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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Tagebuch – in dieser großen Zeit

In Berlin, da brennt ein Grunewald

Von Pierre Deason-Tomory
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Rauchschwaden über dem Teufelsberg

Samstag, 6. August

Am Donnerstag war dort auf einem Sprengplatz, auf dem Weltkriegsbomben und Feuerwerkskörper gelagert werden, ein Feuer ausgebrochen. Seitdem kracht es manchmal. Vielleicht bekommen die Berliner jetzt einen zweiten Wannsee.

Sonntag, 7. August

RBB-Intendantin Schlesinger ist zurückgetreten. Und in Berlin brennt immer noch der Grunewald. Bumm.

Montag, 8. August

Kanzler Scholz soll noch einmal zur »Cum-Ex«-Affäre um die Hamburger Warburg-Bank aussagen. Im Schließfach von SPD-Strippenzieher Johannes Kahrs, der 2016 Gespräche zwischen Scholz und Bankchef Christian Olearius vermittelt hatte, wurden 200.000 Euro gefunden und bei seinem Kreisverband eine 45.000-Euro-Spende von Olearius. Kahrs und Scholz sind offenbar günstig zu haben. Des heutigen Kanzlers damaliger Senat hat diesem Geldinstitut immerhin eine 46-Millionen-Strafe erlassen. Die Staatsanwaltschaft stieß im Handy der für die Sache zuständigen Finanzbeamtin auf einen Chat, in dem sie von einem »teuflischen Plan« schreibt, der aufgegangen sei. Die Sache ist eindeutig: Die Justiz wird am Ende feststellen, dass das alles nicht strafbar war. Und in Berlin brennt immer noch der Grunewald.

Dienstag, 9. August

Das SPD-Schiedsgericht Region Hannover musste gestern entscheiden, ob Gerhard Schröder gegen die Parteistatuten verstoßen hat.

»Wieso parteischädigendes Verhalten? Okay, mit Hartz IV habe ich die SPD halbiert, aber es war zum Wohle des Landes!«

»Die Agenda ist Schnee von gestern, Gerhard. Es geht um deine Gasprom-Deals!«

»Ach so, das. Hab’ ich auch zum Wohle des Landes gemacht.«

»Du hast Millionen kassiert!«

»Nu lassen wir doch mal die Kirche im Dorf, das ließ sich doch gar nicht vermeiden!«

»Ja? Also, wenn sich das also gar nicht vermeiden ließ … Versteuert hast du das Geld, oder?«

»Mein Ehrenwort.«

»Dann müssen wir am Ende wohl feststellen, dass das alles nicht gegen die Statuten verstößt. Freispruch und Feierabend! Du kannst jetzt die Tänzerinnen reinholen, Gerhard.«

»Was riecht hier eigentlich so verkohlt?«

»Berlin. Der Grunewald brennt.«

Mittwoch, 10. August

Die Liste der Vorwürfe gegen die Exintendantin Patricia Schlesinger wird immer länger. Es geht um luxuriöse Privatfeten auf RBB-Kosten, dem Ehemann zugeschanzte Aufträge, Boni, Büromöblierung, Dienstwagen und andere Annehmlichkeiten. Jetzt ermittelt auch die Staatsanwaltschaft, am Ende wird die Justiz aber feststellen, dass das alles nicht strafbar war. Und dass in Berlin immer noch der Grunewald brennt.

Donnerstag, 11. August

Und brennt.

Freitag, 12. August

Der Bundesgerichtshof hat vor vier Wochen den CSU-Landtagsabgeordneten Alfred Sauter und den Bundestagsabgeordneten Georg Nüßlein (Ex-CSU) vom Vorwurf der Bestechlichkeit freigesprochen. Die beiden hatten zu Beginn der Pandemie dafür gesorgt, dass die Landes- und die Bundesregierung überteuerte Mundnasemasken kauften, und kassierten dafür 1,2 Millionen beziehungsweise 660.000 Euro. Der BGH begründete den Freispruch so: Dass Abgeordnete »außerhalb der politischen Arbeit« ihren Einfluss geltend machten, werde im Strafgesetzbuch »nicht erfasst«. Also kamen sie zu dem Schluss, dass das alles nicht strafbar ist. So wie immer. Und in Berlin brennt bald nicht mehr nur der Grunewald. Das ist nicht nur ein Grund zur Freude: Teile des Volkes, das dann zündelt, werden später Bücher verbrennen.

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