, der sich völlig im Rahmen des Üblichen verhält, als außergewöhnlich arrogant missverstehen. Mit der letzteren Variante geht in meiner Übersetzung ein Teil der sozialen Wirklichkeit, wie sie sich in der Sprache abbildet, verloren.

Damit ist nun eine zweite Verschiebung geschehen. Das Zweierschema Sprache und Denken habe ich zu einem Dreieck ausgeweitet. Hinzugekommen ist das Gesellschaftliche, von dem ich eben – unvollkommen genug – gesagt habe, dass es sich in der Sprache abbilde. Unvollkommen ist diese Formulierung, weil Sprache nicht nur die Funktion hat, Dinge zu bezeichnen, also etwa das Wort »Baum« für die Pflanze mit Wurzeln, hölzernem Stamm, Ästen und Blättern. Vielmehr hat sie ebenso eine Praxisfunktion – im Fall der Anredeformen also, eine Hierarchie immer wieder neu auszuführen oder aber sie mittels Regelverletzung anzugreifen.

Hier ist eine Ebene gewonnen, von der aus das Verhältnis von Sprechen und Denken genauer bestimmt werden kann. Dies soll der zweite Teil dieses Beitrags klären. Dem Ausflug in die Theorie folgt dann ein weiterer Blick auf die Praxis.

Anmerkungen

1 Patsy l’Amour laLove: Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. In dies.: Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Berlin 2017, S. 27

2 Zitiert nach Jakob Hayner: Bringt euch in Sicherheit! Wenn der Alltag zum Schutzraum wird. In: Patsy l’Amour laLove, a. a. O., S. 89–92, hier S. 90

Von Kai Köhler erschien auf diesen Seiten zuletzt am 9. Juli eine Erinnerung an Ernst von Salomon: »Ein ordnungsliebender Anarch«.

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  • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (15. August 2022 um 13:05 Uhr)
    Kai Köhler hat sehr lebendig, verständlich und präzise auf Fragen reagiert, die durch das Agieren der Sprachpolizisten aller Couleur ständig auch in die Welt der Sozialisten hineingetragen werden. Es ist ihm zuzustimmen, dass nette Wörter (und nette Schreibweisen) für wenig nette Zustände lediglich die Gefahr erhöhen, dass eine untragbare Situation verharmlost werden kann. Vieles, was da geschieht, ist wirklich sektiererisch und diskreditiert lediglich die Anliegen, um die es eigentlich gehen sollte. Manch einem, der da versucht, die Welt mit neuen Begriffen zu beglücken, statt sie zu verändern, muss man wirklich Kai Köhlers Satz ins Stammbuch schreiben, dass man sich zu politischen Fragen praktisch verhalten muss und sich nicht in Redereien erschöpfen darf. Denn die gelebte Praxis ist im Leben der Menschen weitaus einprägsamer und wichtiger als der nachgeplapperte Gebrauch alter oder neuer Bezeichnungen.
  • Leserbrief von Joán Ujházy (14. August 2022 um 20:02 Uhr)
    Welche Blüten das Gendern treibt, besonders im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (hier WDR), ist die Kreierung eines neuen Berufszweiges. Es gibt mittlerweile nicht mehr nur den Beruf der Intensivkrankenschwester, sondern seit neulich auch den Beruf der Intensivkrankenschwesterin. Siehe hier: https://twitter.com/i/status/1557350062853955586

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